Der SPIEGEL

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05. September 2012, 09:30 Uhr

Campus-Romane nach Bologna

Uni ohne Sex-Appeal

Von André Boße

Sex im Professoren-Büro, in der Bibliothek, im Audimax: Früher drehten sich Campus-Romane um verquere Liebschaften, Intrigen, Ausschweifungen. Doch an modernen Unis haben die jungen Credit-Point-Sammler keine Zeit mehr für Unvernunft - und den Autoren geht der Stoff für gute Geschichten aus.

Am 19. Juni 1999 töteten 29 europäische Bildungsminister im norditalienischen Bologna ein literarisches Genre: den Campus-Roman. Sie taten es nicht mit Absicht, es ging ihnen in erster Linie darum, das europäische Hochschulsystem zu vereinheitlichen. Damit jemand, der in Göttingen oder Marburg studiert hat, sicher sein kann, dass sein Abschluss auch in Göteborg oder Madrid zählt. Leider führten die eifrigen Technokraten nebenbei auch Begriffe in die Uni-Welt ein, die man eher in der Investmentabteilung einer Großbank erwartet: "European Credit Transfer System" zum Beispiel. Oder "Zentrum für Schlüsselqualifikationen". Das konnte nicht gutgehen.

Ziel des Studiums sollte es fortan sein, sich fit zu machen für den Karriereeinstieg bei einem der global aufgestellten Konzerne. Stichwort "Employability", noch so ein Technokratenbegriff. Es begann der Bologna-Prozess, der das universitäre Leben fundamental veränderte. Heute richten sich Professoren nach immer strengeren Effizienz-Richtlinien, während die Studenten den Credits hinterherjagen. Beides macht müde. Und wer müde ist, verliert die Lust am Abenteuer. Am Experiment. An der Unvernunft. Das mag den Bildungsministern gefallen, Literaten jedoch weniger.

Vorher betrachteten Schriftsteller Universitäten als attraktive Schauplätze für ihre Romane. In dem Mikrokosmos Campus trieben sich intelligente und dämliche, junge und alte, begehrenswerte und kauzige, karrieregeile und stinkfaule Figuren herum, die genug Zeit hatten, um sich unvernünftig lange mit genau den unvernünftigen Dingen zu beschäftigen, die den Stoff bieten für gute Geschichten. Zum Beispiel mit Sex.

Es wird viel herumgemacht in den guten alten Campus-Romanen, zum Beispiel in Javier Marías "Alle Seelen" oder Michael Chabons "Wonder Boys". Und zwar fast nie im Bett, sondern in der hinteren Ecke der Uni-Bibliothek, im Audimax zur Abenddämmerung, im Prüfungszimmer während der Mittagspause. Es prickelt halt besonders, wenn man an Orten fummelt, die eigentlich den Intellekt betören sollten und nicht den Körper.

Woher nehmen die Protagonisten nur all die Zeit?

Meist bleibt der Sex an ungewöhnlichen Orten nicht folgenlos. Schließlich handelt es sich bei Universitäten um Institutionen, in denen Menschen Karriere machen (die Professoren) oder auf ihre Karriere vorbereitet werden (die Studenten). Zu wissen, wer mit wem was hat, bedeutet Macht. Ein Beispiel aus Dietrich Schwanitz' "Der Campus", dem wohl bekanntesten deutschen Universitätsroman, veröffentlicht im Jahr 1995: Den Sex haben hier Hanno Hackmann, Professor für Kultursoziologie, und seine Studentin Barbara "Babsi" Clauditz - und zwar auf seinem Professorenschreibtisch, auch einer dieser Orte. Die Beschreibung des Geschlechtsverkehrs ist gelinde gesagt furchtbar. Schwanitz lässt kein Klischee aus: Die Brüste pendeln, die Schenkel zittern, die Rücken verkeilen sich ineinander - über Sex schreiben kann Charlotte Roche um Klassen besser.

Aber egal, denn Schwanitz' Geschichte nimmt danach so richtig Fahrt auf. Diverse Figuren aus dem universitären Umfeld bekommen Wind von dem Verhältnis, und es beginnt ein Durcheinander aus falschen Verdächtigungen, feministischen Verschwörungstheorien, skrupellosem Mobbing.

All diese Dinge mag es heute an Unis in Ansätzen auch noch geben. Aber wer "Der Campus" liest und dabei an das Hochschulleben von heute denkt, fragt sich vor allem eines: Woher nehmen die Protagonisten nur all die Zeit, um sich dermaßen ausführlich mit diesen Intrigen und Machtspielereien zu beschäftigen? Knapp 400 Seiten lang dreht sich das Uni-Leben um sich selbst. Die Professoren gockeln eitel herum, die Studenten lästern, was das Zeug hält - nur von Prüfungsstress keine Spur.

Wie die Unis zu Orten des langweiligen Stresses verblassen

Schwanitz' Uni-Roman liest sich 17 Jahre nach Erstveröffentlichung wie eine Geschichte aus einer anderen Ära. Aus einer Epoche, als sich an der Uni noch die Gemüter erhitzten, die Kontraste scharf hervortraten. Dagegen verblassen die Lehranstalten der Gegenwart bis zur Unkenntlichkeit.

Auch darüber kann man schreiben. Muss man schreiben. Das geschieht aber derzeit fast ausschließlich in bildungspolitischen Leitartikeln. Der Campus-Roman dagegen verschwindet in Europa zusehends aus den Katalogen der Verlage. Beachtliche Bücher, die an Universitäten spielen, erscheinen nur alle Jubeljahre.

2006 hat die norwegische Schriftstellerin und Sprachwissenschaftlerin Helene Uri mit "Nur die Stärksten überleben" einen Skandinavien-Krimi an die Uni verlegt - und zwar an ein fiktives Institut, das sich mit Hilfe eines großen Forschungsbudgets mit der Zukunft der Sprache beschäftigt. Ein böses, häufig lustiges, manchmal spannendes Buch (nur der Vollständigkeit halber: Sex gibt es hier auf dem teuren Teppich im Arbeitszimmer der Professorin) - aber statt mit ihrer Geschichte auf die Uni-Realität nach Bologna zu reagieren, entwirft die Autorin über 400 Seiten einen Elfenbeinturm: Den Forschern fehlt es nicht an Geld, den Studenten nicht an Zeit - gibt es das in Norwegen tatsächlich noch? Dann nichts wie hin!

Was neuen Romanen fehlt: Aufruhr

Der jüngste deutsche Roman, der sich dem Genre zugehörig fühlt, erschien in Erstauflage 2010 und wird in diesem Jahr neu aufgelegt: "Hier kommt Michelle" heißt er, geschrieben hat ihn Annette Pehnt. Man hat als Leser gleich seine Probleme mit dieser Michelle, die als "reizende junge Abiturientin mit einem schmalen, flinken Körper" in das Campus-Leben der Uni von Sommerstadt geworfen wird, die der Stadt Freiburg nachempfunden ist, wo die Autorin lebt und an der Pädagogischen Hochschule lehrt.

Michelle verspürt keine Neugier, wartet brav auf Anweisungen und bewertet jegliches Engagement nach den Credits, die ihr dafür in Aussicht gestellt werden. Kurz: Michelle nervt. Den Leser. Nicht aber den Rektor der Uni, Klaus Maurer, der Studenten als Hohlraum betrachtet, in den seine Uni das modulare Wissen füllen kann, um sie fit für den globalen Markt zu machen.

Annette Pehnt trifft mit ihrer Beschreibung des Uni-Rektors das Problem der effizienten Kühle an den Unis der Gegenwart. Was dem Roman jedoch fehlt, ist Aufruhr. Ein Aufschrei von Studenten und Lehrenden, die nicht nur weiterhin das humboldtsche Bildungsideal vertreten, sondern auch auf ihr Recht auf Abenteuer, Experimente und Unvernunft pochen.

Wie das gehen kann, zeigen - mit allen Widersprüchen - gerade die Piraten in der Politik. So einen Piraten-Campus-Roman würde man gern lesen. Ein Rebellenstück, politisch aufgeladen und gesellschaftlich überaus relevant. Und gern dürfen die Protagonisten zum Wohle der Geschichte auch wieder an ungewöhnlichen Orten herummachen, notfalls dann auch mit pendelnden Brüsten.

"Anständig trinken": Fünf Klassiker über das Leben an der Uni

Kingleys Amis: "Lucky Jim" (1957)

Die Geburtsstunde des Genres: Die Geschichte spielt kurz nach dem Zweiten Weltkrieg an einer kleineren britischen Uni. Geschichtsdozent James "Jim" Dixon erlebt den Campus als Spiegel der Nachkriegsgesellschaft: Auf der einen Seite werden alte Traditionen hochgehalten, auf der anderen Seite sehnen sich gerade die jungen Menschen nach Wandel und frischen Ansichten. Neben diesem sehr humorvollen Klassiker hat Kingsley Amis ein weiteres Buch geschrieben, das besonders an Unis beliebt ist: "Anständig trinken" - ein Standardwerk für alle, die Alkoholgenuss als Kunst verstehen.


David Lodge: "Kleine Welt. Eine akademische Romanze" (1996)

Der Brite David Lodge ist der Großmeister des Campus-Romans. Sein Trick: Er nimmt sich ein Thema, verlagert es in den Mikrokosmos eines Uni-Campus und seziert es dort mit großen Genuss. Von 1975 bis 1988 legte er mit den Romanen "Ortswechsel", "Kleine Welt" und "Saubere Arbeit" eine ganze Campus-Trilogie vor; in allen drei Büchern richtet Lodge den Fokus auf die Dissonanz zwischen Intellekt und Gefühl. Dementsprechend wird viel geredet, wobei die Dialoge in "Kleine Welt" über die Frage, wie man akademisches Lesen und Vergnügungssucht in Einklang bringen kann, besonders amüsant sind.


Javier Marías: "Alle Seelen" (1991)

Ein junger Spanier aus Madrid zieht für zwei Jahre ins englische Oxford, um an der Universität als Gastdozent zu arbeiten. Marías schildert in poetischer Sprache und nur scheinbar willkürlichen Episoden, wie man sich fühlt, wenn man von außen in einen geschlossenen Kosmos mit jahrhundertealten Traditionen vordringt. Aufgelöst wird die Geschichte mit einer erotischen Nacht; Höhepunkt ist jedoch die detailgenaue und urkomische Beschreibung des überaus streng reglementierten Campus-Dinners.


Tom Wolfe: "Ich bin Charlotte Simmons" (2005)

Die fiktive Dupont University hält sich für eine elitäre Einrichtung - doch das Leben der Studenten dreht sich ausschließlich um Sex, Schnaps und Status. In diese Welt tritt Charlotte Simmons ein: blauäugig, zunächst unschuldig beobachtend, später genau so involviert wie alle anderen. Tom Wolfe, als Meister der Milieubeschreibung, skizziert das Campus-Leben so detailreich, dass man sich als Leser vor der Selbstsucht der Protagonisten ekelt - aber gleichzeitig die Bedingungen für ein Auslandssemester in den USA recherchiert.


Michael Chabon: "Wonder Boys" (1996)

Grady Tripp bringt tagsüber seinen Studenten kreatives Schreiben bei und sitzt abends vor einem mittlerweile 2611 Seiten dicken Manuskript, das eigentlich einmal sein Debütroman werden sollte, aber wohl niemals erscheinen wird. Als wäre das nicht schon schlimm genug, kommt sein Musterschüler plötzlich mit einem sensationellen Erstling um die Ecke, der die Kritiker begeistert. Zu allem Überfluss verstrickt sich Grady in ein unglückliches Verhältnis mit seiner Vorgesetzten sowie in wenig souveräne Whiskey-Besäufnisse mit seinen Studenten. Tolles Buch - aber auch die Verfilmung mit Michael Douglas, Tobey Maguire und Katie Holmes ist klasse.

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