Hochschulen in Sachsen-Anhalt Verkleinert euch, sonst tun wir es

Sachsen-Anhalt will seine Hochschulen schrumpfen und droht mit der Schließung ganzer Institute. Der Rektor der Uni Halle wehrt sich: Er sieht die Lehrerausbildung in seinem Bundesland bedroht.

Protest gegen Kürzungen in Halle: Uni-Präsident hält Sparziele für illusorisch
DPA

Protest gegen Kürzungen in Halle: Uni-Präsident hält Sparziele für illusorisch

Von und


In Zeiten knapper Hochschulbudgets hat das Wort "Profilbildung" eine interessante Karriere gemacht. Was ursprünglich mal beschreiben sollte, dass Hochschulen die Bereiche stärken sollen, in denen sie exzellent sind, ist mancherorts zur Chiffre für die Abschaffung ganzer Institute geworden.

So auch in Sachsen-Anhalt: Dort haben die Universitäten in Halle-Wittenberg und Magdeburg sowie fünf Fachhochschulen dem Wissenschaftsminister Hartmut Möllring (CDU) ihre sogenannten Hochschulentwicklungspläne übergeben - man könnte auch sagen: ihre Hochschulverkleinerungspläne.

Schon seit Jahren wachsen die Etats deutscher Hochschulen nicht mehr in Proportion zu den explodierenden Studentenzahlen. Nun ist in vielen Bundesländern ein besonders harter Kampf ums Geld entbrannt. Die Länder bereiten sich darauf vor, wegen der Schuldenbremse im Grundgesetz ab 2020 ohne Schulden auszukommen. In Sachsen-Anhalt bekommen Unis und Fachhochschulen das nun kräftig zu spüren.

In Halle sind vier Institute bedroht - mindestens

Insgesamt will die CDU/SPD-Landesregierung bis 2019 rund 24 Millionen Euro bei den Hochschulen einsparen: Rund die Hälfte davon entfällt auf die Universität Halle-Wittenberg, 6,6 Millionen Euro auf die Uni Magdeburg und 5,4 Millionen Euro auf die fünf Fachhochschulen des Landes. Obwohl die Regierung von den Hochschulen eigene Sparvorschläge fordert, hat sie auch eine eigene Streichliste entworfen. Darin wird die Abwicklung ganzer Fachbereiche angedroht.

Am stärksten betroffen wäre die Uni in Halle, wo den Plänen der Landesregierung zufolge vier Fachbereiche wegfallen könnten: Psychologie, Informatik, Sport- und Geowissenschaften sowie Medien- und Kommunikationswissenschaften. Die Frage ist nur, wie schnell das überhaupt möglich ist. Und ob das Sparziele von rund 12 Millionen Euro bis 2019 überhaupt erreichbar sind.

Udo Sträter, Rektor der Uni Halle, hält sie für illusorisch: "Auch Studiengänge, die wir schließen, müssen wir noch jahrelang vorhalten." Studenten hätten einen Rechtsanspruch, ein angefangenes Studium an der Uni auch abzuschließen.

"Das kommt heraus, wenn man ein Institut schließt"

Außerdem seien Professoren verbeamtet, müssten im Extremfall also noch lange nach der Schließung ihres Instituts weiterbeschäftigt werden. Für Professoren der 2003 geschlossenen ingenieurswissenschaftlichen Fakultät halte die Universität auch elf Jahre später noch eine Art Auffangzentrum vor. "Das kommt heraus, wenn man ein Institut schließt", so Sträter.

Damit die Landesregierung ihre geplanten Einsparungen erreicht, müsste sie deshalb deutlich mehr Institute schließen, glaubt Sträter. Statt vier müssten rund 15 Institute und Teilinstitute wegfallen, davon sei dann "ein Fünftel der Universität" betroffen. Sträter findet die vorgeschlagenen Institutsschließungen auch inhaltlich fragwürdig: Halle ist die einzige Universität in Sachsen-Anhalt, die Lehrer für alle Schulformen ausbildet. Ohne die Fächer Psychologie, Informatik oder Geowissenschaften sei es aber nicht möglich, Pädagogen für alle Fächer auszubilden, die an den Schulen des Landes angeboten werden. Die Folge: Sachsen-Anhalt müsste Lehrer aus anderen Bundesländern anlocken, womöglich mit höheren Gehältern.

Sträter setzt seine Hoffnungen nun auf den Bund und glaubt, Kürzungen so weitgehend vermeiden zu können: Weil die Länder ab 2015 keinen Anteil an den Kosten des Bafög mehr übernehmen müssen, spart Sachsen-Anhalt 30 Millionen Euro. Sträter hofft, dass ein Teil des Geldes auch an seiner Universität ankommt. Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) habe die Länder aufgefordert, das gesparte Geld in Bildung zu investieren. "Daran werden wir den Minister erinnern."

Dem setzt Minister Möllring eine markige Drohung an die Hallesche Uni entgegen: Er warnte die Hochschule davor, sich den Sparvorgaben des Landes zu widersetzen und drohte mit dem Entzug der Budgethoheit. Die Universität könne dann nicht mehr frei über ihr Geld verfügen, sondern müsse einzelne Vorhaben mit dem Land verhandeln. Wörtlich sagte Möllring MDR Sachsen-Anhalt: "Schade wäre es, wenn eine Universität ausschert." Mit den anderen Hochschulen würden "natürlich Zielvereinbarungen gemacht", die könnten dann "mit ihrem Budget selber arbeiten". Für Halle werde es dann "etwas schwieriger".

insgesamt 44 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Wal-Ire 09.10.2014
1. Warum auch nicht
Schliesslich hat Bildung ja immer nur Geld gekostet. Oder hat irgendeine Uni oder FH jemals einen Gewinn abgeworfen? In Zeiten wie diesen muessen wir halt jede Ausgabe auf die Wirtschaftlichkeit abklopfen und Bildungseinrichtungen, die nicht wettbewerbskonform WiWi Bachelors containerweise produzieren - am Besten auschliesslich privat "gesponsort", also ohe Kostenbeitrag des Staaates sind ja nun mal ganz schlangweg Kostenfaktoren und keine Leistungserbringer. Und Kostenfaktoren koennen wir uns nicht mehr leisten!
Korf 09.10.2014
2. lächerlich
Die anhalinische Landesregierung arbeitet hart daran, das Land in Grund und Boden zu rammen. 1993 wurde in Magdeburg eine vollkommen überflüssige Universität gegründet, nur um den Status als Landeshauptstadt zu untermauern. Heute wird eine der ältesten und ehrwürdigsten Unis Deutschlands dafür bestraft. Das ist so lächerlich, dass man schreien könnte.
jetbundle 09.10.2014
3. Gewinn
Zitat von Wal-IreSchliesslich hat Bildung ja immer nur Geld gekostet. Oder hat irgendeine Uni oder FH jemals einen Gewinn abgeworfen? In Zeiten wie diesen muessen wir halt jede Ausgabe auf die Wirtschaftlichkeit abklopfen und Bildungseinrichtungen, die nicht wettbewerbskonform WiWi Bachelors containerweise produzieren - am Besten auschliesslich privat "gesponsort", also ohe Kostenbeitrag des Staaates sind ja nun mal ganz schlangweg Kostenfaktoren und keine Leistungserbringer. Und Kostenfaktoren koennen wir uns nicht mehr leisten!
Hm. War das jetzt satirisch gemeint oder nicht? Es soll ja Leute geben die denken tatsächlich so. Wo bei es tatsächlich mal interessant wäre den volkswirtschaftlichen Wert von Forschung und Bildung zu ermitteln und den Kosten gegenüber zu stellen.
ulfkaiserderzweite 09.10.2014
4. typisch Gurkenland
Das schlimme an der ganzen Situation ist, dass es keine Solidarität unter den Fakultäten (zumindest in Magdeburg) gibt, geschweige denn unter den Hochschulen in Sachsen-Anhalt. Auch die Bürger des Bundesland scheinen sich für die aggressiven Einsparungen im Bildungsbereich nicht zu interessieren. Am besten das Land dicht machen und Rasen säen.
Lankoron 09.10.2014
5. In Halle
darf es nicht mehr geben als in Magdeburg. Egal wovon. Und eine langfristige Planung existiert in unserem Bundesland sowieso nicht. Bereits seit Jahren fehlen massiv Lehrer. Als solche Zahlen Anfang 2000 bekannt wurden, wurde jedoch schon durch Budgetkürzungen die Lehrerausbildung reduziert. Mittlerweile fehlen an etlichen Schulen in Sachsen-Anhalt soviele Lehrer, das regulärer Unterricht kaum abzuhalten ist. Das Ministerium, das fachfremde Vertretung oder schriftliche Arbeiten als "erteilte Stunden", schönt nur die Zahlen. Die für 2014 ausgeschriebenen Stellen konnten, wie in den Vorjahren, nicht alle besetzt werden, weil es teilweise keine Bewerber gab. Naja...aber wahrscheinlich setzt man auf eine einfach Rechnung: weniger Lehrer----weniger Schüler mit Abi----weniger Studenten---weniger Unibedarf....und 2040 können wir dann Unis komplett einsparen, alle Schulen schließen...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.