Türkei Hat Erdogan sein Diplom gefälscht?

Wer Präsident der Türkei wird, muss einen Hochschulabschluss haben. Doch an Recep Tayyip Erdogans Diplomurkunde gibt es Zweifel: Sie ist älter als die Uni.

Recep Tayyip Erdogan
AP

Recep Tayyip Erdogan


Yusuf Hallacoglu, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der rechten "Nationalistischen Aktionspartei" (MHP), war erbost: "Ich sage dem Staatspräsidenten: Dein Diplom ist gefälscht. Und was macht er? Er zieht noch nicht einmal vor Gericht." Hallacoglu war einer der Ersten, die öffentlich erklärten, dass Recep Tayyip Erdogan nicht die Voraussetzungen erfülle, um das Amt des türkischen Staatspräsidenten zu bekleiden.

Die Vorwürfe begleiten Erdogan seine gesamte Präsidentschaft, wären aber in Vergessenheit geraten, gäbe es nicht die oppositionelle Partei der Demokratie der Völker (HDP), die linke und kurdische Interessen im Parlament vertritt. Ihre stetige Forderung an die Wahlkommission, das Diplom Erdogans vorzulegen, führte vergangene Woche schließlich zum Erfolg.

Doch statt das Thema damit endgültig aus der Welt zu schaffen, wurden weitere Zweifel genährt:

  • Das Diplom vom Jahr 1981 ist von der Marmara-Universität ausgestellt. Das Problem: Die Universität wurde erst 1982 gegründet.
  • Auch der Dekan und der Rektor, die vorgeblich unterschrieben haben, traten erst 1982 ihr Amt an.
  • Grafiker meldeten sich zu Wort, dass die Schriftart, in der das Diplom verfasst ist, im Jahr 1981 gar nicht auf dem Markt war.
  • Die Nahverkehrsgesellschaft der Stadt Istanbul gibt voller Stolz auf ihrer Internetseite an, dass Erdogan bis 1981 als Vollzeitbeschäftigter bei ihr beschäftigt war.

"Es gibt Vorwürfe der Urkundenfälschung", sagt der Abgeordnete Idris Baluken von der HDP. "Es wäre ein Leichtes, sie zu entkräften: Datum der Immatrikulation, die Liste über die vergebenen Diplome und das Original des Diploms." Aber Präsident und Kommission geben "keine befriedigenden Antworten."

Mit einem Fragenkatalog an das Erziehungsministerium erhofft sich die HDP nun Aufklärung. Aber warum spielt die akademische Qualifikation des Präsidenten überhaupt so eine große Rolle?

Älter als vierzig Jahre, vier Jahre Studium

Nach der türkischen Verfassung können nur Kandidaten zum Staatspräsidenten gewählt werden, die älter als vierzig Jahre alt sind und ein Universitätsdiplom nach einem mindestens vierjährigen Studium nachweisen können. Erdogan habe aber nur eine Lehranstalt besucht, die nach zwei Jahren Diplome ausstelle und keine Zulassung als Universität besitze, erklärt MHP-Politiker Hallacoglu. Dies erscheint umso wahrscheinlicher, als Erdogan Absolvent der religiösen Imam-Hatip-Schulen ist. Damals wurden Absolventen der religiösen Schulen nicht von Universitäten aufgenommen.

Abdüllatif Sener, der zusammen mit Erdogan zu den Gründern der regierenden Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) gehörte und bis 2007 im Kabinett Erdogan stellvertretender Ministerpräsident war, bestätigte jüngst in einer Fernsehsendung, dass Erdogan über kein Hochschuldiplom verfüge. Aus Befürchtung, er werde deshalb als Präsidentschaftskandidat nicht zugelassen, sei er bei den Wahlen zum Staatspräsidenten 2007 nicht angetreten.

Schaffen wir einfach das Gesetz ab

Vor den Präsidentschaftswahlen von 2014 schließlich wurde den Vorwürfen der Wind aus den Segeln genommen. Der Rektor der Marmara-Universität, Zafer Gül, treuer Gefolgsmann der regierenden AKP und ein Freund Erdogans, veröffentlichte ein Foto von Erdogans Diplom. Erdogan sei Absolvent der Marmara-Universität - er habe an der Fakultät für Wirtschafts- und Verwaltungswissenschaften studiert.

Kritiker fürchten, die Debatte um Erdogans Diplom werde ohne Folgen bleiben. Die Wahlkommission lehnte Anträge nach einer Überprüfung der Echtheit des Diploms ab. Die stärkste Oppositionspartei im Parlament, die Republikanische Volkspartei (CHP) hat gar einen Antrag eingebracht, das Hochschuldiplom als Voraussetzung für das Präsidentenamt aus der Verfassung zu streichen. Die Begründung ist bemerkenswert: Nicht nur Erdogan trage mit den Spekulationen um sein Diplom Schaden davon, sondern die Türkei und das Amt des Staatspräsidenten.

Und doch: Obwohl die Medien des Landes das Thema meiden, breitet es sich in den sozialen Netzwerken aus. Erdogan ist ja nicht zimperlich, wenn es um Beleidigungsklagen geht. Sonst müssen selbst Schüler, die auf Facebook etwas Kritisches über ihn posten, die Rache des Präsidenten fürchten, Tausende Anzeigen hat er seit seinem Amtsantritt gestellt. Doch dass der Präsident kein Hochschuldiplom hat, darf man straflos behaupten, so wie schon Yusuf Hallacoglu von der MHP.

Käme es zur Gerichtsverhandlung, müssten wohl als Beweis Erdogans Zeugnisse vorgelegt werden.



© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.