Prüfungen Ich spicke, also lerne ich

In der Schule hagelte es eine Sechs, wenn man bei der Klausur mit einem Spickzettel erwischt wurde. Bei einem Mathe-Professor im Ruhrgebiet dagegen ist Spicken ausdrücklich erwünscht. Der Lernstoff, sagt er, bleibt so bei den Studenten viel besser haften.

Von Nicole Lücke


Wenn Prof. Dr. Hans-Bernd Knoop an der Universität Duisburg-Essen während einer Klausur durch die Bankreihen geht, bleiben seine Studierenden entspannt. Keiner dreht schnell das Lineal auf die Rückseite oder schiebt möglichst unauffällig den Unterarm aufs Löschblatt. Denn bei dem Mathematiker Knoop sind Spickzettel erlaubt. Sie liegen als Din-A4-Blätter offen auf den Tischen. "Es gibt nicht einmal Vorgaben, was draufstehen darf", sagt Knoop.

Fröhlicher lernen: Spicken als Erinnerungshilfe
Getty Images

Fröhlicher lernen: Spicken als Erinnerungshilfe

Knoop ist nicht der einzige Professor, bei dem Spickzettel zu offiziellen Hilfsmitteln in Klausuren gehören. Besonders in den Naturwissenschaften gehen immer mehr Professoren dazu über, persönliche Notizen regelrecht zu fördern. Kritik wie "Spicken statt Lernen" lassen sie nicht gelten.

Knoop ist davon überzeugt, dass seine Studenten sogar besser lernen, seit sie Spickzettel benutzen dürfen: "Die Studenten müssen sich vor der Klausur Gedanken darüber machen, was wichtig ist, und die wesentlichen Stichpunkte herausfiltern. So bringen sie eine persönliche Struktur in die Vorlesung und in den Lernstoff."

Nur handgeschriebene Zettel

Das klingt logisch und wird von Prof. Dr. Detlev Leutner bestätigt, der als Lehr und Lernpsychologe an der Universität Duisburg-Essen Lernstrategien erforscht. "Die Studierenden verschaffen sich einen Überblick über die Sachverhalte und setzen die Fakten in Relation zueinander. Das Erstellen des Spickzettels führt zu einer besseren Verarbeitung des Lernstoffes, mit dem Effekt, dass der Zettel selbst meistens nicht mehr gebraucht wird."

Das funktioniert allerdings nur, wenn die Studierenden nicht einfach Fakten kopieren. Knoop hat für die Spickzettel daher Beschränkungen eingeführt. Abhängig von der jeweiligen Klausur dürfen sie nur zwei beziehungsweise vier Din-A4-Seiten mit in die Klausur bringen, die Zettel müssen handgeschrieben sein, das Kopieren am Computer ist nicht erlaubt.

"Viel Platz ist das nicht", sagt Knoop. "Ein 150-seitiges Vorlesungsskript lässt sich nicht einfach auf zwei Seiten zusammenfassen. Die Zusammenhänge müssen die Studenten also kennen."

Solche Beschränkungen seien genau der richtige Weg, sagt Leutner. "Der Spickzettel muss räumlich begrenzt sein, damit die Studierenden gezwungen werden, den Lernstoff zu organisieren und auf die wesentlichen Aspekte zu reduzieren." Das ist auch Hans-Bernd Knoops Ziel: "Ich möchte ihnen auf diese Weise beibringen, selbstständig zu entscheiden, was sie wirklich wissen müssen und was nur Beiwerk ist."

Auswendiglernen müssen die Studenten trotzdem

Aber ist es nicht wichtig, bestimmte Sachverhalte im Kopf zu haben? "Natürlich", sagt Knoop, "um das Auswendiglernen kommen die Studenten nicht herum." Es sei vergleichbar mit dem Erlernen einer Sprache: "Grundlegende Vokabeln müssen Sie nach einer gewissen Zeit im Kopf haben. Ein ungewöhnliches Wort schlagen Sie nach. Das hilft aber alles nichts, wenn Sie die Grammatik nicht beherrschen."

Früher hatte Knoop versuchsweise alle Nachschlagewerke in Klausuren erlaubt. "Einige Studenten kamen daraufhin mit Sporttaschen voller Bücher an – und haben die ganze Zeit mit Blättern verbracht." Das sei der Unterschied zum Spickzettel. Er dient nur als eine Art Erinnerungshilfe, um das Gelernte abzurufen.

Und was sagen die Studierenden dazu? Jens Krommweh hat bei Knoop studiert und die Spickzettel als echte Hilfe empfunden: "Das Gute ist, dass man vorher überlegen muss, was wichtig ist." Und noch einen Effekt hätten die Notizen für ihn gehabt: "Es ist eine psychologische Stütze. Es beruhigt, den Spickzettel zu haben."

Tatsächlich gebraucht hat Krommweh seinen Spickzettel übrigens kaum. Den Inhalt hatte er nach dem Aufschreiben ohnehin im Kopf.

Spickzettel...

  • ...sollten mit den wichtigsten Eckpunkten als roter Faden durch den Lernstoff dienen und sich nicht auf einen Teilbereich beschränken.
  • ...müssen vom Umfang her stark begrenzt sein, um die Studierenden zum Selektieren zu zwingen.
  • ...sind nicht geeignet, wenn in erster Linie Fakten abgefragt werden, etwa Multiple Choice.
  • ...sind dagegen sinnvoll für Klausuren, in denen eine Eigenleistung auf Grundlage bestimmter Fakten erbracht wird. Die Fakten für den Spickzettel selektieren die Studenten dann selbst.
  • ...sind nicht in jedem Fall erlaubt. In einer kurzen Einführung sollte den Studierenden erklärt werden, wann und warum Spickzettel erlaubt werden und wie sie aussehen könnten.
  • ...sollten auch fürs Examen genehmigt werden, wenn sie zuvor durchgängig benutzt werden durften.
  • ...sollten sich danach richten, was die jeweilige Prüfungsordnung zulässt. Dies muss der Professor deutlich kommunizieren.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.