Promotionsexperte im Interview "Damit kommt Guttenberg nicht davon"

Kann Karl-Theodor zu Guttenberg seinen Doktortitel einfach so abgeben? Das vielleicht schon, sagt Deutschlands führender Promotionsexperte, der Wissenschaftsrechtler Wolfgang Löwer im Interview. Doch damit hat das Verfahren gegen den Verteidigungsminister noch lange kein Ende.

Ex-Doktor Guttenberg: "Blödsinn ist die Arbeit sicherlich nicht"
DPA

Ex-Doktor Guttenberg: "Blödsinn ist die Arbeit sicherlich nicht"


SPIEGEL ONLINE: Herr Löwer, der Verteidigungsminister hat angekündigt, seinen Doktortitel zurückzugeben. Geht das überhaupt?

Wolfgang Löwer: Dazu gibt es keine klare Regelung. Nach meiner Einschätzung ist das wohl möglich. Sie können auch einen Führerschein freiwillig wieder abgeben. Wir Juristen sprechen von einer "günstigen Rechtsstellung", die er erreicht hat durch die Promotion. Es gibt kein zwingendes Argument, wie sie jemandem verbieten wollen, auf diese Rechtsstellung, also den Doktorgrad, zu verzichten. Er muss allerdings die Urkunde abgeben.

SPIEGEL ONLINE: Guttenberg streicht zwei Buchstaben, sagt "mea culpa" - und das war es dann?

Löwer: Nein, er ist nur der Entziehung seines Doktorgrades zuvorgekommen. Damit kommt Guttenberg aber nicht davon, jedenfalls nicht akademisch. Unberührt bleibt zweierlei: Zum einen die Verletzung des Urheberrechts - hier ermittelt der Staatsanwalt. Zum anderen muss die Dissertation von Herrn zu Guttenberg gegebenenfalls aus dem Verkehr gezogen werden. Deswegen muss die Kommission an der Universität Bayreuth ihr Verfahren fortsetzen und offiziell von Amts wegen feststellen, ob die Arbeit zum Beispiel als Plagiat einzustufen ist.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Löwer: Weil die Dissertation noch als zitierfähiges Werk in den Bibliotheken steht. Das aber setzt voraus, dass der Autor sie eigenhändig und unter korrekter Angabe aller Quellen erstellt hat. Und hier hat Guttenberg ja selbst schwere Fehler eingeräumt.

SPIEGEL ONLINE: Bei ihm hört es sich noch immer etwas despektierlich an: Er spricht von Blödsinn, den er da geschrieben habe.

Löwer: Blödsinn ist die Arbeit sicherlich nicht. Sie entspricht aber nicht den Erfordernissen: Wo Guttenberg draufsteht, muss auch Guttenberg drin sein.

SPIEGEL ONLINE: Wird Guttenberg zum Präzedenzfall?

Löwer: Ein Stück weit betreten wir juristisches Neuland. Mir ist kein ähnlicher Fall bekannt. Normalerweise versuchen Plagiatoren, den Titelentzug zu verhindern. Oder sie versuchen noch während des Promotionsverfahrens ihre eingereichte Arbeit wieder zurückzuziehen, wenn sie bereits aufgeflogen sind - das allerdings können sie wohl eher nicht.

SPIEGEL ONLINE: Die Vorwürfe gegen Guttenberg prüft die Universität Bayreuth, die ihm den Titel verliehen hat und seine Arbeit mit "summa cum laude" ausgezeichnet hat. Wird hier der Bock zum Gärtner gemacht?

Löwer: Nun, das Verwaltungsrecht schreibt das so vor. Wer verleiht, entzieht auch. Es ist rechtlich zwingend, dass die Universität Bayreuth Herrin des Verfahrens ist.

SPIEGEL ONLINE: Aber ist das richtig?

Löwer: Ja! Denn der Doktorand versichert ja gegenüber der Universität, eigenhändig und korrekt gearbeitet zu haben. Es ist die Universität, die durch Täuschung geschädigt wird - und die ein Interesse hat, dagegen vorzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Im konkreten Fall müsste eine Universität, die sich mit ihrem berühmten Absolventen Guttenberg schmückt, einräumen, dass sie ihn zu Unrecht promovierte.

Löwer: Nein, nicht die Universität hat einen Fehler gemacht. Sie ist getäuscht worden. Auch als betreuender Doktorvater bemerken sie ein Plagiat nicht unbedingt. Sie können kaum die gesamte Literatur überblicken, so dass ihnen abgeschriebene Passagen bekannt vorkommen. Und Stilbrüche werden von geschickten Täuschern vermieden.

SPIEGEL ONLINE: Der Umfang der kopierten Stellen in Guttenbergs Arbeit ist schon auffällig.

Löwer: Jeder Hochschullehrer kennt Fälle, wo ihm Plagiate nicht aufgefallen sind. Man fühlt sich getäuscht, man wurde betrogen. Und die Getäuschten sind nicht zögerlich, den Titel in einem solchen Fall zu entziehen.

SPIEGEL ONLINE: Müsste gründlicher geprüft werden?

Löwer: Bei Studenten verlangen wir schon, dass sie jede Prüfungsleistung auch als digitale Datei einreichen, damit wir drohen können: Wir vergleichen die Arbeit.

SPIEGEL ONLINE: Sie drohen, aber sie überprüfen nicht jede Arbeit?

Löwer: Natürlich nicht, das wäre kaum zu schaffen. Wir überprüfen Stichproben. Kein Schummler kann sich sicher sein.

SPIEGEL ONLINE: Doktoranden müssen ihre Dissertation nicht als pdf- oder Word-Datei einreichen?

Löwer: Nein, nicht unbedingt. Es ist jedenfalls keine allgemeine Regel aller Fakultäten. Wir bringen den Doktoranden Vertrauen entgegen; das impliziert mögliche Enttäuschungen. Über mehr Kontrolle können die Fakultäten immer nachdenken.

SPIEGEL ONLINE: Mit der Rückgabe des Titels könnte Guttenberg seine politische Karriere sichern. Imponiert Ihnen die Gewandtheit des Ministers?

Löwer: Akademisch ist "Gewandtheit" völlig egal. Mit solchen Schachzügen, ob nun geschickt oder nicht, kann er im Wissenschaftsbetrieb nicht punkten. Wir sind selbst eitel genug, um uns davon nicht beeindrucken zu lassen.

Das Interview führte Oliver Trenkamp



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 430 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Gebetsmühle 22.02.2011
1. wird sich zeigen
Zitat von sysopKann Karl-Theodor zu Guttenberg seinen Doktortitel einfach so abgeben? Das vielleicht schon, sagt Deutschlands führender Promotionsexperte, der Wissenschaftsrechtler Wolfgang Löwer im Interview. Doch damit hat das Verfahren gegen den Verteidigungsminister noch lange kein Ende. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,747049,00.html
ich geh davon aus, dass die uni in bayreuth das verfahren bald mit der aberkennung beenden wird. was dadraus sonst noch so folgt, wird sich zeigen. vermutlich muss der betreuer und das institut oder die fakultät das geld zurückgeben, das sie vom steuerzaler für die promotion bekommen hat. vielleicht hat ja sogar jemand den mut den amigofilz im land aufzudecken. aber das glaub ich eigentlcih nicht.
Emmi 22.02.2011
2. Wieso kann Herr Guttenberg...
..durch die Rückgabe seines Doktortitels seine politische Karriere sichern!? Ist es denn auch dann noch egal, wenn man als Politiker des Betrugs *überführt* und *geständig* ist??? Kann so einer am Ende noch Bundeskanzler werden, also wenn man schon *vorher* weiß, dass er vor Betrug nicht zurückschreckt!
Michael KaiRo 22.02.2011
3. Strafverfahren gegen Guttenberg?
Zitat von sysopKann Karl-Theodor zu Guttenberg seinen Doktortitel einfach so abgeben? Das vielleicht schon, sagt Deutschlands führender Promotionsexperte, der Wissenschaftsrechtler Wolfgang Löwer im Interview. Doch damit hat das Verfahren gegen den Verteidigungsminister noch lange kein Ende. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,747049,00.html
Schade, dass ein mögliches Strafverfahren gegen Guttenberg nicht erörtert wurde. Immerhin hat er als Minister (!) gelogen, betrogen und plagiiert. Ist das alles in Deutschland etwa nicht strafrelevant?
maik.loeffler@gmx.de 22.02.2011
4. Wenigstens ein Rücktritt aus der Politk muss die Folge sein...
Es kann nicht sein, dass wir Lügner dulden und diese ungeschoren davon kommen. Sonst kann doch jeder sein Abitur, gleich mit Lösungsheften, absolvieren. Das ist doch kein Beispiel für unsere junge Generation, daher sollte Herr Guttenberg sein Amt aufgeben und der Politik fern bleiben. Seine Gier, unbedingt das Amt auszuüben, dürfte man nicht akzeptieren - zumindest das Volk dürfte es nicht - und das kann mächtig sein, wie es uns Ägypten und Tunesien eindrucksvoll gezeigt hat.
roterschwadron 22.02.2011
5. Das weitere Verfahren
Zitat von Gebetsmühleich geh davon aus, dass die uni in bayreuth das verfahren bald mit der aberkennung beenden wird. was dadraus sonst noch so folgt, wird sich zeigen. vermutlich muss der betreuer und das institut oder die fakultät das geld zurückgeben, das sie vom steuerzaler für die promotion bekommen hat. vielleicht hat ja sogar jemand den mut den amigofilz im land aufzudecken. aber das glaub ich eigentlcih nicht.
Das Zauberwort heißt "Verstoß gegen das Urheberrecht". Das ist eine Straftat, keine "Kleinigkeit". Der Rücktritt als Minister wird gerade mal der Anfang der entsprechenden Konsequenzen sein. Und zum 500. Mal meine Frage: ermittelt inzwischen die Staatsanwaltschaft? Ich habe das schon etliche Male gepostet und bekomme immer mehr den Eindruck, daß solche Fragen dem Redakteur of the day nicht genehm sind...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.