Rede-Duelle Der schöne Streit

Die eigene Meinung gilt hier nichts: Im Debattierclub zählen nur schlüssige Argumente, die Streithähne müssen für oder gegen alles sein können. Die angelsächsische Tradition des verbalen Kräftemessens hat auch hierzulande Fuß gefasst. Besuch bei einem Wortwettkampf in Mainz.


Kaffee, Aspirin und Traubenzucker-Drops sind die Grundnahrungsmittel. Ein T-Shirt-Aufdruck: "Das hier ist keine political-correctness-Veranstaltung". Wer mithalten will, muss sich hart geben, das ist schnell klar bei den Deutschen Debattiermeisterschaften 2009.

Eine Hauptschule in Mainz dient an diesem sonnigen Wochenende im Juni als Parlamentsersatz. Während Kommilitonen nach Vorlesungsende am Rhein-Strand ihre Zehen in den Sand und den Strohhalm in die Caipirinha stecken, liefern sich hier die "Wortfechter" aus Erfurt mit der "Verbalattacke Süd" aus Konstanz oder den "Gemäßigten Extremisten" aus Bayreuth hitzige Gefechte.

Die Meisterschaft ist das jährliche Gipfeltreffen in einer Disziplin, die an deutschen Hochschulen immer mehr Anhänger findet, dem rhetorischen Wettstreit in Debattierclubs.

65 solcher Vereine gibt es derzeit an deutschsprachigen Universitäten, und mit jedem Semester wollen mehr Studenten das professionelle Streiten lernen. "Es vermittelt das breite Band an dem, was man heute in Lebensläufen als Soft Skills zusammenfasst", erklärt Gudrun Lux, Vizepräsidentin des Verbands der Debattierclubs an Hochschulen. "Man lernt, beim Debattieren strukturiert zu denken und strukturiert zu argumentieren." Dazu komme die Lust am Wettstreit: "Debattieren ist Adrenalin pur."

Jedes beliebige Thema in Grund und Boden debattiern

"Jedes Thema ist ein Sprung ins kalte Wasser", sagt Volker Tjaden, 25, gestreiftes Polo-Shirt, dunkle Jeans. "Bei jeder Debatte lernt man etwas Neues dazu", sagt der VWL-Student. Es ist die dritte Vorrunde des Turniers, das Thema lautet "Dicke Luft gegen Bares: Soll der Emissionshandel abgeschafft werden?"

Die Argumente der Debatte liegen bereits im ersten Wortbeitrag auf Bundestagsniveau. Detailliert pflücken die Redner die Ziele von Kyoto auseinander, beschwören mit markigen Bildern die Folgen der Umweltzerstörung herauf. "Wir brauchen keine neuen CO2-Süchtigen", skandiert Lukas Haffert, VWL-Student aus St. Gallen und routinierter Eröffnungsredner von der Regierungsbank. Die Zuhörer geben Zwischenapplaus. Hafferts letzter Satz fällt nahezu synchron mit dem Hammerschlag des Jurors.

Das sitzt: Mit knappen zehn Punkten Vorsprung besiegt Hafferts "St. Gallen Alpstein" die Mannschaft "Bonn A" um Volker Tjaden und seine Kommilitonin Lea Weitekamp. "Wir hätten noch mehr auf Zwischenfragen und die Argumente der freien Redner eingehen müssen", bilanziert Tjaden die Leistung seines Teams.

Braucht die Erde einen zweiten Mond?

Die deutsche Debattierszene ist relativ jung. Erst vor acht Jahren gründete sich der bundesweite Dachverband. Die Kultur des gepflegten Streits stammt aus dem angelsächsischen Sprachraum und folgte daher ursprünglich den Regeln der britischen Parlamentsdebatte, wo Abgeordnete der Opposition jene der Regierung verbal züchtigen und vice versa.

Der traditionelle "British Parliamentary Style" ist in Deutschland jedoch durch die in Tübingen entwickelte Disziplin der "Offenen Parlamentarischen Debatte" ersetzt worden. Dabei treten je zwei dreiköpfige Teams gegeneinander an. Sie werden per Losverfahren aufgeteilt in Regierung (Pro) und Opposition (Contra) - schließlich geht es bei dem Wettstreit nicht darum, die eigene Meinung zu vertreten, sondern die, die man zugelost bekommt. Das Thema wird erst 15 Minuten vor Beginn der Debatte bekanntgegeben, jeder Teilnehmer hat sieben Minuten Redezeit.

Der erste Regierungsredner stellt zunächst einen konkreten Antrag zum Thema, über den im Folgenden gestritten wird. Die Redner von Regierung und Opposition wechseln sich dabei ab.

Dann treten drei sogenannte freie Redner auf. Sie erfahren das Thema erst mit Beginn der Debatte und müssen danach entscheiden, welche Fraktion sie unterstützen wollen. Ihre Redezeit beträgt nur dreieinhalb Minuten, und im Idealfall treiben sie die Debatte mit einem neuen, bislang nicht genannten Argument voran. Auf die freien Redner folgen die Schlussredner der Opposition und der Regierung.

Die Gepflogenheiten der studentischen Streiter erscheinen bisweilen ziemlich steif. Die Einhaltung der Redezeiten wird mit Hammer, Stoppuhr und Glocke überwacht. Auf dem Tisch stehen Mundspray und Kamillentee.

Wer eine Frage hat, hebt brav den Arm

"Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Kollegen auf der Regierungsbank, verehrte freie Redner und Juroren", lautet eine klassische Eröffnungsformel. Wer in der Debatte eine Zwischenfrage einbringen will, erhebt sich mit staatsmännischer Geste von seinem Stuhl und reckt den Arm nach oben.

"Aber wer glaubt, Debattanten sind humorlose Schnösel im Anzug, liegt falsch", sagt Sarah Kempf, 23, in verwaschenen Jeans und T-Shirt. Jeden Dienstagabend treffen sich die Mitglieder des Mainzer Debattierclubs "Johannes Gutenberg" in dem alten Hörsaalgebäude der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, Sarah Kempf ist Vizepräsidentin. Der Club ist einer der größten dieser Art in Deutschland und einer der erfolgreichsten. Seit 2003 standen jedes Jahr Mainzer Redner im Finale der Deutschen Debattiermeisterschaft. Nur in diesem Jahr dürfen die Gastgeber nicht selbst an den Debatten teilnehmen. "Aber bei der nächsten Gelegenheit greifen wir wieder an", sagt Kempf. Schlagkräftigkeit und Selbstironie zählen zu den Stärken der Studenten, der Schlachtruf der Mainzer lautet "Wir sind nur ein Karnevalsverein!"

Kaffeeduft weht durch den tristen Vorlesungssaal, Tüten mit Süßigkeiten machen die Runde. Die Vorschläge für die Übungsdebatte an diesem Abend reichen von "Braucht die Erde einen zweiten Mond?" bis zur "Legalisierung von Raubkopien". Nach kurzer Blödelei einigen sich die Studenten schnell auf ein Thema, alle zücken Block und Stifte, um Argumente zu "Soll die Ehe abgeschafft werden?" zu sammeln.

In der Redeschlacht helfen Zitatsammlung und Weltalmanach

Dann wird nachgedacht. "Ich finde, bei diesem Punkt müssen wir stärker auf die Tränendrüse drücken", dringt es aus einer Teambesprechung der Opposition. "Aber dafür müssen wir ein Beispiel anführen, mit dem sich jeder identifizieren kann", fügt der Kollege hinzu. Das dritte Teammitglied blättert in einer Zitatensammlung. Schriftliche Hilfsmittel wie Weltalmanach, Gesetzestexte oder auch Debattierratgeber sind bei der Vorbereitung zulässig. Handys und Blackberrys müssen ausgeschaltet bleiben.

Und woher kommt das nötige Wissen? Wer ist ebenso kundig in Fragen der Lunar-Astronomie wie in solchen des Copyrights? "Ich glaube, man bringt maximal ein Drittel mit, den Rest lernt man beim Debattieren dazu", sagt Club-Präsident Thore Wojke. "Wir sind hier ja kein Treff für geistige Überflieger, die mit ihrem Wissen prahlen wollen. Es ist ein Mannschaftssport, und es geht um die Lust am Argumentieren."

Der 26-Jährige debattiert selbst seit vier Jahren, er studiert Geografie und Englisch auf Lehramt. Auch ein Job, in dem man mitunter gut argumentieren muss. Dass die meisten Club-Mitglieder überdurchschnittlich gute mündliche Examen ablegen, nennt Wojke "einen angenehmen Nebeneffekt".

"Man trainiert, sich auf Knopfdruck gegen die eigene Meinung zu stellen"

Es sind nicht nur Juristen oder angehende Politiker, die sich in den Debattierclubs zum professionellen Streiten verabreden. Beim Turnier sind die unterschiedlichsten Studienfächer vertreten, von Theologie über Philosophie bis zur Betriebswirtschaft. Nur wenige studentische Debattierer engagieren sich in einer Partei. Die meisten Turnierteilnehmer in Mainz können sich nicht vorstellen, ihr Talent jemals in ein politisches Amt einzubringen, allein der Fraktionszwang erscheint vielen von ihnen als Akt gegen die Menschenwürde.

"Man trainiert schließlich jahrelang, sich auf Knopfdruck gegen die eigene Meinung zu stellen", erklärt Sarah Kempf, "und beiden Seiten gute Argumente abzugewinnen." Wie könne man sich da, aus purer Parteiräson, auf eine Seite festlegen lassen?

Die Politikwissenschaftlerin ist eine der wenigen Rednerinnen mit Parteibuch, sie ist Mitglied der Jusos. Aber die parteipolitische Arbeit hat sie längst aufgegeben - zugunsten des Debattierens. "Eine Politikerkarriere kann ich mir nicht mehr vorstellen." Auch wenn sie inzwischen die besten rhetorischen Voraussetzungen dazu hätte.



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