Schlafen an der Uni Ich leg den Kopf ab. Nur ganz kurz

Geschlafen? Ich? Weil es kaum Rückzugsräume gibt, halten viele ihr Bibiliotheksnickerchen an unmöglichen Orten. Wir haben die Schläfer fotografiert und kurz befragt.

Schlaftrunken: Irma legt sich gern im studentischen Café hin
Eleonora Pauli

Schlaftrunken: Irma legt sich gern im studentischen Café hin

Von Eleonora Pauli


Sie liegen auf Bänken oder auf dem Boden, rollen sich in Sesseln zusammen oder legen die Stirn aufs Buch: Zu jeder Bibliothek gehören schlummernde Studenten, die ermattet vom Lernen, Feiern oder Hausarbeitenschreiben so müde sind, dass sie nichts mehr aufrecht hält.

Das Gefühl, erst nach fünf Minuten Augen zu bis ans Ende des nächsten Kapitels zu kommen, lässt sich wissenschaftlich untermauern: Ruhephasen beim Lernen und Arbeiten sind wichtig, sagt die Forschung. So haben Piloten, die für maximal 20 Minuten ein Schläfchen einlegen, danach kürzere Reaktionszeiten als ihre unausgeschlafenen Kollegen.

Einige Firmen wie SAP, BASF oder der ADAC haben ihrem Personal inzwischen das Schlafen am Arbeitsplatz ermöglicht. Auch an der Uni Zürich verfügen Studenten über zwei Schlafräume samt Empfangsdame und Massagegerät, und werden so hoffentlich produktiver. Eine gute Idee auch für deutsche Hochschulen?

Wir haben Studenten und einen pensionierten Schulleiter in Berlin beim Bib-Schlaf fotografiert und sie nach ihrem Aufwachen kurz gefragt, wo und wie sie am liebsten kurz einnicken.

Christian, 22, studiert im fünften Semester Chemie: "Nach dem Essen zur Entspannung"

"In der Regel schlafe ich sehr selten an der Uni, dafür fahre ich eher nach Hause, denn ich wohne nicht weit weg. Aber die 15-minütige Pause während der Vorlesung nutze ich schon manchmal, um einen kleinen Powerschlaf auf dem Tisch einzubinden. Oder halt wie heute zur Entspannung vor dem nächsten Seminar. Einen richtigen Ort zum Ausruhen gibt es hier nicht, deshalb liege ich halt hier vor der Mensa auf dem Boden. Das ist trotz Teppich ziemlich hart, aber zum Glück…

…darf ich bei meiner Freundin auf dem Schoß dösen. Im Sommer haben wir das manchmal draußen auf der Wiese gemacht, aber dann gab es dort Bauarbeiten, und jetzt im Winter ist man sowieso drinnen."

Irma, 25, schreibt gerade ihre Masterarbeit in Musik: "Eingeschworene Truppe von Mitschläfern"

"Im studentischen Café schlafe ich eigentlich sehr gerne: Es gibt hier sehr gemütliche Couches, und man kann zu jeder Tageszeit einen Platz finden, um sich kurz in die Waagerechte zu begeben. Das viele Lesen in der Bibliothek, vor allem am Computer, die fehlende Bewegung,…

…die schlechte Luft - das macht einfach müde. Und der Winter hilft auch nicht gerade weiter. Regelmäßige Schlafzeiten habe ich zwar momentan nicht,…

…aber vor einigen Semestern war ich jeden Dienstag um 10 Uhr hier, weil ich ab 8 Uhr ein Seminar hatte und danach eine Pause. Damals hat sich hier eine eingeschworene Truppe von Mitschläfern gebildet. Das Café ist schon ein super Ort zum Dösen, aber ein Schlafraum wäre eine totale Verbesserung."

Anne, 23, studiert BWL im Bachelor."Ich lege kurz den Kopf ab. Nur ganz kurz"

"Schlafen tue ich eigentlich gar nicht so oft hier, daran bin ich einfach nicht gewöhnt. Momentan bin ich aber in einem Lernmarathon und ständig in der Bibliothek, weil ich Mitte Februar meine letzten Klausuren habe – danach kommt nur noch die Bachelorarbeit! Heute Vormittag hatte ich Vorlesungen, jetzt ist es 17 Uhr. Ich bin also schon den ganzen Tag unterwegs. Wenn ich mich so lange konzentriere,…

…muss ich ab und zu kurz den Kopf ablegen. Nur ganz kurz. Dabei ich lasse das Licht an und schlafe gar nicht richtig ein, sondern entspanne nur einige Minuten. Wenn es hier einen Ruheraum gäbe, würde ich ihn wahrscheinlich kaum nutzen. Da für ein Nickerchen hinzulaufen, lohnt einfach nicht."

Tabassom, 37, promoviert in Informatik. "Der Tisch ist im Vergleich doch bequemer"

"Eigentlich promoviere ich an der Uni in Oldenburg, aber da mein Zweitbetreuer in Berlin wohnt, bin ich heute hier in der Bibliothek. Um 9 Uhr habe ich angefangen, jetzt hatte ich eine Stunde Mittagspause - Schläfchen inklusive. Eigentlich hätte ich einfach einen Kaffee trinken und weitermachen sollen, denn ich habe nur noch sechs Monate Zeit bis zur Abgabe, da zählt jeder Tag. Aber wenn man so erschöpft ist, nützt das ja nichts. Außerdem habe ich diesen Sessel hier entdeckt…

…und habe eine gute Position gefunden. Es ist mir schon ein bisschen unangenehm, vor Fremden zu schlafen, deswegen vergrabe ich mein Gesicht lieber so, dass man es nicht sieht. Aber ich muss sagen, auch wenn es gemütlich aussieht, der Tisch ist im Vergleich doch bequemer."

Sun Yu, 26, studiert Elektrotechnik im Master. "Hier ist es zwar ziemlich laut, aber ich bin so extrem schläfrig"

"Ich bin kein regelmäßiger Uni-Schläfer. Aber gestern habe ich bis in die Nacht hinein gelernt, daher bin ich schrecklich müde. In einer Woche habe ich eine wichtige Prüfung, und dafür lerne ich momentan jeden Tag, so lange es geht. Der Sessel ist sehr gemütlich, der Kopf ist etwas abgeschirmt, und man kann die Beine an dem Geländer hochlegen.

Diesen Platz habe ich ausgesucht, weil gleich da drüben meine Sachen liegen und ich mich nur kurz ausruhen wollte. Hier ist es zwar ein bisschen laut - gleich unter uns befindet sich der Eingangsbereich zur Bibliothek, aber ich bin so extrem schläfrig, dass ich trotzdem eben eine ganze Stunde geschlafen habe."

Bernhard, pensionierter Schulleiter. "Ich wurde schon Mal geweckt"

"Seit ich pensioniert bin, arbeite ich als Sachbuchautor und komme montags bis freitags regelmäßig in die Bibliothek, um zu schreiben. Meistens treffe ich gegen Mittag ein und bleibe dann bis 21 oder 22 Uhr, also eine ziemlich lange Zeit. Da schlafe ich nachmittags eigentlich immer eine ganze Stunde, und zwar immer in diesem Sessel. Dieses Modell mit Armlehne und Ablage für die Brille ist einfach besonders bequem. Ich habe eigentlich nie das Bedürfnis, mich irgendwie zu verstecken oder zurückzuziehen, Schlafen vor Fremden finde ich nicht unangenehm. Allerdings bin ich schon Mal geweckt worden beim Mittagsschlaf in einer anderen Bibliothek: Da schnarchte ich offenbar."

Johannes, 24, studiert Chemieingenieurwesen: "Schlafen hat mit Faulheit nichts zu tun"

"Heute bin ich schon seit 8 Uhr in der Uni. Ich hatte ein zweistündiges Seminar, dann bin ich in die Bibliothek gekommen. Jetzt ist es 16 Uhr, und ich will noch eine Weile weitermachen. Richtig geschlafen habe ich aber eben nicht, sondern nur gedöst. Das geht mir oft so nach dem Mittagessen, da muss ich mal 20 Minuten Pause machen, um das Tief zu überwinden. Wahrscheinlich esse ich zu viel und bin davon total fertig. Jetzt trinke ich noch einen Kaffee, dann kann ich mich munter der organischen Chemie und Toxikologie widmen. Ich finde, dass Schlafen nichts mit Faulheit zu tun hat. Kein Mensch ist den ganzen Tag über aufnahmefähig. Ich fände einen abgetrennten Raum zum Ausruhen schon extrem toll!"



insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
kuschl 06.02.2015
1. Pausen müssen sein
Alte Weisheit: Kurze Phasen der Erholung steigern die Arbeitsleistung erheblich. Wer als Arbeitgeber diese Möglichkeit einräumt, hat's begriffen. Man kann nicht ohne Pausen über Stunden auf hohem Niveau konzentriert arbeiten. Dabei reichen kurze Phasen der Erholung schon aus, um deutliche Leistungssteigerungen zu erzielen.
Eliza 06.02.2015
2.
Zitat von kuschlAlte Weisheit: Kurze Phasen der Erholung steigern die Arbeitsleistung erheblich. Wer als Arbeitgeber diese Möglichkeit einräumt, hat's begriffen. Man kann nicht ohne Pausen über Stunden auf hohem Niveau konzentriert arbeiten. Dabei reichen kurze Phasen der Erholung schon aus, um deutliche Leistungssteigerungen zu erzielen.
Korrekt. Ein paar Ruheräume für die Studenten sollte es an jeder Uni geben. Viele Studenten haben sehr lange Arbeitstage an der Uni, starten morgens um acht und sind erst abends um 22 Uhr fertig. Dazwischen mehrere Veranstaltungen so ungünstig über den Tag verteilt, dass man auch nicht dazwischen mal für eine Stunde nach Hause gehen kann. Viele wohnen ja auch auswärts. Schwer zu verstehen, dass dies Problem nicht längst schon an allen Unis erkanmnt worden ist.
hasenmann123 06.02.2015
3.
Als ich noch Student war sah ich viel besser aus als diese Typen da... War wohl ausgeschlafener
schlawa 06.02.2015
4.
Ein kleines Nickerchen im Fachschaftscafe sollte doch in jeder Uni drin sein :)
distel61 06.02.2015
5. Leute, geht ...
... früher ins Bett! Euer Nachtschlaf ist in aller Regel zu kurz bemessen, wenn ihr an der Uni einpennt. Im Grunde muss man nachts so lange schlafen, dass der Wecker morgens erst dann klingelt, wenn ihr sowieso schon wach werdet. Der Wecker ist dann sozusagen nur die Versicherung zum rechtzeitigen Aufstehen und nicht Wecker an sich. Und wenn das dann halt zu 8 1/2 oder 9 Stunden Regelschlafzeit anstatt vielleicht 6 oder 7 Stunden führt, dann braucht ihr das auch. Und wenn man so müde in der Vorlesung ist, dann nimmt man eh kaum noch Lernstoff auf. Müde in der Vorlesung rumhocken ist vertane Zeit!
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