Ruderduell Oxford-Cambridge "Kämpft um die Ehre eures Colleges!"

Im März treffen sich die Ruderteams der beiden englischen Vorzeigeunis Oxford und Cambridge zum legendären Showdown auf der Themse. Schon Monate vor dem Rennen schinden sich die Männer und Frauen im Training - frühmorgens, bei Eiseskälte und mit Blasen an den Händen. Den Novizen fällt die Plackerei besonders schwer.

Von Benedikt Mandl, Cambridge


"Reduziert den Ruderschlag, ihr kommt aus dem Takt! Langsamer werden, hört ihr mich?" Der Mann mit der altmodischen Flüstertüte in der Hand gerät in Wallung. "So geht das nicht, ihr müsst den Schlag aufeinander abstimmen", ruft er aufs Wasser hinüber. "Einbremsen und noch mal starten!"

Oxford gegen Cambridge (2004): Nur die Besten bekommen eine Chance
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Oxford gegen Cambridge (2004): Nur die Besten bekommen eine Chance

Cambridge an einem Dezembermorgen, 7.15 Uhr: Die Sonne geht gerade auf, es ist bitterkalt, die meisten Studenten liegen noch im Bett. Nebelschwaden verhüllen die Cam, nur schemenhaft sind die Brücken über den Fluss zu erkennen. Aus dem milchigen Morgendunst taucht ein Boot auf, mit hellblauen Ruderblättern: Es ist eine Anfängermannschaft, im Fachjargon Novizenboot, des Gonville and Caius College. Der Trainer am Ufer begleitet die jungen Ruderinnen mit kritischen Blicken und noch kritischeren Kommentaren. Es ist ihm anzusehen, dass er mit der Leistung unzufrieden ist.

Seit 1829 rudern auf der Themse in London in jedem Jahr die Mannschaften der Universitäten Oxford und Cambridge gegeneinander. Das "Boat Race" lockt als Sportereignis erster Güte jedes Jahr eine Viertelmillion Zuschauer an die Ufer der Themse, etwa acht Millionen Briten verfolgen das Spektakel im Fernsehen.

Ein Winter voller Entbehrungen

Der große Showdown der Universitätsteams findet im März statt, wenn das milde Klima in Großbritannien schon die Narzissen blühen lässt. Was den Millionen Zuschauern entgeht, sind die Monate voller Entbehrungen während der Vorbereitung - mitten im Winter. Die Unis rekrutieren die besten Ruderer aus den Collegemannschaften schon lange im Voraus.

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Ruderwettstreit Oxford-Cambridge: Kampf um die College-Ehre

Geschlagene sechs Monate dauert die Trainingsphase, die Mannschaften schinden sich fast jeden Morgen auf dem Fluss. Abends nach den Vorlesungen trifft man sich noch einmal zum Krafttraining im Fitnessraum. Es ist der alltägliche, erbitterte Kampf der Colleges um die Ehre des Sieges.

Das Novizenboot bremst sich ein, gerät ein wenig ins Trudeln und kommt schließlich gefährlich nahe neben einem Hausboot zum Stehen. Nicht selten schlagen die Ruderblätter der trainierenden Mannschaften den Lack von den traditionell bunt bemalten Hausbooten auf dem Fluss ab - Wortgefechte zwischen Ruderern und den Bootsbewohnern sind an der Tagesordnung. Der Trainer schließt mit dem Fahrrad am Uferrand auf und gibt Anweisungen für den Neustart.

Suchen nach dem richtigen Takt

Erfolgreich zu rudern bedeutet vor allem harte Arbeit. Deshalb werden die "Strokes", die synchronen Ruderschläge, wieder und wieder geübt.

"Ihr müsst eure Kraft einteilen. Wenn ihr zu schnell schlagt, verausgabt ihr euch vor dem Ende des Rennens", erklärt der Trainer im Ruderjargon. 28 Schläge in der Minute ist ein guter Wert für ein Novizenteam, die Universitätsmannschaft schlägt etwa 35 Mal unter Normalbedingungen, im Endspurt mit bis zu 40 Schlägen.

Cambridge-Achter: Totale Erschöpfung nach dem Duell
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Cambridge-Achter: Totale Erschöpfung nach dem Duell

Davon sind die Mädchen von Gonville and Caius weit entfernt: Sie sind fast alle im ersten Semester und lernen gerade den richtigen Takt. Sie bauen Kondition auf und entdecken die Sitten und Gebräuche der traditionsbewussten Rudergemeinschaft.

Der Cox, der Steuermann des vorbeifliegenden Bootes, ignoriert das Frauenboot und den Trainer. Der neunte Mann haucht sich in die klammen Finger, bevor er wieder die Kommandos an seine Mannschaft gibt. Mit ruhigen, kraftvollen Schlägen zieht der Männerachter des King's College an den Mädchen vorbei, während die sich für den Neustart arrangieren.

Klamme Finger, triefende Nasen

Fast jedes der 31 Colleges in Cambridge besitzt ein Bootshaus, die meisten davon stehen nebeneinander an einem etwa 500 Meter langen Flussabschnitt. Entsprechend hoch ist das morgendliche Verkehrsaufkommen der Ruderer.

In einer Collegemannschaft zu rudern, das heißt: Aufstehen in der Dunkelheit, klamme Finger und triefende Nasen, Trainingseinheiten im Frost, die selbst während der Prüfungszeit nicht abgesagt werden. Warum die ganze Schinderei? "Das Rudern ist Teil des Colleges und das College ein Teil von mir," erklärt Heather, die eine Saison lang Captain im dritten Damenboot von Girton College war.

"An das frühe Aufstehen gewöhnt man sich, die Kälte fühlt man im Wettkampf ohnehin nicht. Was bleibt, ist das Gefühl, sich im Team für sein College eingesetzt zu haben. Für die Gemeinschaft." Eine Frage der Ehre also. Stolz trägt Heather den rot-grün-weißen Schal ihres Colleges.

Der Kampf der Nobodys

Das eigentliche "Boat Race" ist eine Angelegenheit für Profis. Zahlreiche Studenten aus den Universitätsteams rudern auch in der britischen Nationalmannschaft. Matthew Pinsent aus Oxford etwa, der vier Mal olympisches Gold gewann. Die vielen Collegeteams hingegen messen ihre Kräfte in kleineren Rennen. Dort können sie kunstvoll verzierte Ruderblätter gewinnen, die dann in den Bars der Colleges aufgehängt werden.

Colleges mit traditionell starken Mannschaften wie das "Jesus College" schmücken ihre Räume mit mehreren Dutzend solcher Trophäen. Die Fotos der siegreichen Rudermannschaften, Helden des Colleges, dürfen nicht fehlen. Sie werden meist mit ausladenden Wappen und Beschriftungen versehen.

Die Mädchen bringen sich in Position, die Lippen zusammengekniffen und mit sehr entschlossenen Falten auf der Stirn. Auf ein Kommando des Cox tauchen sie synchron ihre Ruder ins Wasser und strecken ihre Körper durch. Präzise und kraftvoll, zumindest für die ersten paar Bootslängen. Zwischen ihnen und dem ersehnten Ruhm liegen noch viele Blasen an den Händen, schmerzende Muskeln und eiskalte Trainingsmorgen.

Das Boot nimmt Tempo auf, der Dunst verschluckt die Novizinnen von Gonville und Caius. Der Trainer gibt wieder Anweisungen durch die Flüstertüte, seine Worte werden vom Nebel gedämpft. "Rudert nicht als Sport, rudert nicht für eure Freunde oder um Gewicht zu verlieren", feuert er seine Schützlinge an, "kämpft um die Ehre eures Colleges!"

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