Schnappschuss aus Cambridge Die Schlacht um Talente

Kaum etwas wird so heiß diskutiert in Cambridge wie die Frage, wer hier studieren darf. Weil es um ihren guten Ruf geht, verstehen die 31 Colleges bei den Zulassungen gar keinen Spaß und machen Kritiker schon mal mit Strafen mundtot - so wie den deutschen Jurastudenten Lars F.


Uni Cambridge: Keine Scherze über die Zulassung - "This ist not funny!"
Mark Mniszko

Uni Cambridge: Keine Scherze über die Zulassung - "This ist not funny!"

Es ist amüsant, dass selbst über "the other place" Witze nicht immer erlaubt sind. Oxford, das hier milde lächelnd als "dieser andere Ort" tituliert wird, liegt derzeit PR-technisch am Boden, nachdem vor zwei Monaten ein Collegefunktionär einem Undercover-Reporter für eine Spende von 300.000 Pfund einen Studienplatz für seinen Sohn in Aussicht stellte.

Erstaunlicherweise haut Cambridge trotzdem nicht im "Bei uns gäbe es so etwas nicht"-Stil weiter drauf. Allenfalls ein paar harmlose Scherze darüber, dass in Oxford schon ganz andere Dinge für Geld gehandelt worden seien, Bootsrennen etwa - aber sonst vornehme Zurückhaltung, denn:

Über Zulassungen macht man keine Witze. Das ist nicht lustig!

Es ist eher traurig, undankbar, aussichtslos, die schwierigste Aufgabe in Großbritannien - die Adjektive wechseln, je nachdem mit welchem Uni-Funktionär man hier spricht. Cambridge jongliert mit denselben Zulassungsproblemen wie Oxford: Sie ist eine staatliche Uni, will aber Geld von Spendern sammeln. Sie soll für alle Schichten offen sein, aber Absolventen von Privatschulen sind klar überrepräsentiert. Es soll eine klare Zulassungsordnung geben, aber die vielen Colleges haben eigene Richtlinien.

"Unsere Tochter wird mit der Absage nicht fertig"

Vor allem jedoch stehen die beiden Elite-Unis unter ständiger Beobachtung der britischen Öffentlichkeit, die einen "Oxbridge"-Abschluss (wohl zu Recht) immer noch als den idealen Türöffner sieht. Nachzulesen auf Kummerkastenseiten der Zeitungen ("Unsere Tochter wird mit der Cambridge-Absage nicht fertig") oder in Storys über eine Abiturientin, die ihre Schule wegen mangelhaften Lateinunterrichts verklagte, der zu miesen Abi-Noten und der Oxbridge-Absage geführt habe.

Viele sind also stark fixiert auf diese beiden Orte. Genauer: auf einen. Abiturienten können sich entweder in Oxford oder Cambridge bewerben, wo sie nach einer Vorauswahl zum Interview eingeladen werden.

Auch weil die Schulen bei den Schülern, denen sie eine Bewerbung nahe legen, selbst selektieren, sind die Zahlen gar nicht so beeindruckend: So kommen im Durchschnitt in Cambridge je drei Bewerbungen auf einen der Plätze für Undergraduates - an manchen britischen Unis sind es 50. Das Niveau ist dafür aber umso höher, denn Traumnoten in den A-Levels, dem britischen Gegenstück zum Abitur, hat fast jeder Bewerber.

Wenn eine Spende fünf Hungerleider finanziert

Doch kommen wirklich die Besten? Es gibt auch unsichtbare Barrieren: Die Angst von Schülern aus einfacheren Verhältnissen etwa, in einem Hörsaal mit Mitgliedern der Royal Family zu sitzen oder abends bei Kerzenschein unter Ölgemälden zu dinieren. Daher räumen Absolventen staatlicher Schulen in Großbritannien zwar zu rund 70 Prozent die Abi-Bestnoten ab, stellen aber weniger als die Hälfte der Cambridge-Studenten (während die neun Prozent britischen Privatschüler auf einen ähnlichen Anteil kommen).

Kleine Privilegien für die Cambridge- Studenten: Diskussion mit Softwaremogul Bill Gates
Michael Hall

Kleine Privilegien für die Cambridge- Studenten: Diskussion mit Softwaremogul Bill Gates

Spätestens seit dem Fall der Schülerin einer öffentlichen Schule, die in Oxford abgelehnt und in Harvard angenommen wurde, was die Labour-Regierung für eine Attacke auf das Old Boys Network nutzte, kämpft auch Cambridge offensiv gegen Snob-Vorwürfe. So versucht sie mit Sommerschulen und Schnuppertagen, Abgängern staatlicher Schulen die Angst vor einer Bewerbung zu nehmen, und droht Zeitungen mit Rechtsmitteln, wenn sie solche Horrorgeschichten verbreiten wie jene, derzufolge eine Bewerberin wegen ihrer allein erziehenden Mutter nicht angenommen worden sei.

Pessimisten prophezeien aber, dass die Debatte über das Old Boys Network schon bald eine ganz neue Bedeutung bekommt - wenn nämlich wegen sinkender Staatszuschüsse Spenden noch wichtiger für die Hochschule werden, um den Anschluss an die US-Privatunis zu halten. Bislang lautete das Credo stets, Studienplätze seien nicht zu kaufen. Doch nach dem Oxford-Skandal tauchten Leserbriefe in britischen Zeitungen auf, die die Frage aufwarfen, was denn so schlimm daran sei, wenn ein nicht so schlauer Sohn aus reichem Haus zugelassen werde und die Spende seiner Eltern fünf brillante Hungerleider finanziere.

Eigenwillige Definition von Meinungsfreiheit

Um diesen Herausforderungen zu begegnen, bräuchte es eine klare Abstimmung innerhalb der Universität. Indes bewerben die undergraduates sich nicht zentral an der Hochschule, sondern bei einem der 31 Colleges. Zwischen ihnen gibt es nicht nur in Reichtum und Prestige Unterschiede wie zwischen Manhattan und der Bronx, sondern auch beim Auswahlprozess. Da die Colleges zudem ständig in einem internen Ranking stehen, kämpfen sie hart um ihren Ruf für Bewerber.

Der deutsche Jurastudent Lars F. musste das bemerken, als er im Jahrbuch seiner Fakultät potenziellen Studenten von Cambridge abriet, weil man dort Gefahr laufe, in ein College gesteckt zu werden, das inakzeptable, aber dafür sehr teure Unterkünfte anbiete. In einer eigenwilligen Definition von Meinungsfreiheit verdonnerte ihn das College zu einer Geldbuße, weil er es in Misskredit gebracht habe.

So ist das eben in Cambridge: Bei manchen Themen versteht man hier gar keinen Spaß.



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.