Student packt aus "75 Prozent meiner Uni-Leistungen sind Betrug"

In Klausuren spickt er, in Hausarbeiten plagiiert er, selbst sein Praktikumszeugnis hat er verändert: Hier berichtet ein 25-Jähriger, wie er sich durchs Studium an einer großen deutschen Uni schummelt - und warum.

Schummeln in der Klausur (Symbolbild)
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Schummeln in der Klausur (Symbolbild)


In jeder Klausur, die ich schreiben muss, spicke ich - sofern dies möglich ist. Etwa Dreiviertel meiner Studienleistungen sind Betrug. In einer Klausur mit etwa 150 Teilnehmern hat der Dozent zum Beispiel allein die Prüfungsaufsicht gemacht. Da habe ich ganz dreist meine Lernunterlagen herausgeholt, neben den Fragebogen gelegt und alles, was ich konnte, abgeschrieben.

Ansonsten spreche ich mich häufig vorher mit meinen Kommilitonen ab und setze mich so in die Reihe hinter sie, dass ich einen Blick auf ihre Klausurbögen habe. Da in den ersten Semestern fast alle Klausuren aus Multiple-Choice-Fragen bestanden, musste ich nur erkennen, an welcher Stelle sie das Kreuz setzen. Das hat sehr gut funktioniert.

Mein Praktikumszeugnis ist zwar echt, allerdings habe ich darin den Zeitraum um sechs Wochen verlängert, um eine Anerkennung als Pflichtpraktikum in mein Notentranskript zu erhalten. Meine Hausarbeiten sind Plagiate. Jedoch aus fremder Sprache - umgeschrieben und übersetzt, sodass die Plagiatssoftware, wie sie inzwischen an fast allen Universitäten verwendet wird, sie nicht entlarvt.

Im Abi schummelte ich nicht - und bekam die Quittung

Warum mache ich das? In der Schule habe ich es verachtet, wenn Klassenkameraden gespickt haben und nicht durch eigene Leistung eine Arbeit absolvierten. Bis zum Abschluss meines Abiturs habe ich kein Mal geschummelt. Das Resultat war ein deutlich schlechteres Abi als das meiner Klassenkameraden. Es war meine Eigenleistung. Darauf konnte ich mir etwas einbilden, aber kaufen konnte ich mir davon nichts. Auch an die guten Universitäten in den beliebten Städten kam ich nicht. Ich musste mich mit dem zufriedengeben, was meiner Abiturnote entsprach, während meine Kumpels freie Wahl hatten.

In einem Bildungssystem, in dem es nicht nach Intellekt, Interesse, Begabung oder Können geht, sondern schlicht und ergreifend um Noten, war ich mit meiner Moral also völlig falsch aufgehoben. Wer am besten auswendig lernen, das meiste an Stoff behalten und ohne Reflexion reproduzieren kann, der gewinnt. Oder wie im Fall meiner Kumpels in der Schule: Wer am effektivsten betrügt ohne aufzufliegen, der kommt am weitesten.

An der Uni habe ich schnell gemerkt, dass das System auch hier greift. Die Klausuren bestehen fast immer aus Multiple-Choice-Aufgaben. Man lernt stumpf abstrakte Definitionen auswendig, ohne etwas davon zu begreifen. Denn: Wer das Meiste vom Foliensatz wiedergeben kann, der bekommt die beste Note. Deshalb beschloss ich, nicht mehr nach den Regeln zu spielen. Außer in Referaten oder mündlichen Prüfungen, da kann man nicht wirklich betrügen. Das ist aber auch nicht notwendig, da man in einem Referat in der Regel nie etwas Schlechteres als die Note 2 erhält.

Studenten-Geständnis: Profs lesen Hausarbeiten doch eh nicht - oder?

Ein Dozent von mir sagte mal in einem Seminar, dass er uns Studenten von heute nicht verstünde. Wäre er heute Student, so würde er auf die Barrikaden gehen und es nicht hinnehmen, in welcher Form das Wissen vermittelt werde. Er sagte, er habe in seinem gesamten Studium keine einzige Klausur schreiben müssen, und das sei auch gut so gewesen. Denn in einer Klausur, in der man nichts anwende, sondern nur Wissensstände von anderen wiedergebe, könne man das Thema nicht begreifen, da es nicht zur eigenen Erkenntnis käme. Und so könne man nichts lernen.

Er hat recht. Man kann den Dozierenden und Universitäten allerdings nur begrenzt einen Vorwurf machen. In einer Gesellschaft, in der fast jeder ein Abitur erhält, wird auch nahezu jeder ein Studium wagen, statt nur einer schnöden Ausbildung nachzugehen. Jeder strebt nach dem Höheren. Die Folge sind abartig hohe NCs, unqualifizierte Studenten und Abschlüsse ohne Wert.

Wer aber in der Gesellschaft seinen Platz finden will, der muss mitspielen. Ich habe erkannt, dass ich mitspielen will. Aber ich werde nicht länger fair spielen, nur um ehrenhaft unterzugehen. Ich lerne in der Regel nicht und gehe mit der Erwartung in jede Klausur, dass ich sie schiebe. Wenn beim Spicken oder Abschreiben etwas schiefgeht, wäre es nicht so schlimm, da ich sie dann einfach streichen und bei dem nächsten Termin wiederholen könnte. Aber das ist noch nie passiert. Bislang habe ich in meinem Studium nur für eine Klausur richtig gelernt, das war eine "E-Klausur" an einem Computer. Da war es nicht möglich, abzuschreiben.

Plagiattypen
Komlettplagiat
Ein Text wird unverändert und ohne Quellenangabe übernommen.
Eigenplagiat
Der Autor stiehlt bei sich selbst. Er übernimmt Passagen aus einer eigenen vorherigen Arbeit, ohne kenntlich zu machen, dass er diese Absätze schon einmal veröffentlicht hat. Wie macht man es richtig? Auch hier immer die Quelle und in diesem Fall den eigenen Namen nennen.
Strukturplagiat
Man formuliert zwar selbst, folgt dabei aber den Gedanken und Argumentationsketten anderer.
Übersetzungsplagiat
Sätze werden aus einem fremdsprachigen Text ins Deutsche übersetzt, ohne die Quelle zu nennen.
Collagetechnik
Aus verschiedenen Quellen werden Fragmente kopiert und neu zusammengesetzt. Der Text ist neu, die Bestandteile sind aber geklaut.
Verschleierung
Die Sätze und Gedanken anderer werden übernommen und dabei leicht umgestellt - ohne Angabe der Quelle. Es gilt: Auch wenn der Gedanke formal anders klingt, ist er noch nicht der eigene.
Falsches Paraphrasieren
Die Thesen anderer werden sinngemäß zusammengefasst. Dabei darf aber der Wortlaut nicht identisch sein. Und hier gilt ebenfalls: Auch eine Paraphrase braucht eine genaue Quellenangabe.
Bauernopfer
Man weist einen kleinen Teil des fremden Gedankens mit einer Fußnote aus, schreibt aber dahinter munter weiter ab. Wie immer gilt: Jeder Gedanke, jeder Satz, der nicht von einem selbst stammt, braucht eine Quellenangabe.

Und einmal wurde eine Hausarbeit von mir als Plagiat entlarvt. Da war ich nicht vorsichtig genug. Ich habe zu dem Zeitpunkt nebenher an einer anderen Hochschule gearbeitet und habe dort von einem Dozenten erfahren, dass die Plagiatssoftware übersetzte Plagiate nicht erkennt. Seitdem übersetze ich Arbeiten einfach ins Deutsche und werde nicht mehr erwischt.

Die Dozierenden sind zu faul, jedes Semester eine neue Klausur anzufertigen. Es ist verboten, aus einer Klausur den Aufgabenbogen mitzunehmen. Ich tue dies bei jeder Klausur. Ich stelle die Altklausuren immer den unteren Semestern zur Verfügung. Mir haben Altklausuren immer sehr geholfen zu verstehen, was die Dozierenden als relevant empfinden und wie Fragen formuliert werden. Und ich erstelle meine Spickzettel damit. In den meisten Fällen werden die Klausuren identisch oder sehr ähnlich gestellt. Zum Bestehen hat es bislang jedenfalls immer gereicht.

Der Autor ist 25 Jahre alt und studiert eine Sozialwissenschaft an einer großen deutschen Universität.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 242 Beiträge
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Mardor 17.01.2017
1. Laberfächer
"Der Autor ist 25 Jahre alt und studiert eine Sozialwissenschaft an einer großen deutschen Universität." Das bestätigt mal wieder die Vorurteile über viele - nicht alle! - Geisteswissenschaftler. Würde der Junge ein "hartes" Fach studieren, bspw. Maschinenbau, Physik, Chemie o.ä., dann würde er mit seiner Betrügerei binnen kürzester Zeit auf die Fresse fliegen.
Der_Maschbauer 17.01.2017
2. Geisteswissenschaften
So ein Vorgehen geht nur bei Geisteswissenschaften. Versuch sowas mal in einem der MINT-Fächer. Schon klar, dass die Geisteswissenschaften von der Naturwissenschaftlern oft belächelt werden.
hthoma 17.01.2017
3. Multiple Choice Klausur?
Und das soll dann eine akademische Ausbildung sein? Ich habe vor 25 Jahren E-Technik studiert. Da waren in allen Klausuren alle Hilfsmittel erlaubt. Geholfen haben die aber trotzdem nur, wenn man den Stoff auch verstanden hatte, sonst konnte man die Aufgaben trotz Hilfsmittel nicht lösen.
ruhepuls 17.01.2017
4. Nichts Neues...
Es ist leider so: Unser Schul- und Studiensystem fragt Wissen ab - nicht Können, also angewandtes Wissen. Mit der Einführung von MC-Prüfungen wurde es schlechter, nicht besser. Musste man vorher genauer Bescheid wissen, so reicht jetzt ein grobes Wissen, um herauszufinden, welche vorgegebene Lösung die wahrscheinlich richtige ist. MC hat nur für die Korrektoren Vorteile, weil diese nicht mehr lesen müssen, was geschrieben wurde, sondern nur noch ihre Schablone drüber legen.
wasistlosnix 17.01.2017
5.
Schöne neue Welt. Uns fehlen Fachleute und wir bilden keine aus. Für mich sind Fachleute Personen die verstehen was sie tun und nicht die die wissen was andere tun.
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