Literaturkurs bei Andreas Eschbach Feine Finten vom Fließbandschreiber

Wie packe ich den Leser, fessle ihn und lass ihn nicht mehr los? In einem Schreibseminar erklärt Erfolgsautor Andreas Eschbach zahlenden Schülern, mit welchen Tricks er Spannung erzeugt. Ob sich das auch lohnt, muss am Ende jeder selber spüren.

Bestseller-Werkstatt: Die Idee macht den Roman
Silja Götz

Bestseller-Werkstatt: Die Idee macht den Roman


An einem Morgen im April sitzt Michael Trappe in einem Konferenzraum in Köln, um seinem großen Ziel ein kleines Stück näher zu kommen. Trappe ist 32 Jahre alt, trägt lange Haare und hat soeben sein Studium der Philosophie beendet. Nun will er sich dem Schreiben widmen.

Trappe möchte Kurzgeschichten verfassen, Bücher vorlegen, am liebsten die Bestsellerlisten stürmen. Es geht ihm wie Zehntausenden anderen Menschen, die von einem Leben wie dem von Joanne K. Rowling, Stephen King oder Ken Follett träumen. Es ist ein weiter Weg dahin, und am besten lernt man vorher noch, wie man zum Beispiel einen Spannungsbogen aufbaut und Dialoge schreibt. Trappe hat sich daher bei einem dreitägigen Seminar angemeldet, das der Verlag Bastei Lübbe anbietet. Es heißt: "Nervenkitzel: Schreiben Sie einen verdammt spannenden Roman". Dozenten sind der 53-jährige Bestsellerautor Andreas Eschbach und Ann-Kathrin Schwarz, 38, Mitarbeiterin von Bastei Lübbe.

Im Konferenzraum sitzen Journalisten, Drehbuchautoren, Hausfrauen, ein Polizist und Philosoph Trappe. Auf dem Tisch in der Mitte stehen Wasser, Apfelschorle und Kekse, die Fensterbänke sind vollgestellt mit Lübbe-Bestsellern wie "Generation Doof", daneben liegen Ausgaben der Western-Hefte "Lassiter", die auch im Verlag erscheinen. Die Teilnehmer fahren mit den Augen die Titel ab - und stellen sich wahrscheinlich vor, wie es wäre, ihren Namen auf dem Einband zu lesen. Groß rauszukommen. Geld mit dem Schreiben zu verdienen.

Süße Hoffnung: Eine Teilnehmerin landete einen Erotik-Erfolg

Seminare für Hobby-Schreiber bietet Bastei Lübbe in seiner neuen Akademie regelmäßig an. Wer will, kann sich auch im Verfassen historischer Romane oder erotischer Kurzgeschichten schulen lassen, zwei Genres, die seit Jahren gut laufen im Buchgeschäft.

"Wir suchen so auch nach Talenten", sagt Verlagsmitarbeiterin Ann-Kathrin Schwarz. Für die Teilnehmer kostet der Kurs 649 Euro, was nicht ganz billig ist. Schwarz begründet das mit den "hochkarätigen Dozenten". Allerdings will Bastei Lübbe die Seminarpreise bald senken. Und für Studenten soll es in Zukunft einen Rabatt geben, denn gerade unter ihnen vermutet der Verlag fähigen Nachwuchs.

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Seit der Gründung der Akademie im März dieses Jahres haben etwa hundert Nachwuchsautoren die Seminare besucht. Hat es schon mal einer zu einer Veröffentlichung oder gar einem Bestseller gebracht?

"In einem Fall hat ein Manuskript so überzeugt, dass die Autorin tatsächlich für uns einen erotischen Roman schreibt", sagt Ann-Kathrin Schwarz. Außerdem gibt es Ex-Teilnehmer, die nun Lassiter-Hefte oder andere Serien-Geschichten gegen Honorar verfassen.

Philosoph Trappe hätte nichts dagegen, von seinen Texten leben zu können - aber das sei gar nicht entscheidend: "Schreiben und sich literarisch ausdrücken ist für mich einfach ein Bedürfnis." Mit Freunden betreibt er eine "Literaturwerkstatt", in der sie über ihre Texte sprechen. Einige Kurzgeschichten und Gedichte hat Trappe schon veröffentlicht, in einem Büchlein mit dem Titel "Unfrieden", außerdem geistert die Idee für einen Roman durch seinen Kopf. Um am Kurs teilnehmen zu können, reichte er, wie alle Teilnehmer, zwei Texte ein: zweimal die gleiche Geschichte, einmal möglichst spannend erzählt - und einmal eher langweilig.

"Je rätselhafter, desto besser"

Das Seminar beginnt damit, dass die eingesandten Texte seziert werden. Die erste Geschichte stammt von einer schüchtern wirkenden Teilnehmerin und handelt von einem braven Hund, der langsam zur Bestie wird. Dozent Eschbach, der seit Jahren historische Romane verfasst, ist angetan: "Was machen Sie eigentlich in meinem Kurs?" Die Autorin lächelt und wirkt sehr erleichtert, dass sie so gut weggekommen ist.

Zwischen den Textanalysen erklärt Eschbach Wesentliches: Wie erzeugt man Spannung? Wie gelingt der Aufbau eines Romans? Die Neugier des Lesers müsse geweckt und dann gelenkt werden, sagt er. Der Autor stellt sechs "Stellschrauben" für Spannung vor: Unvorhersagbarkeit, Vorausdeutung, angemessene Sprache, Orientierung, Glaubwürdigkeit und Intensität. "Ihr Leser muss immer verstehen, wo er ist, welche Zeit wir haben und was vor sich geht. Darüber hinaus gilt: je rätselhafter, desto besser."

Wenn der Text nicht nur Rätsel bietet, sondern den Leser verwirrt, war es zu viel des Guten. Man muss, sagt Eschbach, über mehrere Handlungsstränge Spannung erzeugen. Ein Text soll jederzeit andeuten, dass noch etwas kommt, und nie zu viel verraten. Er muss die sinnliche Wahrnehmung beim Leser anregen, gleichzeitig aber glaubwürdig sein.

Und die Sprache? Präzise und bildhaft zu schreiben, so Eschbach, sei für einen Roman das Wichtigste. Mit langen und kurzen Sätzen im Wechsel könne man gut Ton und Lesetempo vorgeben. Beim Leser müsse eine Nähe zur Hauptfigur entstehen. Und grundsätzlich gelte: genau beschreiben, nicht langweilig schildern.

An den folgenden Texten des Seminars gibt es mehr zu kritisieren für die Dozenten: Ein Teilnehmer schreibt über seine Protagonistin "Ihre Angst vergrößerte sich" und "mit offenen Sinnen saugte sie die Eindrücke in sich hinein". Das klingt arg hölzern.

"Die erste Veröffentlichung ist immer die schwerste"

Andreas Eschbach und Ann-Kathrin Schwarz kritisieren freundlich, aber bestimmt. Text für Text. Michael Trappe sitzt da, schaukelt ein wenig auf seinem Stuhl und sagt eher selten etwas zu den Erzählungen der anderen. Seine Geschichte kommt erst später an die Reihe.

Als es so weit ist, wirkt auch Trappe etwas nervös. Der Einstieg in seinen Text funktioniert offenbar nicht. Vor allem einen vorangestellten Satz verstehen nicht alle. Der Bezug auf das spätere Geschehen ist nicht klar. Aber ansonsten bekommt er Lob: für seine lebendige Sprache, für die knappen Dialoge, für den geschickten Textaufbau. "Eine gelungene Geschichte", sagt Andreas Eschbach.

Es folgt eine Schreibübung. Jeder Teilnehmer soll die erste Seite seines spannenden Textes unter der Berücksichtigung der gewonnenen Erkenntnisse noch einmal schreiben.

Dieses Mal loben alle den überarbeiteten Text von Trappe. Der Philosoph ist zufrieden: Er wisse nun, wie wichtig Vorausdeutungen für den Spannungsbogen seien und dass es auf geschliffene Dialoge ankomme, sagt er. Und dass es sinnvoll sein könne, ein Geheimnis hinter die Handlung zu setzen, das für den Leser nur ganz behutsam aufgelöst werde.

"Man merkt immer schnell, wer Talent hat und wer weniger", sagt Andreas Eschbach später beim Kaffee. Aber was macht er als Dozent, wenn er einen Teilnehmer auch nach drei Tagen Seminar für einen hoffnungslosen Fall hält? Es ihm sagen? Eschbach überlegt kurz. "Nein. Das muss der Einzelne schon selbst merken", sagt er. Bei den meisten Teilnehmern sei aber durchaus Talent zu erkennen, und Schreiben sei auch Handwerk: Man solle sich daher nicht zurückwerfen lassen, wenn es nicht direkt klappe mit Leser- und Lektorenzuspruch. "Mit der ersten Romanveröffentlichung ist es wie mit der ersten Million", sagt Bestsellerautor Eschbach, "die erste ist immer die schwerste."


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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
OneTwoThree 28.06.2013
1. Angaben....
Soso, der Herr Eschbach schreibt historische Romane. Da hätte ich dann gerne einmal eine Liste dieser historischen Romane. Ich persönlich kenne von Herrn Eschbach ja eigentlich nur Romane die der Phantastik und SF hinzugerechnet werden können. Was historisches fndet sich da nicht. Und ja, bei Eschbach merkt man, dass seine Romane und Erzählungen anhand eines strikten Spannungsbogens aufgebaut sind. Das fällt bei einigen der besseren Werke nicht auf, es gibt aber auch das eine oder andere Werk, welches zumindestens ich mir nicht vollständig zu Gemüte geführt habe.
sverris 28.06.2013
2. Arno Schmidt über Bestseller:
"Dichter : erhältst Du den Beifall des Volkes, so frage Dich : was habe ich schlecht gemacht?! Erhält ihn auch Dein zweites Buch, so wirf die Feder fort : Du kannst nie ein Großer werden. Denn das Volk kennt Kunst nur in Verbindung mit -dünger und -honig."
Khaanara 28.06.2013
3. Bekannt durch seine historischen Romane
Ich kenne jetzt nur einen Roman der die historische Zeit aufnimmt, das JESUS VIDEO. Wobei ein Archäologe die Videokamera aus der Zukunft in einem zur Zeit Jesu stammenden Fundort findet. Aber als historischen Roman würde ich das jetzt nicht bezeichnen. Eigentlich schreibt der Autor mehr Thriller und Science Fiction Romane (zuletzt den Perry Rhodan-Jubiläumsband 2700 vor einigen Wochen!). Der nächste Roman "Todesengel"wird sogar ein reinrassiger Thriller ohne phantastischen Bezug, aber auch kein Historienroman! Hier vorgestellt: http://forum.sf-fan.de/viewtopic.php?f=44&t=7477
stiip 28.06.2013
4. Verrückt
Zitat von sverris"Dichter : erhältst Du den Beifall des Volkes, so frage Dich : was habe ich schlecht gemacht?! Erhält ihn auch Dein zweites Buch, so wirf die Feder fort : Du kannst nie ein Großer werden. Denn das Volk kennt Kunst nur in Verbindung mit -dünger und -honig."
Da setze ich einen anderen großen Namen dagegen: Umberto Eco. Professor für Semiotik und wohl einer der wichtigsten Köpfe auf diesem Gebiet seit Saussure. Und, Himmel, kann der schreiben. Klar, kein deutscher Schriftsteller. In diesem Land hält sich ja das Vorurteil, dass gut und spannend Geschriebenes keine Kunst sein darf. (Deshalb wird auch ein Andreas Eschbach nie so anerkannt werden, wie er es eigentlich verdient. Lesetipp: "Eine Billion Dollar".) Das wäre vielleicht noch zu verschmerzen, wenn es "nur" um hohe Literatur ginge. Aber auch wer Bücher hauptsächlich als Wandschmuck einsetzt, muss sich täglich durch Texte quälen, die einem so viel Lust machen wie zerkochte Nudeln. Zeitungs- und Online-Artikel. Lehr- und Sachbücher. Reportagen. Politikerreden. Was wäre das für ein Vergnügen, wenn die Schreiber und Redner es verstünden, ihre Botschaft so aufzubauen und zu formulieren, dass man selbst der Gegenmeinung wach und interessiert zuhört. Wie sagte Nietzsche? "Den Stil verbessern -- das heißt den Gedanken verbessern, und gar nichts weiter!" Aber der war ja auch verrückt.
Stäffelesrutscher 28.06.2013
5.
Bastei-Lübbe. Lassiter. Fließbandschreiber. Jemand noch Fragen?
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