Späte Ehrung 102-Jährige erhält Doktortitel

Sie gilt als älteste Promovendin der Welt: Eine 102-Jährige bekam 77 Jahre nach Fertigstellung der Dissertation ihren Doktortitel verliehen. Weil ihre Mutter Jüdin war, hatten ihr die Nazis die mündliche Prüfung verwehrt.

Von Christian Engel

REUTERS

Als sie endlich die Promotionsurkunde in den Händen hält, strahlt die 102-Jährige im Blitzlichtgewitter wie eine Mittzwanzigerin. So alt war die Kinderärztin und Medizinprofessorin Ingeborg Syllm-Rapoport, als sie 1938 ihre Dissertation über Diphtherie eingereicht hat. Weil ihre Mutter Jüdin war, hatten die Nazis ihr damals den Doktortitel verweigert. 77 Jahre danach übergab ihr das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) in einer feierlichen Zeremonie am Mittag nun ihre Promotionsurkunde.

Bei der Zeremonie im bis auf den letzten Stehplatz gefüllten Festsaal des Universitätsklinikums sagte Syllm-Rapoport, sie nehme die Urkunde auch im Namen all derer entgegen, die während der Zeit des Nationalsozialismus in einer weit schlimmeren Situation waren als sie selbst. Sie sehe in der Verleihung "ein hoffnungsvolles Zeichen eines neuen, anderen, humanistischen Geistes an einer deutschen Universität."

Ihre Tochter, die Kinderärztin Susan Richter erzählte, dass ihre Mutter sich durch ihre Neugier und ihren "Wunsch, jedem zu helfen" auszeichne. Noch heute sei sie ein "Anziehungspunkt für viele Menschen". Das zeigte sich auch während der Verleihung: Die Besucher - unter ihnen auch Freunde und Verwandte der Hunderjährigen - standen zum Applaus auf, als der Dekan Syllm-Rapoport ihr die Urkunde überreichte.

Ohne Bücher und Computer

1937/38 hatte Syllm-Rapoport als Assistenzärztin am Israelitischen Krankenhaus Hamburg gearbeitet und ihre Doktorarbeit geschrieben. Wegen der Rassegesetze durfte sie als Frau jüdischer Abstammung aber nicht promovieren und die nationalsozialistischen Hochschulbehörden ließen sie nicht zur mündlichen Prüfung zu.

Fast acht Jahrzehnte später nahmen ihr im Mai Professoren des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) ihre mündliche Doktorprüfung ab. Da sie kaum noch sieht und weder Bücher lesen noch Computer nutzen kann, halfen ihr Angehörige und Freunde bei der Vorbereitung für die Verteidigung.

Brillant sei die 102-Jährige bei der mündlichen Prüfung gewesen, sagte Uwe Koch-Gromus, Dekan der Medizinischen Fakultät. Syllm-Rapoport habe prägnant und frei gesprochen. Dabei habe sie ihre 77 Jahre alte Dissertation scharf kritisiert. "Sie ließ nichts davon übrig." Gleichzeitig habe die emeritierte Professorin einen neuen Ansatz zur Lösung der Fragestellung vorgestellt, der ihn und die beiden anderen Prüfer "mehr als beeindruckt" habe. Syllm-Rapoport bestand mit der Gesamtnote magna cum laude.

Für Syllm-Rapoport geht damit ein acht Jahrzehnte andauerndes Unrecht zu Ende. Ihr Doktorvater Rudolf Degkwitz hatte ihr 1938 bescheinigt, "dass diese Arbeit von mir als Doktorarbeit angenommen worden wäre, wenn nicht die geltenden Gesetze wegen der Abstammung des Frl. Syllm die Zulassung zur Promotion unmöglich machten". Der Volksgerichtshof verurteilte Degkwitz später zu sieben Jahren Zuchthaus. Er hatte unter anderem oppositionelle Kreise unterstützt und sich gegen Kinder-Euthanasie engagiert.

Nationalpreis der DDR

Syllm-Rapoport selbst emigrierte 1938 in die USA. Dort litt sie sehr unter ihrem fehlenden Doktortitel. Ihr Schicksal interessierte zunächst niemanden und ohne den akademischen Grad konnte sie keine bezahlte Arbeit als Ärztin finden. 1942 gelang es ihr mit einem Stipendium, den Medical Doctor als Jahrgangsbeste abzuschließen.

1944 lernte sie in Cincinnati (Ohio) ihren Mann kennen, den Mediziner und Biochemiker Samuel Mitja Rapoport (1912-2004). Beide engagierten sich in der kommunistischen Partei. US-Präsident Harry S. Truman verlieh Samuel Rapoport nach dem Krieg eine Auszeichnung für seine Forschung zur Konservierung von Blut. Dennoch drohte ihm Anfang der Fünfzigerjahre eine Vorladung wegen seiner kommunistischen Aktivitäten. Rapoport erfuhr davon auf einer Konferenz in der Schweiz und kehrte nicht in die USA zurück.

Das Paar zog 1952 nach Ost-Berlin. Dort arbeiteten beide an der Charité. Syllm-Rapoport habilitierte sich und wurde 1968 zur ordentlichen Professorin berufen. Sie baute die Abteilung für Neugeborenenheilkunde an der Charité auf. 1984 erhielt sie den Nationalpreis der DDR.

Jetzt dürfte Syllm-Rapoport der älteste Mensch sein, der je eine Doktorprüfung abgelegt hat. Bisher hielt das Guiness-Buch der Rekorde diesen Titel für Heinz Wenderoth bereit. Der Medizinprofessor aus Elsfleth bei Bremen hatte 2008 im Alter von 97 Jahren über Zellbiologie promoviert. Seine Karriere hatte er ebenfalls als Kinderarzt begonnen, im Jahr 1936 am Hamburger UKE.

mit Material von dpa

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