Referenten-Typologie Der Beseelte - Lasst uns das bitte ausdiskutieren

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Yoga-Kurs: Der Beseelte denkt stets über die Verbesserung der Welt nach
Corbis

Yoga-Kurs: Der Beseelte denkt stets über die Verbesserung der Welt nach


Das Referat ist für den Beseelten, der sich als Weltverbesserer versteht, endlich die Gelegenheit, einmal seine eigenen Schwerpunkte zu setzen und Themen im Auditorium anzusprechen, die von der Uni-Leitung schon seit Jahren absichtlich verschwiegen werden: Was mischen die uns ins Mensa-Essen? Werden wir beobachtet?

Er hat sich gewissenhaft vorbereitet und auch einige kostenlose Info-Magazine und Flugblätter mitgebracht, die er nach der Vorlesung zum Mitnehmen auslegt. Außerdem kommt er nicht allein: Seine WG ist fast komplett erschienen und sie ist auch bereit, etwas Input zu geben, falls die drögen Kommilitonen den Ernst der Lage nicht kapieren sollten (womit zu rechnen ist).

So hat er die Semesterferien verbracht: Er hat Kröten über die Straße getragen in einem Entwicklungsland. Er hat den Marx-Lesekreis im kommenden Semester organisiert. Und er hat immer wieder in der WG über das quasi-faschistische bipolare Geschlechterschema diskutiert.

So sieht sein Handout aus: Sechs engbeschriebene Blätter, doppelseitig bedruckt, Schriftgröße 9, Schrifttyp Courier New. Bilder und Zwischenüberschriften empfindet der Weltverbesserer als boulevardesk, sie lenken nur vom Inhalt ab.

So etwas sagt er gern: "Wir müssen uns zunächst vergegenwärtigen, was die Begrifflichkeit auf der normativen Ebene bedeutet."

So lange dauert es: Anderthalb Stunden. Dann ist er zur Hälfte durch.

So reagiert der Professor: Er wacht auf, als der Weltverbesserer seinen Vortrag beendet und Stille einkehrt, und sagt hastig: "Vielen Dank für Ihren Beitrag."

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