Revoluzzer-Theater Hurra, wir spielen 1968!

Kommunen-Romantik als Selbstversuch: Eine Gruppe Mainzer Theaterwissenschaftler hat drei Wochen an sich selbst ausprobiert, wie das war - damals, 1968. Sie haben zusammen gekocht, demonstriert und ein Stück eingeübt. Ihre entscheidende Frage: Wofür das alles?

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Schon wieder will eine Demonstrantin ihre laubgrüne Trillerpfeife umtauschen. "Die passt doch gar nicht zu meinem Outfit!" Barbara Frazier hat Verständnis und kramt aus ihrer Tasche eine Trillerpfeife, die zum roten Schal der Kommilitonin passt. Ein orangefarbenes Plastik-Türschild eines Luxushotels baumelt ihr um den Hals und vollendet den Demo-Look: "Bitte nicht stören. I'm relaxing", steht da. Auf dem Mainzer Bahnhofsvorplatz stehen rund 50 Demonstranten. In der Mitte spannen drei von ihnen ein Plakat mit dem Motto ihres kleinen Zuges: "Wir wollen nix".

Aber diese Demo ist nicht echt und schon gar nicht spontan - alles ist bis ins kleinste Detail geplant. Jeder bekommt einen Text in die Hand gedrückt, da steht das Demolied drauf. Nur zur Sicherheit, denn geprobt haben sie den Text eigentlich schon. "Die Mitbestimmung wird überbewertet. Man braucht sie gar nicht, wie man in China sieht", stimmt die Gruppe an.

Alles, was passiert, ist erwartbar, so auch die Reaktion der Passanten: Die einen schütteln den Kopf, andere nicken zustimmend. Worum es geht, wissen sie alle nicht, sie können es nicht wissen, denn den Demonstranten geht es auch um nichts. Das hier ist ein Kunstprojekt.

Die Demonstranten sind Theaterwissenschaftler der Uni Mainz. Sie haben ihr Seminar für drei Wochen zu einem sozialen Experiment gemacht: Sie wollen nachfühlen, wie es gewesen sein muss, wie sich das angefühlt hat, vor genau 40 Jahren, für die Generation der 68er.

"Die Solidarität kocht auch nur mit Wasser"

Ein paar Menschen auf dem Bahnhofsvorplatz bleiben stehen, sie zücken Handys und Kameras. "Wofür demonstriert ihr denn?", will ein älterer Herr wissen. Er macht mit seiner Kamera ein Foto von der Szene. Ein bisschen wie im Zoo. Einer der Demonstranten streckt ihm einen Flyer entgegen: "Wir wollen nichts", steht darauf.

Der Herr ist mit der Antwort irgendwie unzufrieden und sagt nichts. Er lässt die Botschaft sacken, dann geht ihm anscheinend ein Licht auf. Er grummelt etwas von der harten Nachkriegszeit, dann sagt er: "Bescheidenheit - das ist es, was den jungen Leuten heut fehlt."

Die Demo setzt sich in Bewegung, die Gruppe quatscht Leute an und verteilt Flyer, man agitiert am Straßenrand. "Die Solidarität kocht auch nur mit Wasser. Die soll sich nicht so anstellen, die dumme Sau", singen sie. Textlich und melodisch ist das angelehnt an die Lyrik des Liedermachers Peter Licht. Ähnlich wie in seinen sinnfrei-schönen Texten pendeln die Demonstranten mit ihren Slogans zwischen Protest und Ironie. Ob das jemand versteht? Vorneweg fährt ein Polizeiauto, wie bei einer echten, also einer ernstgemeinten Demo.

"Kümmert euch um nichts!"

Seit drei Wochen treffen die Theaterstudenten sich jeden Tag von zehn Uhr morgens bis acht Uhr abends. Sie philosophieren über sich und die Welt. Sie kochen und essen gemeinsam, diskutieren über die sexuelle Befreiung und planen Happenings. Die Demo ist eines davon. "Wir versuchen, uns mit den Mitteln der 68er selbst zu beschreiben", sagt Marcel Bugiel, der Leiter und Regisseur des Projekts.

Warten die Studenten also eigentlich nur auf ein neues 1968, und das Theaterprojekt ist so eine Art Testlauf? "Das Leben der anderen geht mir am Arsch vorbei", ruft Student Benjamin Hoesch unter dem Jubel seiner Kommilitonen bei der Abschlusskundgebung der Demonstration in der Mainzer Innenstadt. Und er ist noch nicht fertig: "Tragt es endlich auf die Straße, dass die Welt und die Menschen, dass alles scheißegal ist. Kümmert euch um nichts! Plädiert öffentlich für das Ablegen von Meinungen!"

Hinter dem Getöne steckt eine bittere Analyse: "Nichts fordern" und "nichts wollen" seien Generationsmerkmale der heutigen Studenten, haben die Simulations-68er herausgefunden. Dieser Diagnose gingen tagelange Gespräche voraus. Lebensträume, Ängste, politische Vorstellungen, aber auch sexuelle Wünsche haben die Studenten miteinander besprochen, die Ergebnisse aufgeschrieben und zu Szenen zusammengestellt.

Daraus haben sie schließlich ein Theaterstück gemacht. Ein Stück ohne durchgängige Handlung, mit Protagonisten, die heißen wie die Studenten selbst. Vom WG-Leben ist die Rede, von Fallschirmspringen als Lebenstraum und Angst vor der Zukunft.

Alle Kommunarden an den Esstisch zitiert

Das Seminar sollte in den drei Wochen selbst so etwas wie eine WG, eine Kommune werden. Und da das Herz jeder funktionierenden WG das gemeinsame Essen ist, hat Projektleiter Marcel Bugiel alle seine Studenten immer mit eiserner Disziplin an die große Tafel zitiert: "Ich musste das Zusammensitzen regelrecht befehlen", sagt er. Den Studenten sei das gemeinsame Essen erst im Lauf des Experiments wichtig geworden. Am Anfang habe "sich jeder in seine Ecke verzogen".

37 Studenten hatten sich für das szenische Projekt angemeldet. Viele aus Neugierde, manche aber auch nur weil sie für die Teilnahme einen Schein bekommen. "20 bis 25 Leute sind immer dabei", sagt Fabian Schwab, der sich selbst zur Fraktion der Engagierten zählt. "Der Rest schaut ab und an mal vorbei, gehört aber nicht wirklich dazu."

Einen Schein werden diese "Individuen", wie sie von der Gruppe genannt werden, aber dennoch bekommen: Die Anwesenheitsliste wurde schon zu Beginn des Kurses einfach mal zerrissen - als antiautoritäre Geste.

In den universitären Alltag ließ sich das 68er-Projekt nicht so einfach integrieren: Drei Wochen hockten die Studenten zehn Stunden pro Tag zusammen - da bleibt für andere Lehrveranstaltungen keine Zeit mehr. "Aber wann macht man das schon mal, ein eigenes Theaterstück schreiben und einstudieren?", sagt Student Fabian Schwab.

Die Gruppe macht gerade die Generalprobe ihres Stückes, Fabian hat einen großen Stapel bedruckter Zettel vor sich liegen. "Rausgeworfene Szenen", sagt er und blättert gedankenverloren in ihnen herum. Auf der Bühne liest Lena aus ihrem Tagebuch vor: "Von außen betrachtet ziehen wir unsere Sache mit großer Aufopferungsbereitschaft durch. Und gleichzeitig weiß doch jeder, dass nicht viel davon übrig bleiben wird. Alles wird nur ein großes Spiel gewesen sein, auch wenn es uns vielleicht der Realität ein gutes Stück näher gebracht hat."

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