Schummelstudenten Googeln ja, Mogeln nein

"Don't be evil - Tue nichts Böses", lautet das Firmenmotto von Google. Mit Anzeigen zu Suchbegriffen verdient der Suchmaschinen-Gigant viel Geld, will jetzt aber verhindern, dass Studenten schummeln: Anzeigen von Ghostwritern sollen bald von der Seite fliegen.

Von Katrin Schmiedekampf


Will es mit der Seminar-, Examens- oder Doktorarbeit partout nicht klappen, gibt es für universitäre Nieten immer Abkürzungen. Man muss nur ein wenig findig sein und über ein hinreichendes Talent zur Unehrlichkeit verfügen. Dann kann man sich die knifflige und lästige Arbeit flink per Copy + Paste aus dem Internet zusammenräubern. Oder gleich das komplette Werk bei einem Ghostwriter bestellen. Solche Agenturen stehen stets zu Diensten und liefern gegen ein paar hundert oder auch paar tausend Euro gern, was der Kunde für die akademischen Meriten braucht.

Such den Titel: Google verbannt Ghostwriter-Anzeigen
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Such den Titel: Google verbannt Ghostwriter-Anzeigen

Die Suchwörter "Hilfe" und "Hausarbeit" zum Beispiel ergeben bei Google über eine Million Treffer. In der rechten Spalte erscheint dazu eine Reihe von Anzeigen. "Ihr Ghostwriter im Netz: promoviertes und erfahrenes Team, Unterstützung diskret und zuverlässig, dr-nobody.de"*, heißt es darin zum Beispiel. Oder "Diplom und Dissertation: Wir schreiben Ihre wissenschaftliche Arbeit, professionell, diskret, zuverlässig - wortfeinde.com"*.

Diskret ist das Schlüsselwort - dass ein Diplomand oder Doktorand die Arbeit nicht selbst verfasst hat, darf die Hochschule nie erfahren, schließlich handelt es sich um ein Betrugsmanöver auf dem Weg zum schmucken Titel. Solche Werbung soll bald von der Google-Seite verschwinden. Schon ab dem nächsten Monat will die weltweit führende Suchmaschine in Großbritannien und den USA keine Anzeigen mehr annehmen, in denen Firmen anbieten, Aufsätze und Dissertationen zu schreiben. Die betroffenen Anzeigenkunden wurden nach Angaben von Google bereits schriftlich benachrichtigt.

Google prüft Werbebann auch in Deutschland

Die Ghostwriter-Dienste führten zu einer Entwertung der Universitätsabschlüsse, gab die englische Zeitung "The Times" als Grund für die Entscheidung des Unternehmens an. Google habe sich verpflichtet, hohe Standards für alle Anzeigen einzuhalten, die auf der Seite erscheinen. Schlicht aus anderen Arbeiten abgekupferte Werke ließen sich mit spezieller Plagiats-Software enttarnen. Die Texte, um die es gehe, würden aber meist von freiberuflichen Akademikern geschrieben, häufig auch von ausländischen Studenten gekauft und als ihre eigenen ausgegeben.

Darüber haben sich unter anderem britische Universitäten bei dem Unternehmen beschwert. Drummond Bone, Präsident der Dachorganisation Universities UK, bezeichnete die Entscheidung, Ghostwriter-Werbung fortan zu verbannen, als "Schritt in die richtige Richtung". Die Mühen, die ehrliche Studenten beim Verfassen einer Arbeit auf sich nähmen, würden durch gekaufte oder abgeschriebene Arbeiten geschmälert. "Aber auch die Studenten, die mogeln, leiden darunter" - denn ein Lernerfolg bleibe aus.

"Auch in Deutschland wird derzeit geprüft, ob die Anzeigen moralisch vertretbar sind", sagt Kay Overbeck von Google Deutschland. Von Land zu Land gebe es unterschiedliche Richtlinien, in denen jeweils stehe, welche Werbung zugelassen sei und welche nicht. So seien pornografische und gewaltverherrlichende Anzeigen überall verboten. In Deutschland dürfe nichts beworben werden, was den Tatbestand der Volksverhetzung erfülle. Ob bald auch Ghostwriter von Haus- und Examensarbeiten auf die schwarze Liste gesetzt werden, sei noch unklar, sagte der Google-Sprecher.

In Großbritannien reagierten die Hochschulen erfreut - und die fragwürdigen Textagenturen erbost. In der "Times" und bei BBC beschwerten sich mehrere der Firmen über die Entscheidung und betonten, sie wiesen Studenten darauf hin, dass die bestellten Arbeiten nicht als eigene Werke eingereicht werden dürften.

"Wir sind wütend"

Nach Angaben des Geschäftsführers verdankt eines der größeren britischen Unternehmen bis zu 80 Prozent ihres Umsatzes der Werbewirkung durch Google-Anzeigen. "Wir sind wütend", sagte er der "Times, "wir sind ein seriöses Unternehmen mit 3500 Rechercheuren, Tutoren, Lektoren und einer großen Kundenbasis." Dazu zählten oft auch Studenten im Ausland, deren Muttersprache nicht Englisch sei und die daher an englischsprachigen Arbeiten scheiterten. Die Arbeit seiner Firma bedeute keine Einladung zu wissenschaftlich unredlichem Verhalten.

Drummond Bone als Vertreter der Hochschulen kauft den Firmen das nicht ab. Er sprach von einer "absurden Behauptung" und von "zynischen Titelmühlen" im Internet. Universities UK schätzt die Zahl der an Studenten verkauften Arbeiten auf bis zu 12.000 pro Jahr.

Dirk Bocklage, Geschäftsführer einer deutschen Ghostwriting-Agentur, gibt sich gelassen. Auch seine Firma wirbt bis dato bei Google für Schreibdienste. Von den neuen Plänen hat er gehört. "Google Deutschland hat uns bisher nicht informiert. Aber ich würde mich nicht wundern, wenn unsere Anzeigen unangekündigt von der Seite verschwinden würden", sagt er. Das sei zwar "nicht so tragisch", denn Kunden bekomme er auch über Radiowerbung, Flyer und Anzeigen in Zeitungen. "Schade fände ich es aber trotzdem - die Werbung bei Google ist sehr effektiv."

"Mir ist das egal", sagt ein anderer Unternehmer, der sich als "akademischer Ghostwriter" bezeichnet. Er biete seine Dienste seit über 20 Jahren an. Bei Google werbe er erst seit wenigen Jahren. Wenn die Anzeigen wegfielen, sei das überhaupt kein Problem: "Das Unternehmen ist schließlich nicht das Zentrum der Welt."

*Die obengenannten Web-Adressen wurden von der Redaktion geändert, um den fragwürdigen Agenturen keine neuen Kunden in die Arme zu treiben. Als SPIEGEL ONLINE mehrfach über akademische Ghostwriter berichtete und ebenfalls nur fiktive Firmennamen nannte, wurden diese frei erfundenen Namen sofort als Domains angemeldet...

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