Rechtsruck im Dachverband Burschenschafter hetzen gegen "Nicht-Arier"

Eine neue Schmähschrift treibt die Spaltung der Deutschen Burschenschaft voran: Ein Alter Herr hetzt darin gegen Überfremdung und Asiaten, die keine "Arier" seien. Ein Mitglied wird dabei erneut angegriffen: Kai Ming Au. Der erwägt jetzt eine Anzeige.

Von Christian Fuchs

dapd

Die Hetzschrift des Alten Herrn aus Bayern liest sich wie ein Pamphlet aus den dreißiger Jahren: Kann die Deutsche Burschenschaft "glaubwürdig gegen Umvolkung und Überfremdung auftreten, wenn sie allen Ausländern freien Eintritt einräumt?" Tatsächlich stammt der Text aus dem Jahr 2011.

Der Alte Herr Fred Duswald ist Mitglied der pflichtschlagenden und extrem rechten Verbindung "Danubia München", die zeitweilig vom bayerischen Verfassungsschutz beobachtet wurde und auch Mitglied im Dachverband Deutsche Burschenschaft (DB) ist. Den Artikel veröffentlichte er unter der Überschrift "Paßtum contra Volkstum" in der August-Ausgabe der rechtskonservativen Zeitschrift "Die Aula" in der Rubrik "Akademisches Leben".

In Österreich ist der Autor bereits bekannt. "Der 75-jährige Duswald hatte schon vor Jahren immer wieder für Aufregung gesorgt", schreibt die österreichische Zeitung "Der Standard" Anfang Juli. Zuletzt hatte er in einem "Aula"-Artikel KZ-Häftlinge als "Kriminelle" bezeichnet, die Israelitische Kultusgemeinde Wien hat deswegen Anzeige erstattet.

Mit der aktuellen Schmähschrift könnte Duswald die Spaltung der DB weiter vorantreiben.

Dabei war es eigentlich ruhiger geworden um den Dachverband mit seinen 120 Verbindungen und Tausenden Verbandsbrüdern - nach einem turbulenten Sommer: Erst hatte der Verband über einen Ariernachweis gestritten, dann gelangten interne Dokumente an die Öffentlichkeit und enthüllten einen offenen Rassismus.

Rechtsextreme Positionen keine Einzelmeinung

An dem chinesischstämmigen Burschenschafter Kai Ming Au hatte sich der Streit entzündet, für den Alten Herrn Duswald ist er deswegen der "Spaltpilz". Auf dem Burschentag auf der Wartburg im Juni sollte Kai Ming Au wegen seiner angeblich nicht-deutschen Abstammung ausgeschlossen werden. Damals bemühte sich der Verband, alles wie einen Ausrutscher aussehen zu lassen. Man wollte ein liberales, modernes Bild des ältesten deutschen Verbindungsdachverbands zeigen - und nichts zu tun haben mit Rassismus und Intoleranz. Noch im Juli betonte DB-Sprecher Stefan Dobner: "Die Deutsche Burschenschaft lehnt jegliche extremistische und antidemokratische Position strikt ab."

Jetzt zeigt sich erneut, wie schwer es für den Verband offenbar ist, mit allen Mitgliedern in eine gemeinsame Richtung zu marschieren: Liberal-Konservative Bünde und Burschenschaften am rechtsextremen Rand driften immer weiter auseinander.

Auch wenn die Mehrheit der Mitgliedsbünde eher liberal eingestellt ist, müssen sie akzeptieren, dass rechtsextreme Positionen unter den deutschen Burschen mehr als nur Einzelmeinungen sind: Der Alte Herr Duswald aus Bayern hetzt in dem Artikel gegen den "Pigmentierten" Kai Ming Au, "der den Verband in Brand setzte" und "die DB am chinesischen Wesen genesen lassen" wolle. Burschenschafter kopierten den Text und verbreiteten ihn vor einigen Tagen über das Facebook- und Twitterprofil "Deutsche Burschenschaft". Auch im internen Burschenschafter-Forum "Bubenetz.de" wurde er veröffentlicht.

"Daß ein Asiat kein Arier ist, sieht jeder ohne Nachweis"

Was die Ultras unter den Burschenschaftern erzürnt, ist Kai Ming Aus Ankündigung, auf dem kommenden Burschentag 2012 für ein Verbandsamt zu kandidieren. Falls der Sprecher der Mannheimer Burschenschaft "Hansea" zum Vorsitzenden des "Ausschusses für Jugend und Nachwuchswerbung" in der DB gewählt würde, käme das dem ideologischen Super-GAU für den rechtsextremen Flügel des Verbands gleich: "Siegt der Chinese, dann heißt seine Zielgruppe: Au wie Ausländer. Bei Hansea Mannheim steht schon der zweite Chinamann auf der Matte", schreibt Duswald.

Öffentlich gewordene E-Mails offenbaren, dass erzkonservative Burschenschaften die Macht an sich ziehen wollen und bereits einen Putsch gegen die "Liberalinskis im Verband" planen, wie die "tageszeitung" berichtete.

Duswald schreibt dazu, dass "Gutburschenschafter die Gazetten auf die DB" gehetzt und "Verräter in den eigenen Reihen" die Medien mit internem Material versorgt hätten. Daraufhin sei die Führungsspitze der DB eingeknickt und habe Abstand vom "traditionellen Abstimmungsprinzip" für DB-Burschen genommen. Schuld an diesem Linksruck habe allein "das Männlein aus dem Land des Lächelns": Kai Ming Au. Dabei stellt der Autor fest: "Daß ein Asiat kein Arier ist, sieht jeder ohne Nachweis."

Kai Ming Au überlegt, Anzeige zu erstatten

Kai Ming Au erzürnt dieser Text. "Ich fühle mich übel beleidigt", sagt er. "Das geht gar nicht, dass Verbandsbrüder öffentlich angegangen werden und die Entscheidung des Rechtsausschusses in Frage gestellt wird." Au fühlt sich durch die Hetz-Kanonade nicht nur persönlich angegriffen, sondern vor allem auch missverstanden. "'Au wie Ausländer' legt nahe, dass ich jeden Ausländer aufnehmen würde", sagt er empört. "Aber Studenten mit Migrationshintergrund, die nichts mit Begriffen wie Vaterland, Verantwortung und Pflicht anfangen können, haben in Burschenschaften nichts verloren."

Kai Ming Au überlegt nun, Strafanzeige wegen Verleumdung, Beleidigung und Volksverhetzung zu stellen.

Die Politikwissenschaftlerin Alexandra Kurth, die seit Jahren an der Universität Gießen zu Burschenschaften forscht, könnte eine solche Reaktion gut verstehen: "Der Text ist boshaft und rechtsextrem, das ist unterster Stammtischrassismus." Die Hetzschrift des Rechtsaußen-Flügels und die mögliche Klage der liberalen Bünde hinterlassen bei ihr den Eindruck, dass beide Seiten eine Spaltung forcieren. "Alle Versuche, die rassistischen Tendenzen abzuwiegeln, die seit dem Burschentag öffentlich geworden sind, scheinen gescheitert zu sein", sagt Kurth. "Jetzt bricht ein Konflikt innerhalb der Deutschen Burschenschaft offen aus, der bereits Jahre unter dem Deckel kochte."

Der Widerspruch in dem zentralen Punkt, welche Abstammung Mitglieder in den Bünden der DB vorweisen müssen, ist wohl wirklich nicht auflösbar. Das zeigen auch interne Nachrichten, die vor einigen Tagen bekannt geworden sind. In einem E-Mail-Verkehr zwischen Burschen der "Karlsruher Burschenschaft Tuiskonia" und der "Alten Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn" berieten einzelne Korporierte einen Putschplan gegen ihren Verbandsbruder Au. Sie wollen verhindern, dass er im kommenden Jahr in die Führungsspitze der Deutschen Burschenschaft gewählt wird. In einer "monatsgenauen Roadmap" soll eine Strategie bis zum nächsten Burschentag verfolgt werden. In einer Nachricht von Ende Juni heißt es: "Da wir erlebt haben, dass der linke Mob die Diskussion gar nicht annimmt [...] müssen wir davon ausgehen, dass wir 2012 [...] alle Ämter besetzen müssen/werden."

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