Schavan über ihre Plagiatsaffäre "Ein irres Menschenbild"

Unrecht sei es, was ihr widerfahren ist: Annette Schavan spricht in einem Interview mit der "Welt" über ihre Plagiatsaffäre. Auch nach ihrem Rücktritt als Bildungsministerin kämpft sie um Titel und Ehre. Ein höheres politisches Amt strebt sie aber nicht mehr an.

Annette Schavan im Februar 2013: "Ich habe integer gearbeitet"
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Annette Schavan im Februar 2013: "Ich habe integer gearbeitet"


Nein, ein solches Vorgehen habe sie nicht für möglich gehalten. Knapp ein Jahr nach ihrem Rücktritt als Bildungsministerin zeigt sich Annette Schavan immer noch schockiert über die Plagiatsaffäre um ihre Promotion und den Entzug ihres Doktortitels. "Jemandem zu sagen, er habe vor 33 Jahren in seinem Text zum Abschluss des Studiums absichtlich getäuscht, ist mit einem irren Menschenbild verbunden", sagte die CDU-Politikerin in einem Interview mit der "Welt".

Was ihr in den vergangenen beiden Jahren widerfahren ist, empfinde sie als "Unrecht", so Schavan. Sie habe eine Doktorarbeit über Gewissensbildung geschrieben, betont Schavan. "Die Vorstellung, jemand beschäftigt sich in jungen Jahren mit diesem Thema und erstellt einen Text mit Täuschung als Vorsatz, ist schlicht absurd." Sie finde in ihrer Arbeit heute zwar "schwache Stellen", es gebe allerdings keine Zweifel über die Textquellen. "Meine Arbeit wurde 30 Jahre lang als ein gutes Buch angesehen", sagte Schavan. Sie nehme für sich in Anspruch, integer gearbeitet zu haben.

Sie sei am Ende zurückgetreten, weil eine Wissenschaftsministerin, die gegen eine Uni klagt, nicht damit rechnen könne, dass dies in der Öffentlichkeit für vereinbar gehalten würde. Auch Kanzlerin Angela Merkel, für die Schavan eine enge Vertraute im Kabinett war, habe ihre Ministerin nicht von diesem Schritt abzuhalten versucht: "Die Situation war so offenkundig, dass da gar nicht so viel gesprochen werden musste", sagte Schavan.

Schavan, 58, war im vergangenen Februar von ihrem Amt als Bildungsministerin zurückgetreten, nachdem ihr der Doktortitel entzogen worden war, Nachfolgerin wurde Johanna Wanka(CDU). Ein höheres Amt strebe sie nun nicht mehr an, so die Politikerin: "Ich nehme mein Mandat wahr, führe ein stilleres Leben als bislang, schreibe mehr und befasse mich stärker mit internationalen Fragen", beschrieb Schavan ihren heutigen Alltag. Außerdem lehre sie an der FU Berlin und gebe dort ein Seminar.

Schavan hatte ihr Studium vor 33 Jahren mit einer Direktpromotion zum Thema "Person und Gewissen" abgeschlossen. Im Februar 2013 entzog ihr die Uni Düsseldorf den Doktortitel wegen "vorsätzlicher Täuschung durch Plagiat". Die Ministerin bestritt den Vorwurf und reichte Klage gegen die Uni ein. Im März 2014 wird der Fall vor Gericht verhandelt.

Plagiattypen
Komlettplagiat
Ein Text wird unverändert und ohne Quellenangabe übernommen.
Eigenplagiat
Der Autor stiehlt bei sich selbst. Er übernimmt Passagen aus einer eigenen vorherigen Arbeit, ohne kenntlich zu machen, dass er diese Absätze schon einmal veröffentlicht hat. Wie macht man es richtig? Auch hier immer die Quelle und in diesem Fall den eigenen Namen nennen.
Strukturplagiat
Man formuliert zwar selbst, folgt dabei aber den Gedanken und Argumentationsketten anderer.
Übersetzungsplagiat
Sätze werden aus einem fremdsprachigen Text ins Deutsche übersetzt, ohne die Quelle zu nennen.
Collagetechnik
Aus verschiedenen Quellen werden Fragmente kopiert und neu zusammengesetzt. Der Text ist neu, die Bestandteile sind aber geklaut.
Verschleierung
Die Sätze und Gedanken anderer werden übernommen und dabei leicht umgestellt - ohne Angabe der Quelle. Es gilt: Auch wenn der Gedanke formal anders klingt, ist er noch nicht der eigene.
Falsches Paraphrasieren
Die Thesen anderer werden sinngemäß zusammengefasst. Dabei darf aber der Wortlaut nicht identisch sein. Und hier gilt ebenfalls: Auch eine Paraphrase braucht eine genaue Quellenangabe.
Bauernopfer
Man weist einen kleinen Teil des fremden Gedankens mit einer Fußnote aus, schreibt aber dahinter munter weiter ab. Wie immer gilt: Jeder Gedanke, jeder Satz, der nicht von einem selbst stammt, braucht eine Quellenangabe.

lgr/dpa

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insgesamt 86 Beiträge
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Seite 1
Delos99 27.12.2013
1. Ach, Frau Schavan...
Es soll also total unwahrscheinlich sein, daß eine über-ehrgeizige Jungpolitikerin, die sich zu Höherem berufen fühlt, eine für die Karriere zwingend erforderliche Arbeit fälscht? Noch dazu, wenn sie aus einem politischen Spektrum stammt, das nicht für Eigenleistung, dafür aber für "Reichtum durch Herkunft" bekannt ist? Vielleicht beschäftigen Sie sich einfach mal mit neuen Themen, zum Beispiel "Realitätsverlust und politische Agenda".
Ottonormal05 27.12.2013
2.
Zitat von sysopGetty ImagesUnrecht sei es, war ihr widerfahren ist: Annette Schavan spricht in einem Interview mit der "Welt" über ihre Plagiatsaffäre. Auch nach ihrem Rücktritt als Bildungsministerin kämpft sie um Titel und Ehre. Ein höheres politisches Amt strebt sie aber nicht mehr an. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/schavan-ueber-ihre-plagiatsaffaere-ich-empfinde-es-als-unrecht-a-940947.html
Naja, ob sie es als Unrecht empfindet ist egal wenn das Gericht bestätigt das sie eine Doktortitelbetrügerin ist.
Oblomow2.0 27.12.2013
3.
Die Plagiatshysterie ist in der Tat erschreckend. Ich will die Arbeit sehen, wo man gar nichts finden würde. Was ist das Problem? Wissenschaft muss auf dem aufbauen, was besteht.
dykker 27.12.2013
4. Tragisch
Frau Schavan ist Opfer ihres eigenen Anspruchs geworden. Sie ist es, die in Baden-Württemberg als Ministerin und in Berlin die Excellenzintiativen gepushed hat. Privatunis mit heute zweifelhaftem Ruf. Sie gehört zu denen, die uns unser Studium vergällt und unfinanzierbar gemacht hat. Sie ist es doch die gegen das eigene Volk àhnlich gezielt handelt wie der Chef des Arbeitsamtes. Ich glaube, ich bin im Irrenhaus. Frau Schavan's Arbeit war weder excellent noch gut und sie ist aberkannt worden und das Schlimmste für mich ist, daß ihre Minderleistung dazu geführt hat, daß sie lebenslang vom Staat alimentiert wird. Frau Schavan und ihresgleichen ist ihre menschenverachtende und existenzvernichtende Art nicht bewußt und nun, Dank sei Gott, erfàhrt sie mal am eigenen Leib wie es ist wenn eine höhere Macht jemandem nur Dank ihrer Gewalt die Existenzgrundlage raubt. Ich für meinen Teil erlebe immer wiede wie mir dieser Staat an die Existenz will. Alle paar Jahre. Erst Einführung Meisterzwang für Zusammenbau PC und Netzwerkkabel, dann Scheinselbständigkeit, Verbot der Entwicklung von Sicherheitstechnik, ich arbeite oft an Kryptographie, dann neuerdings die 18 Monate maximal für einen Auftraggeber arbeiten. Frau Schavan, das Irre Menschenbild haben Sie allein und nicht wir, die wir uns verteidigen und vor allem Sie beim Wort nehmen und ihre Excellenz prüfen. Gewogen und für zu leicht befunden.
roedaelefanten 27.12.2013
5. Wie die Dopingsünder!
Unrechtsbewusstsein gleich Null. :-(
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