Schutz vor Souvenirjägern Uni lässt Guttenbergs Doktorarbeit bewachen

Guttenberg gibt auf, doch seine Doktorarbeit steht noch in den Bibliotheken: Was geschieht mit ihr? Experten fordern, sie aus dem Verkehr zu ziehen. Die Universität Münster will sie zunächst vor Trophäenjägern schützen - und mit einem Warnhinweis versehen.

Guttenbergs Doktorarbeit: Noch zitierfähig?
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Guttenbergs Doktorarbeit: Noch zitierfähig?


Er verlor seinen akademischen Grad und sein Amt. Doch die Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) steht noch als wissenschaftliches Werk in den Bibliotheken. Kann das so bleiben?

Nach dem ganzen Wirbel ergriff als eine der ersten Hochschulen die Universität Münster Sofortmaßnahmen - allerdings zum Schutz der Doktorarbeit.

Damit Trophäenjäger sie nicht rauben, werde das Buch mit dem Titel "Verfassung und Verfassungsvertrag" in den besser bewachten Lesesaal umziehen, sagte die Direktorin der Uni-Bibliothek, Beate Tröger. Sie bestätigte damit einen Bericht der "Westfälischen Nachrichten". Sie sagte: "Wir haben Sorge, dass das Buch einen hohen Souvenir-Charakter hat."

Bisher stand die Doktorarbeit im Freihandmagazin und konnte ausgeliehen werden. Der letzte Ausleiher hat die Dissertation noch bei sich zu Hause.

Darüber hinaus will die Uni aber auch wissenschaftlich vorbeugen: So soll es einen Warnhinweis geben. "In den Einband wird die offizielle Verlautbarung der Universität Bayreuth eingeklebt. Es ist keine legitime Dissertation mehr", sagte Tröger. Man wolle nicht das Zitieren verhindern. Nutzer sollten aber wissen, dass die Arbeit nicht mehr als Dissertation gelte.

Promotionsexperte drängt darauf, die Arbeit aus dem Verkehr zu ziehen

Der Wissenschaftsrechtler Wolfgang Löwer, Deutschlands führender Promotionsexperte, hatte schon in der vergangenen Woche im SPIEGEL-ONLINE-Interview darauf gedrängt, die Arbeit aus dem Verkehr zu ziehen. "Deswegen muss die Kommission an der Universität Bayreuth ihr Verfahren fortsetzen und offiziell von Amts wegen feststellen, ob die Arbeit zum Beispiel als Plagiat einzustufen ist", sagte er. Um als "zitierfähiges Werk in den Bibliotheken" zu bleiben, hätte der Autor sie eigenhändig und unter korrekter Angabe aller Quellen erstellen müssen. "Und hier hat Guttenberg ja selbst schwere Fehler eingeräumt."

Dass Uni-Bibliotheken Maßnahmen zum Schutz umstrittener Politikerdissertationen ergreifen, ist nicht neu. Der SPIEGEL berichtete 1983 unter der Überschrift "Peinliche Posse" darüber, wie die Doktorarbeit von Helmut Kohl aus der Bibliothek der Universität Heidelberg verschwand. Studenten, aktiv in der linken Studentenzeitschrift "rote blätter", hatten bei der Uni angerufen und sich als Mitarbeiter des Kanzleramtes ausgegeben. Es lägen "gesicherte Erkenntnisse vor, daß von seiten linksextremistischer studentischer Kreise der gezielte und wohl auch breit angelegte Versuch" unternommen werden solle, "anhand der Dissertation des Herrn Bundeskanzlers die Bildungspolitik der Bundesregierung zu diffamieren". Die Uni reagierte prompt und zog die 161-Seiten-Arbeit aus dem Verkehr.

Über Karl-Theodor zu Guttenberg und seine Dissertation, die einst mit "summa cum laude" bewertet wurde, ist in der Wissenschaft das Urteil längst gefällt. Nach dem Rücktritt Guttenbergs forderte etwa die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG) ein "eindeutiges Bekenntnis der Politik zu den Grundsätzen guter wissenschaftlicher Praxis".

Schon am Freitag hatte ein Brief für Aufsehen gesorgt, in dem eine Gruppe von Doktoranden eine Stellungnahme von Bundeskanzlerin Angela Merkel zur "Causa Guttenberg" forderte. Dem Schreiben hatten sich übers Wochenende mehr als 35.000 Unterstützer anschlossen, darunter viele Nachwuchswissenschaftler und Professoren.

Ebenfalls vor dem Rücktritt meldeten sich auch zahlreich zornige Hochschullehrer und Wissenschaftsmanager zu Wort, etwa Ernst-Ludwig Winnacker im SPIEGEL: "Wir Forscher können niemanden einsperren, das kann nur ein Richter. Aber die Strafe der Wissenschaft ist, dass man für immer am Pranger steht", sagte der frühere Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Nach einem Fehlverhalten wie bei Guttenberg käme niemand mehr an "verantwortliche Positionen in der Wissenschaft, eine Karriere wäre ausgeschlossen". Versagt habe aber auch die Bayreuther Promotionskommission.

"Ächten von Plagiaten versteht sich für uns wissenschaftlich Tätige von selbst"

"Wissenschaftliches Fehlverhalten ist kein Kavaliersdelikt und darf nicht als solches behandelt werden", sagte die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Margret Wintermantel der "taz". Ein so aufsehenerregender Vorgang wie der Fall Guttenberg sende ein besonders nachhaltiges Signal - nicht nur an Promovenden, sondern auch an Studenten, Schülerinnen und Schüler.

Am Montag hatte sich auch Guttenbergs Doktorvater an der Universität Bayreuth, Professor Peter Häberle, wegen schwerer Mängel von der Arbeit seines Doktoranden distanziert. Die Aberkennung des Doktortitels sei die notwendige Folge gewesen. Dass er die Vorwürfe erst zurückgewiesen hatte, sei vorschnell gewesen, hieß es in einer Erklärung des emeritierten Professors.

Der Rektor der Tübinger Universität, Bernd Engler, schrieb im jüngsten Newsletter der Hochschule: "Das Ächten von Plagiaten versteht sich für uns wissenschaftlich Tätige von selbst." Es treffe die Wissenschaft "ins Mark, wenn Quellen nicht sauber angegeben, wenn aus nicht nachvollziehbaren Quellen abgeschrieben wird und diese mit eigenen Gedanken lediglich zu einer Collage zusammengestellt werden".

Scharfe Worte fanden auch die Köpfe des Karlsruher Instituts für Technologie KIT. "Sollten Plagiate in erheblichem Umfang politisch gebilligt werden, besteht aus unserer Sicht die Gefahr, dass die deutsche Wissenschaft Schaden nimmt und im Ausland an Ansehen verliert", heißt es in einer Stellungnahme. "Wer fälscht, wird bestraft", so Ulrich von Alemann, Prorektor für Lehre und Studienqualität an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

Offenbar ließen die Vorwürfe Guttenberg nicht kalt. Bei seinem Rücktritt kündigte er an, sich "an der Klärung der Fragen hinsichtlich meiner Dissertation zu beteiligen".

Beim Online-Buchhändler Amazon ist die Doktorarbeit längst nicht mehr verfügbar: "Ob und wann dieser Artikel wieder vorrätig sein wird, ist unbekannt."

otr/dpa

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
Rubeanus 01.03.2011
1. .
Man hätte sich rechtzeitig ein von KTzG handsigniertes Exemplar sichern sollen. Was es dafür wohl bei Ebay gäbe?
niepmann 01.03.2011
2. Typisch!
Zitat von sysopGuttenberg gibt auf, doch seine Doktorarbeit steht noch in den Bibliotheken: Was geschieht mit ihr? Experten fordern, sie aus dem Verkehr zu ziehen. Die Universität Münster will sie zunächst vor Trophäenjägern schützen - und mit einem Warnhinweis versehen. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,748400,00.html
Wie krank ist das denn? Einsammeln und shreddern! Mehr ist das Pamphlet doch nicht wert!
Just4fun 01.03.2011
3. (°_°)
Zitat von sysopGuttenberg gibt auf, doch seine Doktorarbeit steht noch in den Bibliotheken: Was geschieht mit ihr? Experten fordern, sie aus dem Verkehr zu ziehen. Die Universität Münster will sie zunächst vor Trophäenjägern schützen - und mit einem Warnhinweis versehen. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,748400,00.html
man stelle sich vor: zu jedem Standort der Dissertation ein neuer Bericht und ein neuer Diskussionsstrang .... hat sich KTzG eingentlich irgendwann einmal öffentlich dazu bekannt, *kein* Spiegelleser zu sein ?
Just4fun 01.03.2011
4. (°_°)
Zitat von niepmannWie krank ist das denn? Einsammeln und shreddern! Mehr ist das Pamphlet doch nicht wert!
fehlende Zitatstellen sagen doch nichts über den inhaltlichen Wert der Arbeit aus - wissen Sie mehr als andere ?
dosmundos, 01.03.2011
5. Mit "krank" hat das nichts zu tun...
Zitat von niepmannWie krank ist das denn? Einsammeln und shreddern! Mehr ist das Pamphlet doch nicht wert!
Ich empfehle Ihnen ein Lehrbuch Grundkurs Mikroökonomie - der Wert dieses Machwerks wird definitiv nicht durch seinen Inhalt bestimmt :-)
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