Rassismus-Debatte an der Uni Wien "Ich bin nicht international"

Tori Reichel, 23, ist Österreicher und studiert in Wien. Weil er dunkelhäutig ist, verwendete die Uni immer wieder ein Bild von ihm, um für ihre Internationalität zu werben. Jetzt wehrt er sich.

Ein Interview von

Screenshot der Uni-Homepage, bevor das Bild ausgetauscht wurde: "Yo maaan, whatsup?"

Screenshot der Uni-Homepage, bevor das Bild ausgetauscht wurde: "Yo maaan, whatsup?"


Zur Person
  • Severin Koller/WeBandits
    Tori Reichel, 23, studiert im siebten Semester Publizistik und Kommunikationswissenschaften an der Universität Wien. Sein Vater ist Nigerianer, seine Mutter Österreicherin. Geboren und aufgewachsen ist er in Oberndorf bei Salzburg, ungefähr 300 Kilometer von der österreichischen Hauptstadt entfernt.
SPIEGEL ONLINE: Herr Reichel, Sie haben einen offenen Brief an Ihre Uni veröffentlicht, der in sozialen Netzwerken viele Reaktionen ausgelöst hat. Warum?

Tori Reichel: Die Uni hat seit Monaten mehrmals für ihre Homepage ein Foto verwendet, auf dem ich mit zwei blonden Kommilitoninnen zu sehen bin - im Zusammenhang mit dem Hinweis darauf, wie international die Uni ist und ausländische Studenten willkommen sind. Ich bin aber nicht international, ich bin Österreicher, ich bin hier geboren und aufgewachsen. Das hört man auch sehr deutlich an meinem Dialekt. Die Uni hat aufgrund meines Aussehens einen falschen Schluss gezogen - und darauf wollte ich freundlich hinweisen.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist das Bild entstanden?

Reichel: Ganz spontan, schon vor zwei Jahren ungefähr. Ich saß mit den beiden Kommilitoninnen vor unserem Uni-Gebäude, als eine Fotografin vorbeikam und fragte, ob sie uns für die Homepage des Publizistik-Instituts fotografieren dürfte.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie gedacht, als es dann im Kontext der Internationalität der Uni erschienen ist?

Reichel: Zuerst musste ich lachen, aber nachdem ich eine halbe Stunde darüber nachgedacht hatte, ist mir klar geworden, dass das eigentlich nicht okay ist. Als es dann in der vergangenen Woche erneut in diesem Kontext auftauchte, habe ich mit meinen Arbeitskollegen im Praktikum bei "Vice" darüber geredet und mich für den offenen Brief entschieden.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat die Uni auf Ihren Brief reagiert?

Reichel: Sehr, sehr schnell und kompetent. Eine Stunde nachdem der Text am Montagabend erschienen ist, hat sich die Uni bei mir entschuldigt und das Bild entfernt. Ich bin absolut zufrieden mit dieser Reaktion. Allerdings hatte bereits vor der Veröffentlichung ein Kollege die Uni darauf angesprochen, da wollten sie das Bild aber noch nicht offline nehmen - sie meinten, es wäre nicht eindeutig so dargestellt, als sei ich ein ausländischer Student. Aber dann ist mir nicht klar, warum es so häufig in diesem Zusammenhang verwendet wurde.

SPIEGEL ONLINE: Ist Ihnen etwas Ähnliches schon mal passiert?

Reichel: Ständig. Wenn ich in Wien ausgehe, denken andauernd Leute, ich sei Ausländer. Sie sprechen mich dann direkt auf Englisch an, viele glauben, ich sei ein cooler amerikanischer Rapper. Keine Ahnung warum, vielleicht weil ich eine Baseballkappe trage. Häufig sind die dann megafreundlich, wollen übertrieben mit mir einschlagen und rufen Sachen wie "Yo maaan, whatsuuup?"

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren Sie darauf?

Reichel: Je nach Tagesform spiele ich das Spiel mit und rede mit ihnen auf Englisch, oder ich antworte sofort in breitem Flachgauer Dialekt. Dann sind sie meistens sehr verlegen und fangen an, sich zu rechtfertigen. Auf jeden Fall nehme ich es mit Humor, diese Strategie habe ich mir antrainiert, schließlich habe ich schon mein gesamtes Leben lang mit Vorurteilen zu tun. Und ich weiß auch, dass viele es nicht böse meinen. Aber bei jungen Menschen denke ich mir schon: Die könnten es besser wissen.

SPIEGEL ONLINE: Insbesondere in einer Großstadt.

Reichel: Vielleicht fehlt uns hier in Österreich manchmal der weite Blick. In Berlin ist mir so etwas jedenfalls noch nicht passiert. Seit Veröffentlichung des Briefes haben mir allerdings viele geschrieben, ich würde ihnen aus der Seele sprechen. Was ich aber auch sagen muss: Ich erwische mich auch manchmal selbst dabei, wie ich falsche Schlüsse aufgrund des Aussehens von jemanden ziehe. Wer fair mit seinen Mitmenschen umgehen will, sollte sich das aber immer wieder bewusst machen.

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