Rechtsextreme an der Uni Braune Biedermänner

Rechtsextreme an deutschen Unis geben sich bieder, brav und konservativ. Doch wie lässt sich verhindern, dass die Rechten an den Hochschulen auftrumpfen? Der Fall eines Studenten in Magdeburg zeigt, wie hilflos Kommilitonen und Professoren der Gefahr begegnen.

Von Ina Brzoska

dpa

Unter den hinteren Bänken sind Tomaten versteckt. Viele Augenpaare fixieren die Eingangstür zum Hörsaal. Das Politikseminar der Universität Magdeburg ist gut besucht an diesem Oktobermorgen, besser als sonst, wie Dozent Reinhard Wesel spöttisch bemerkt.

Alle warten auf Matthias Gärtner, Mitglied der Jungen Nationaldemokraten (JN), der Jugendorganisation der rechtsextremen NPD. Die rund 400 JN-Anhänger glauben unter anderem an den unterschiedlichen Wert verschiedener Volksgruppen und plädieren für eine "Ausländerrückführung". Heute will der 25-jährige Student der Politikwissenschaft, Geschichte und Soziologie darüber referieren, wie Demagogen mit symbolisch aufgeladenen Worten und Handlungen die Massen manipulieren.

Doch aus dem Referat wird nichts. Als Gärtner das Lehrgebäude betritt, klatscht blaue Lackfarbe neben ihm auf, er wird von Spritzern getroffen. Fünf Vermummte aus der Antifa-Szene drängen durch den Eingang, versprühen zusätzlich Reizgas. Gärtner reibt sich seine tränenden Augen, geht zum Seminarraum und meldet sich - unter Verweis auf die Farbe an seinem Mantel - beim Dozenten ab.

Reinhard Wesel ist sauer. "Man kann den Faschismus nicht bekämpfen, indem man selbst faschistische Methoden anwendet", klagt er. Bereits vor dem Seminar hatte er E-Mails von Studenten bekommen, sie fragten, ob man den Auftritt Gärtners nicht verhindern könne. Doch Wesel bestand darauf; Gärtner habe das Recht, einen Schein zu machen. Und dafür müsse er Leistung bringen, sprich: ein Referat halten. Der Dozent hatte sich auf eine hitzige Debatte eingestellt. Doch die fällt nun aus.

Wie reagiert man auf den Vormarsch rechtsextremer Gruppen?

Die Episode in Magdeburg ist symptomatisch für ein Phänomen, mit dem derzeit mehrere Universitäten zu kämpfen haben: den Vormarsch rechtsextremer Gruppen und der Frage, wie man darauf am besten reagiert. Farbbeutel und Tränengas, da sind sich die meisten Studenten und Professoren einig, können nicht die Antwort sein. Doch was ist die Alternative?

Es ist das alte Dilemma: verbieten, bekämpfen, verjagen? Davon gehen die Neonazis nicht weg, sie werden nur unsichtbar - also gefährlicher. Sie auf die Bühne lassen, mit ihnen reden? Dann bekommen sie ein Forum, auf dem sie ihre toxischen Thesen in die Welt trompeten dürfen. Seit Monaten beobachten Verfassungsschützer an Unis wie Halle, Mainz oder Greifswald, dass die Jungnationalen zu Asta-Wahlen antreten und bei politischen Referatsabenden um Kommilitonen werben. Ist das der "Kampf um die Köpfe", den der NPD-Bundesvorsitzende Udo Voigt schon vor Jahren ausrief?

Wie viele junge Neonazis es genau sind, die ihre Propaganda in die deutschen Universitäten tragen, ist nicht bekannt. Klar ist, dass sie vorzugsweise sozial- oder geisteswissenschaftliche Fachrichtungen belegen und sich als Vordenker einer neuen, rechten Avantgarde geben. In Dresden hatte 2005 ein rechter Historiker etwa die "Dresdner Schule" ausgerufen, die die angebliche Dominanz der linken Frankfurter Schule brechen sollte.

Auf der Straße laut, an der Uni still und pünktlich

Wie der Magdeburger Aktivist Gärtner so tickt, lässt sich an einem Samstagmorgen beobachten, als er mit rund 350 Gleichgesinnten durch die Plattenbausiedlung in Halle zieht. Es ist eine Demonstration der Jungen Nationaldemokraten zum 20. Jahrestag des Mauerfalls. Die Teilnehmer hissen schwarzrote Fahnen, einige tragen Palästinenserschal und schwarzes Skater-Käppi. Nach einigen Kilometern formieren sie sich zu einem Kreis und senken die Köpfe, um des verstorbenen NPD-Manns und Hitler-Verehrers Jürgen Rieger zu gedenken. Dann tritt Gärtner in die Mitte und ergreift das Mikrofon, er hetzt gegen das "korrupte System" und schimpft auf die "Stasi-verstrickte Linkspartei". Er trägt einen langen, dunklen Mantel und eine weiße Ordnerbinde, den linken Arm hält er hinter dem Rücken, mit der Rechten gestikuliert er, sein Zeigefinger zerteilt die Luft.

An der Uni ist Gärtner deutlich stiller, er kommt im Cordjackett, darunter ein gebügeltes Hemd, die Lederschuhe sind poliert. Er erscheint pünktlich zu Seminaren, wahrt die Regeln der Hochschule und pocht ansonsten aufs demokratische Recht des Andersdenkenden, wozu er gern Rosa Luxemburg zitiert. Seine Kommilitonen beschreiben ihn als Sonderling mit geschniegeltem Scheitel, Stiftemäppchen und Ledertasche; einen, der sich lieber in der letzten Reihe an den Kugelschreiber klammert, als sich an der Diskussion zu beteiligen.

Vor gut zwei Jahren trat Gärtner erstmals bei den Wahlen zum Studentenrat an, mit einer Hochschulgruppe namens "Studentische Interessen". Die Schar fordert eine Hochschule ohne Politik, sie will das Schwulen- und Lesben-Referat abschaffen und hetzt gegen ausländische Studierende.

Die Uni-Rechten unterhalten enge Kontakte zu den Jungnationalen, einige Personen sind in beiden Gruppierungen aktiv. Gärtner ist außerdem Bundesschulungsleiter der JN und stellvertretender NPD-Landesvorsitzender in Sachsen-Anhalt. Im Juni dieses Jahres wurde er ins Magdeburger Rathaus gewählt, dort sitzt er nun als fraktionsloser Stadtrat etwas einsam am rechten Rand.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
frubi 28.01.2010
1. .
Zitat von sysopRechtsextreme an deutschen Unis geben sich bieder, brav und konservativ. Doch wie lässt sich verhindern, dass die Rechten an den Hochschulen auftrumpfen? Der Fall eines Studenten in Magdeburg zeigt, wie hilflos Kommilitonen und Professoren der Gefahr begegnen. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,668330,00.html
Das wird meiner Meinung nach noch schlimmer und die Medien heizen dieses Wachstum teilweise noch an. Der Muslim wird seit 2001 als generelles Feindbild in die Köpfe der Menschen transportiert. Das dies ein gefundes Fressen für die Rechten sein kann ist unbestritten. Wir sind ja mitlerweile soweit, dass arbeitslose bei Stern-TV öffentlich zugeben, dass Sie NPD wählen weil die das Gefühl haben, dass gerade die Ausländer alle Jobs bekommen. Die Ausländer wiederrum beschweren sich, dass Sie wegen ihrer Herkunft keine Arbeitstelle kriegen. Woher also diese Ansichten? Transportiert durch übertriebene Panikmache der Medien. Ausserdem lädt die deutsche Justiz die Nazis doch gerade ein sich weiter auszubreiten. Wenn manch tapfere Bürgerbewegung nicht den Kauf von Immobilien durch Nazi`s verhindern würden dann wären die schon wesentlich weiter in ihrem Fortschritt.
Sandygirl 28.01.2010
2. Extreme sind nie gut.
Zitat von sysopRechtsextreme an deutschen Unis geben sich bieder, brav und konservativ. Doch wie lässt sich verhindern, dass die Rechten an den Hochschulen auftrumpfen? Der Fall eines Studenten in Magdeburg zeigt, wie hilflos Kommilitonen und Professoren der Gefahr begegnen. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,668330,00.html
Linke Extreme - Rechte Extreme. Davon ist keiner besser. Aber auch die Grenzen zu "normal" verwischen leider, wenn wir immer mehr zu einem Überwachungsstaat werden.
Mo2 28.01.2010
3. Dummchen
Zitat von SandygirlLinke Extreme - Rechte Extreme. Davon ist keiner besser. Aber auch die Grenzen zu "normal" verwischen leider, wenn wir immer mehr zu einem Überwachungsstaat werden.
Genau, die Linken schlagen ja auch ständig Ausländer, Juden und Obdachlose tot.
Papa_Oystein 28.01.2010
4. Mit Nazis diskutieren
Seit gut 2 Jahren bin ich einem Internetportal (social network), Mitglieder zumeist 16-21 Jahre, unterwegs, in dem mir frühzeitig aufgefallen war, dass zahlreiche Jugendliche speziell aus dem Harzkreis (der in dem Portal stark vertreten ist) sehr offen ihren Rassismus und ihre Bewunderung für das 3. Reich zur Schau stellten, dafür von anderen Mitgliedern nicht beachtet und auch von den Admins nicht sanktioniert wurden. Über einen längeren Zeitraum hat sich nun folgende Taktik bewährt: - Die Admins regelmäßig auf Missstände hinweisen; wenn sie es versäumen, Hakenkreuze o.ä. unverzüglich zu entfernen, mit Polizei drohen, wenn das nicht hilft, Strafanzeige - Durch Meldungen die Löschungen von Usern veranlassen, die erkennbar nur Nachläufer, Dummschwätzer oder Mode-Nazis sind. Diskussion zwecklos, da kein Fundament vorhanden - Die wortgewandten Nazis indes im Forum öffentlich sehr ausführlich zu Diskussionen animieren. ich habe durch die Diskussionen viel gelernt über Strategien, Ziele und Gedankenwelt der Nazis. Auch gelang es mir, den besten Diskutanten der Nazi-Szene dort als Michael Schäfer, seinerzeit Kreistagsabgeordneter der NPD im Harzkreis und inzwischen Bundesvorsitzender der JN (Junge Nationalsozialisten - Jugendorganisation der NPD) zu identifizieren. Jedes mal, wenn Schäfer schließlich rassistische oder verfassungsfeindliche Äußerungen schrieb, ließ ich ihn löschen. Er hat aufgegeben. Es gibt auch kaum noch Nachläufernazis mehr in dem Portal. Und ich kann bezeugen: Ja, bedeutende Teile der NPD wollen wirlichg den freiheiltich-demokratischen Rechtsstaat und die Gültigkeit der individiuellen Menschenrechte abschaffen.
Sheherazade, 28.01.2010
5. ...
Zitat von frubiDas wird meiner Meinung nach noch schlimmer und die Medien heizen dieses Wachstum teilweise noch an. Der Muslim wird seit 2001 als generelles Feindbild in die Köpfe der Menschen transportiert. Das dies ein gefundes Fressen für die Rechten sein kann ist unbestritten. Wir sind ja mitlerweile soweit, dass arbeitslose bei Stern-TV öffentlich zugeben, dass Sie NPD wählen weil die das Gefühl haben, dass gerade die Ausländer alle Jobs bekommen. Die Ausländer wiederrum beschweren sich, dass Sie wegen ihrer Herkunft keine Arbeitstelle kriegen. Woher also diese Ansichten? Transportiert durch übertriebene Panikmache der Medien. Ausserdem lädt die deutsche Justiz die Nazis doch gerade ein sich weiter auszubreiten. Wenn manch tapfere Bürgerbewegung nicht den Kauf von Immobilien durch Nazi`s verhindern würden dann wären die schon wesentlich weiter in ihrem Fortschritt.
Was manche Sektoren betrifft, haben die Arbeitslosen ja sogar Recht, dass "Ausländer" deren Job bekommen. Bloss sind das dann nicht die Ausländer in Deutschland, sondern Leute in Polen, Rumänien, China oder wohin auch immer die grossen Unternehmen ihre Produktionen auslagern.
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