Leben und Lernen

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Neue Protestbewegung an Unis

Aufstand in den Lernfabriken

An deutschen Hochschulen ist eine neue Form des Protests entstanden - und zwar von Studis, Wissenschaftlern und Verwaltungsleuten gemeinsam. Ihr Ziel: Schluss mit der Ökonomisierung der Bildung.

Von

DPA

Hörsaalbesetzung in Freiburg (Archiv)

Mittwoch, 26.04.2017   14:34 Uhr

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"Wir haben es uns vor dem Hörsaal 1a gemütlich gemacht. Kommt vorbei! #FUbesetzt". Diesen Tweet schickte kürzlich der Nutzer @fubesetzt in die Welt, und er zeigt: An der Berliner FU herrscht Aufbruchstimmung - zumindest unter einigen Studenten.

Rund 70 junge Frauen und Männer hatten vergangene Woche einen Hörsaal besetzt. Erst spät abends, als die Uni die Polizei gerufen hatte, beendeten sie ihren Protest. Und die nächste Versammlung ist schon geplant, derweil haben die Studenten ein Protestcafé vor dem Hörsaal eingerichtet.

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Unzufriedenheit gibt es auch in vielen anderen Hochschulen. In Initiativen schließen sich Studierende, Lehrkräfte und Verwaltung zusammen, um Grundsätzliches an den Arbeitsbedingungen aller zu ändern. Sie stören sich an der Ökonomisierung der Lehre, vulgo: "Lernfabrik".

Einer der Mitorganisatoren der FU-Besetzung erklärt. "Es gärte schon lange, wir wollten spontan zum Semesterauftakt ein Zeichen setzen." Das Ziel der Truppe ist "eine Bewegung, die das Selbstverständnis der Studierenden verändert." Sie hofft darauf, dass Studierende sich politisieren lassen, Forderungen entwickeln.

Uni von unten

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Schon Anfang des Jahres hatte es in Berlin eine Aktion gegeben, die für Aufsehen sorgte. Das Institut für Sozialwissenschaften (ISW) an der Humboldt-Universität war fünf Wochen lang bestreikt worden. Ein Ausdruck der Wut und des Frusts, die vielerorts an den Unis herrschen. Begonnen hatte die Besetzung als spontaner Protest gegen die - inzwischen revidierte - Kündigung des Soziologen Andrej Holm, doch die Agenda ging schnell über die Personaldebatte hinaus. "Es geht uns um die Demokratisierung der Hochschule, um Uni von unten", sagten damals drei Studierende, die als Sprecher der Protestgruppe auftraten.

Er sei sehr skeptisch, wie lange der Impuls anhalte, unkte Peter Grottian damals. Er ist so etwas wie der weise Haudegen des Aktivismus, Professor am Berliner Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft und spezialisiert auf soziale Bewegungen. "Es ist ein zartes Blümchen, das man ernst nehmen muss, aber man darf es nicht überschätzen."

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Protest an der Humboldt-Universität (im Januar 2017)

Grottians Zweifel sind der oft üblichen Halbwertszeit von derlei Aktivismus geschuldet: Protest versiegt. Oder wie es Mandy Gratz vom Vorstand des Freien Zusammenschlusses von Studierendenschaften FZS formuliert: "Der Kern von Protest an Hochschulen ist, dass er nicht nachhaltig ist." Doch genau das scheint sich derzeit zu ändern.

An vielen Hochschulen sind zuletzt Netzwerke entstanden, Ende März fand in Frankfurt die Konferenz "Lernfabriken meutern" statt. Neu ist, dass sich die Bewegungen an den Unis hierarchieübergreifend aufstellen. Sie verstehen sich nicht als reine Studierendenvertretung. Wie etwa die Hochschulgewerkschaft "Unterbau" an der Frankfurter Goethe-Universität: "Wir wollen eine tief greifende, andauernde Form von Politisierung", erklärt Mitgründerin Conny Pretz. Die Gewerkschaft will für Mensamitarbeiter, Verwaltungspersonal, Hiwis und Lehrkräfte gleichermaßen da sein - quer durch die verschiedenen Statusgruppen.

Ähnliches passiert gerade an der Dresdner Uni: "Arbeitnehmer an Hochschulen sollen sich endlich organisieren und kampagnenfähig werden", sagt Mathias Kuhnt von der dortigen Mittelbau-Initiative. "Wir wollen in der Lage sein zu streiken." Mit Vertretern von rund 40 anderen Hochschulen gründete er im Januar das bundesweite "Netzwerk für gute Arbeit in der Wissenschaft", um gegen prekäre Arbeitsbedingungen zu kämpfen.

Schon deutlich älter ist die organisierte Kritik an der Ökonomisierung des Wissens im Bereich Wirtschaftswissenschaften. Bereits 2007 gründete sich das "Netzwerk plurale Ökonomik", das nicht nur neoliberalen Stoff im Curriculum sehen will. Die Mitglieder, Studis wie Dozenten, organisieren Ringvorlesungen und Marx-Lesegruppen. "Wir wollen Hierarchien hinterfragen - nicht nur wissenschaftlich, sondern auch jene im akademischen Betrieb selbst", sagt Daniel Obst. "Ich hoffe, dass der ISW-Protest Teil einer größeren Bewegung ist und sich Studis weiter politisieren."

"Die Hochschule selbst ist ein politischer Raum"

Mancher Beobachter spricht schon von der "Repolitisierung" der Unis. Denn seit der Bologna-Reform war das Engagement für die Studierenden schwieriger geworden: Wer Bafög bezieht, kann nicht einfach Prüfungen sausen lassen - sonst fliegt er oder sie aus dem System. Auch darum wird Aktivismus nun vielerorts verstetigt; es geht um mehr Mitbestimmung, aber auch um Solidarität.

So forderten die ISW-Besetzer etwa Anfang des Jahres "als ersten Schritt gegen prekäre Beschäftigungsverhältnisse" vom Berliner Senat und der Hochschulleitung "Dauerverträge für Daueraufgaben". Dieser Blick sei selten, so Protestforscher Grottian: "Gerade junge Studierende, die etwas ändern wollen, haben oft keinen Schimmer von Unistrukturen." Mittelbau-Aktivist Kuhnt ergänzt: "Gerade zu den Bundestagswahlen ist es wichtig, Druck aufzubauen."

Mag sein, dass sich sogar etwas tut. So erklärte HU-Präsidentin Sabine Kunst, es sei positiv angekommen, wie die ISW-ler mitwirken wollen. "Wie und in welchem Gremium ist noch zu diskutieren," so Kunst. "Es gilt natürlich nicht nur für diesen Fachbereich, sondern für die Gesamtuni, dass Studierende noch mehr Einfluss als bisher auf die Lehre bekommen sollen - wie das strukturell umzusetzen ist, ist in den nächsten Monaten zu erarbeiten."

Hauptsache, die Motivation des Protests werde ernst genommen, findet FZS-Vorstandsfrau Gratz: "Das sind keine Chaotinnen, die Räume besetzen, sondern Leute mit einem deutlichen Bild davon, wie sie sich einbringen wollen."

Das zeigte auch der Slogan, der im besetzten ISW an den Wänden hing. Angelehnt an den alten Hausbesetzerspruch "Macht kaputt, was euch kaputt macht" von Rio Reiser stand auf ihren Postern: "Bau auf, was dich aufbaut". Ob die FU-Protestler das schaffen, müssen sie allerdings erst beweisen.

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