Rostocker Privatuni Schiffbruch an der Ostseeküste

"Think Big": Die Private Hanseuniversität wollte Manager und Juristen ausbilden und der staatlichen Konkurrenz einheizen. Ein Jahr nach dem Start hat sie drei Professoren und drei Studenten. Neue Erstsemester im Herbst: null. Geht die schlingernde Hochschule bald unter?

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In Rostock-Warnemünde, zehn Gehminuten vom weißen Ostseestrand entfernt, steht ein Geschäftsmodell. Es heißt Private Hanseuniversität (PHU) Rostock. Ein Geschäftsmodell ist die "Hanseatic University" schon seit fünf Jahren, eine Universität eher weniger. Dafür fehlt zweierlei: ein gewisses Fächerspektrum - und vor allem Studenten.

Hanse-Dämmerung? Die private Hochschule trudelt
Private Hanseuniversität Rostock

Hanse-Dämmerung? Die private Hochschule trudelt

Drei tapfere junge Menschen sind derzeit eingeschrieben für ein Bachelorstudium im Fach Business Administration. Vorzeigen kann die Hochschule: viel Platz, Renditehoffnungen, die Zulassung für drei Studienrichtungen, 14 Angestellte, davon drei Professoren, wie die "Financial Times Deutschland" (FTD) letzte Woche berichtete. Neben dem Wirtschafts-Bachelor könnten neue Studenten Business IT oder Jura studieren. Theoretisch. Allein: Offenbar will das praktisch niemand.

Die Uni-Leitung und die Investoren hätten beschlossen, dass sich im kommenden Wintersemester keine neuen Studenten an die Hochschule einschreiben werden, teilte die GmbH am Mittwoch auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE schriftlich mit. Die erwartete Nachfrage nach Studienplätzen sei "trotz anerkannt guter Akkreditierungsergebnisse und der hervorragenden wissenschaftlichen Qualität des gesamten akademischen Teams ausgeblieben".

5, 4, 3... - sind die Mitarbeiter bald allein an der PHU?

Die drei BWL-Studenten bleiben im Strandbad Warnemünde also auch im kommenden Winter unter sich, die Mission "Studieren wo andere Urlaub machen" (Website der Hanse-Uni) droht zu scheitern. Noch letzte Woche hatte Kanzler und Geschäftsführer Knut Einfeldt der "FTD" gesagt, er rechne "positiv geschätzt" mit 70 neuen Erstsemestern. Im Mai hatte die Leitung gar an 100 Studienanfänger an der Ostseeküste geglaubt.

Das war, nun ja: optimistisch. Und Werbegetöse hat die Privathochschule seit ihrem Start 2003 reichlich verbreitet. "Think big" lautete damals das Motto, 2004 wollte man bei 130 Studenten sein, 5000 Studenten stand auf dem Zehnjahresplan. Vater der hochfliegenden Pläne ist Peter L. Pedersen, Ex-Offizier der Bundeswehr, FDP-Mitglied und Chef der winzigen Unternehmensberatung Tutor in Miekenhagen/Bad Doberan.

Als Pedersen die Pläne 2003 erstmals präsentierte, versprach er "die erste Universität, die auf der Basis des Aktienrechts" gegründet werde. Das Hamburger Finanzunternehmen K1F Knowledge One Fonds, das für Pedersen eine Roadshow durch acht deutsche Städte organisierte, nannte als Vorbild große Bildungsaktiengesellschaften in den USA und versuchte, die Anleger für die neuartige Bildungsaktie heißzuquatschen: "Börsenträume"seien zu erwarten.

Wie aus 5000 Studenten fünf wurden

Vier Jahre später und vor dem ersten Semester im Jahr 2007 war Pedersens XXL-Plan stark geschrumpelt - nunmehr wollte man mit 25 Studenten starten. Selbst war zu hoch gegriffen: Bei Semesterbeginn waren es nur noch fünf echte Studenten; 20 weitere kämen aus Usbekistan, für einen "Kurs der gleichen Fachrichtung", erklärte damals ein Sprecher. Aber auch bei den fünf Studenten blieb es nicht - im Februar waren es nur noch vier, heute sind es drei.

Das Bildungsunternehmen Hanse-Uni versucht seine Investoren bei Laune zu halten, sie sind eine von drei Säulen des Geschäftsmodells, das die PHU als einmalig bezeichnet:

  • Um der Bonsai-Uni Geld zuzuführen, legte ein Bremer Emissionshaus im Jahr 2005 einen Bildungsfonds auf. 97 Prozent der Anteile kaufte der Hamburger Bildungsinvestor Eucationtrend AG und stellt damit das Stammkapital von fünf Millionen Euro. Educationtrend betreibt auch die International University Bruchsal.

  • Für ein Semester Bachelor-BWL oder Jura fallen 7500 Euro Gebühren für das Semester an. Einem der drei Studis zahle die Uni allerdings 5000 Euro über ein Teilstipendium, sagt der junge Mann der "Ostsee Zeitung". Und auch einer der beiden anderen Studenten soll laut Medienberichten nicht die ganze Maut bezahlen.

  • Und der dritte? Unternehmen sollen, so hofft die private Hochschule, ihre Trainees in der künftigen Kaderschmiede an der Ostsee zu Topmanagern ausbilden lassen. Das Firmeninteresse ist offenbar gering - ein Student bekommt laut "FTD" sein Studium von einer Firma bezahlt, die enge Beziehungen zum Mehrheitseigener Educationtrend AG pflege.

Mikro-Uni prüft "Neuorientierung"

Die Hanseuniversität stehe "für wirtschafts- und rechtswissenschaftsorientierte Studiengänge der Spitzenklasse", wirbt die schlingernde Hochschule weiter im Internet und will damit Studieninteressenten überzeugen. Aber was genau sollte die locken? Ein teures Studium in den Allerweltsfächern Wirtschaft oder Jura? Bekommt man eher an etablierten Privathochschulen wie Witten-Herdecke und der Hamburger Bucerius Law School, sonst an etlichen staatlichen Unis. Der Standort Rostock am nordöstlichen Republikrand? Berlin und Hamburg, Köln und München haben auch ihre Reize. Meriten in der Lehre? Die muss man erst erwerben.

Noch ist das Experiment Hanse-Hochschule nicht Geschichte, der Geschäftsbetrieb soll offenbar fortgesetzt werden - zumindest vorläufig. Geschäftsführer Knut Einfeldt war auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht zu erreichen, er sei in einem Termin, hieß es an der Hanseuniversität. Schriftlich bestätigte Einfeldt, es werde in diesem Wintersemester keine Immatrikulation neuer Studenten geben. In der momentanen "Neuorientierungsphase" würden "verschiedene Optionen der Neuausrichtung" geprüft, darum seien weitergehende Aussagen noch nicht möglich.

mit Material von dpa



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