Religions-Wettstreit Studieren mit Gott in Cambridge

Es steckt viel Frömmigkeit in der kleinen Stadt Cambridge. Von Baptisten bis zu Methodisten, von Hare Krishna bis Falun Gong buhlen Gruppen aller Glaubensrichtungen auf dem Campus um Aufmerksamkeit - selbst die Atheisten haben ihren eigenen Club.

Von Benedikt Mandl


Der Kopf war ab, auf eine Lanze gespießt und für jedermann deutlich sichtbar auf die Mauern von Westminster Hall in London gepflanzt. Noch wenige Jahr zuvor als "Lord Protector" von England gefeiert, wurde Oliver Cromwell ab 1660 als Gruselsensation inszeniert. Der neue König Charles II. wollte dem Volk zwei Botschaften nahebringen: Erstens ist England nicht als Republik gedacht. Und zweitens sollen sich Puritaner, die sich mit der Anglikanischen Kirche anlegen, lieber in andere Länder verziehen. Nach Neuengland etwa, auf die andere Seite des Atlantiks.

Altengland dagegen blieb in blutige Religionsstreitereien verwickelt, die auch die Universitäten betrafen. So waren etwa im protestantischen Cambridge Katholiken noch bis 1873 vom Studium ausgeschlossen. Oxford, so hieß es, bringe Märtyrer hervor, Cambridge verbrenne sie. Tatsächlich war es umgekehrt aber genauso. Anglikaner setzten sich letztlich durch gegen katholische und puritanische Querulanten.

Das ist nicht nur lange her, sondern heute auch schwer nachvollziehbar angesichts des multi-ethnischen Studentenvölkchens, das auch in religiösen Fragen denkbar viel Farbe in die Unistadt an der Cam bringt: Hindus, Sikh und Janisten treten als Abkömmlinge früherer britischer Kolonien besonders selbstbewusst auf. Bah’ai, Buddhisten und Spiritualisten nach Hare Krishna betreiben Bet- und Meditationszirkel. Moslems und Juden können aus einem reichhaltigen Angebot an Kulturvereinen und religiösen Organisationen wählen. Und natürlich verbreitet auch der ehemalige Monopolist "Church of England" die Botschaft Jesu Christi, heute aber begleitet von Methodisten, Katholiken, Baptisten und zahlreichen freichristlichen Gruppierungen ohne konfessionelle Bindung.

Wer bei dem spirituellen Trubel den Überblick verliert, kann viele Religionen in Form von Studentenvereinen auf der jährlichen "Fresher's Fair" antreffen. Die Messe für Uniclubs bietet den Gruppen eine Plattform, um neue Mitglieder anzuwerben und sich Erstsemestern vorzustellen.

Mitgliederwerbung auf der Ersti-Messe

"Wir wollen die Menschen durch Sport Jesus näher bringen!", sagt ein Vertreter der "Christians in Sport". Sie gründeten einen Sportverein, um auch außerhalb der Kirche ihren Glauben zu teilen. "Wir verbinden Hobbysportarten mit christlichen Werten und treten für ehrliches und faires Spielen ein." Irgendwann, so das Kalkül, werden nicht-christliche Mitspieler auch Interesse am religiösen Hintergrund ihrer Freunde entwickeln. Eine Meisterschaft mit Spielen gegen sportliche Moslem- oder Hinduvereine gibt es bislang jedoch nicht.

"Die meisten religiösen Gruppen in Cambridge treten eher für sich allein auf: Sie veranstalten Kulturabende, treffen sich in Lesegruppen oder gehen gemeinsam zu Gottesdiensten", so der Vertreter vom "Cambridge University Faiths Forum". "Wir versuchen dagegen, eine Verbindung zwischen diesen Gemeinschaften herzustellen." Der Dachverband greift grundlegende Fragen über Gott und die Welt auf und versucht, die Ansätze der Religionen zu vergleichen. Diskussionen zwischen den Glaubensrichtungen sind aber eher die Ausnahme. "Es gibt nur wenige Veranstaltungen in Cambridge, an denen verschiedenen Religionsgruppen teilnehmen. Nur der Muslimische und der Jüdische Verein haben manchmal gemeinsame Treffen mit Diskussionen."

Ganz und gar isoliert ist auch der Verein der "Agnostiker und Atheisten", der sogar dem interreligiösen "Faiths Forum" trotz wiederholter Einladung fernbleibt. "Es fruchtet einfach nicht", sagt einer der Atheisten. "Wenn die sich 'Weltanschauungsforum' nennen könnten, dann vielleicht. Aber so sehen die einfach nicht ein, dass wir eben für keine religiösen Inhalte stehen." Dabei ähnelt der Verein den Religionsgruppen auf den ersten Blick sehr: Auch die Atheisten verbreiten Infomaterial, veranstalten Vorträge und Diskussionsabende und bieten Zugang zu einer Bibliothek mit 300 klassischen Werken zu Atheismus und Religionskritik.

Von Yom Kippur bis Hindutanz

Religion in Cambridge entfaltet sich nicht nur in Vereinen. Das religiöse Leben umfasst soziale und kulturelle Aspekte, etwa wenn es Studenten dazu bringt, gemeinsam Arabisch oder Hebräisch zu lernen oder hohe Feiertage zu begehen. Um handfeste Inhalte geht es bei den zahlreichen Bibelgruppen, die kapitelweise die Heilige Schrift lesen und diskutieren. Einen spirituell-gnostischen Zugang zur Religion suchen viele Studenten in Gebet und Meditation - gemeinsam etwa in Yogagruppen mit der "Consciousness Society" oder alleine in der Collegekapelle, wo auch während des größten Trubels noch Ruhe herrscht.

Für die Seelsorge bis hin zur psychologischen Betreuung haben fast alle Colleges neben dem traditionellen - fast immer anglikanischen - Collegekaplan heute oft auch Vertrauenspersonen für jüdische, muslimische oder hinduistische Studenten. Und die karitative Kraft von Religionsgemeinschaften wird zum Beispiel bei Benefizdiners zugunsten pakistanischer Erdbebenopfer sichtbar - organisiert von der Islamischen Gesellschaft.

Die Vielfalt an Religionsgruppen scheint auf jeden Fall den Wettbewerb zu verstärken. Geistliche Veranstaltungen prägen den Alltag in Cambridge stärker als an deutschen Unis, an denen Kirchen-"Bashing" ein Intellektuellensport ist. Eine Islamwoche, Duwali mit Tanzveranstaltungen für Hindus, Yom Kippur und Thanksgiving, Ramadan, Hanuka und Weihnachten, Ostern, Pesach und Falun-Gong-Demonstrationen am Marktplatz: Es steckt viel Frömmigkeit in der kleinen Stadt.

Ob dem Puritaner Oliver Cromwell die bunte Vielfalt zugesagt hätte, darf zwar bezweifelt werden, aber immerhin fand sich auch für sein Haupt ein Plätzchen. Nachdem eine Sturmböe den Schädel von der Lanze geweht hatte, wurde er von einem Souvenirjäger eingesammelt und wechselte mehrfach den Besitzer, bevor er 1960 in Cambridge seine letzte Ruhe fand. An Cromwells einstigem College liegt der Schädel seitdem an einem geheimen Ort – angeblich in der Kapelle.



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