Schwarzbuch Bildung "Deutsches System in einer schockierend armseligen Verfassung"

Hart ins Gericht mit dem Bildungsniveau in Deutschland geht die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und stuft Bremen, Berlin und Sachsen-Anhalt als "allenfalls drittklassig" ein. Der neuen Analyse zufolge sind die führenden Bildungsnationen weit enteilt - selbst dem deutschen Spitzenduo Bayern und Baden-Württemberg.

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Deutschland, deine Schulen: Wo sich Fuchs und Karnickel gute Nacht sagen
DDP

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16 Bundesländer, vier große Bildungsbereiche, elf Monate Zeit, insgesamt 105 Indikatoren - als Wissenschaftler Anfang des Jahres die deutsche Bildungslandschaft durchleuchten wollten, wartete auf das zehnköpfige Team viel Arbeit. Nun liegt das Ergebnis des neuartigen statistischen Vergleichs vor, und es ist verheerend: "Das Bildungssystem in Deutschland ist, gemessen an seiner einstigen Vorrangstellung, in einer schockierend armseligen Verfassung", lautet das harsche Urteil von Tasso Enzweiler, Geschäftsführer der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft.

Die Initiative wird von Arbeitgeberverbänden der Metall- und Elektroindustrie getragen und wissenschaftlich begleitet vom Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Laut "Bildungsmonitor Deutschland" haben die Spitzenreiter Bayern und Baden-Württemberg gerade noch die Chance, Anschluss an das Niveau führender Bildungsnationen wie Finnland oder Kanada zu finden. Bei den Schlusslichtern sieht es anders aus - Berlin, Bremen und Sachsen-Anhalt drohten glatt in der Versenkung zu verschwinden, so Enzweiler. Er forderte, "unser marodes Bildungssystem mit eiserner Entschlossenheit zu reformieren".

Südstaatler heben den Schnitt

Die Wissenschaftler bestätigten das deutliche Süd-Nord-Gefälle, wie es in den letzten Jahren auch Uni-Rankings und Ländervergleiche der Schulen schon ermittelt hatten. Am 7. Dezember sollen die Ergebnisse der zweiten internationalen Pisa-Studie vorliegen, die Veröffentlichung des nächsten bundesweiten Ländervergleichs planen die Kultusminister aber erst für den Herbst 2005.

Übersicht: Was die Schulen kosten
Institut der deutschen Wirtschaft Köln

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In der Gesamtwertung des "Bildungsmonitors" erreichte das Südstaaten-Duo - Bayern und Baden-Württemberg sind nahezu gleichauf - jeweils rund 60 von maximal 100 Punkten. Auf den nächsten Plätzen folgen Thüringen und Sachsen mit 52,7 und 52,1 Punkten.

Diese vier Länder investierten stärker in ihre Schulen und Universitäten und setzten ihre Mittel zudem nach dem Urteil der Wissenschaftler effizient und zielgerichtet ein. Alle anderen Bundesländer blieben unter der Durchschnittspunktzahl von 49,7: im breiten Mittelfeld Hamburg, Schleswig-Holstein, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und das Saarland. Die Schlussgruppe bilden Sachsen-Anhalt, Berlin und Bremen mit unter 40 Punkten.

Reformmotoren und -bremser

Das Bewertungssystem ist kompliziert. Das Team sollte die "Reformmotoren und Reformbremser unter den Bundesländern identifizieren" und untersuchten die zentralen Bildungsbereiche Vorschule, allgemein bildende Schule, Berufsschule und Hochschule. Dafür sammelten die Forscher 105 Indikatoren - aus "sämtlichen bildungspolitisch relevanten Daten, die bis September 2004 verfügbar waren". Dazu zählen beispielsweise die Quoten von Bildungsabbrechern und Studienberechtigten oder die Schüler-Lehrer-Relation, die Bildungsausgaben eines Landes, die Versorgung mit Ganztagsschulen oder die Einwerbung von Drittmitteln an Hochschulen.

Bildungsmonitor 2004 - Vergleich aller Bundesländer

Rang Land Punkte Vor- und Grundsch. Allg. Schulen Berufl. Bildung Hochsch.
1. Bayern 60,0 Rang 3 Rang 1 Rang 2 Rang 5
2. Baden-Wü. 59,8 2 3 1 1
3. Thüringen 52,7 1 6 8 9
4. Sachsen 52,1 7 2 4 4
5. Hamburg 48,1 6 10 3 11
6. Schleswig-H. 46,4 15 4 6 10
7. Hessen 46,0 4 13 5 15
8. Meckl.-Vorp. 44,6 12 7 14 3
9. Niedersachsen 43,4 13 11 7 8
10. Brandenburg 43,3 11 5 11 14
11. NRW 42,7 5 8 13 16
12. Rheinl.-Pfalz 42,7 10 9 9 13
13. Saarland 41,9 14 12 10 7
14. Sachsen-Anh. 39,9 8 15 12 12
15. Berlin 38,2 9 14 16 6
16. Bremen 37,3 16 16 15 2

Quelle: INSM-Bildungsmonitor 2004


Auch wenn Bayern und Baden-Württemberg in der Untersuchung triumphieren, ziehen die Wissenschaftler dort ein nüchternes Fazit: Selbst die Spitzenreiter erreichten "bei weitem nicht das Niveau von Pisa-Siegern wie Finnland oder Kanada".

"Große Klassen statt große Klasse"

So enthält die Untersuchung zwar Lob für den geringen Anteil der Schulabbrecher, die hohe Abiturientenquote und die herausragenden Forschungsbedingungen in Baden-Württemberg. Aber ausländische Kinder und Jugendliche profitierten kaum von den "allgemein recht guten Bedingungen" - sie lassen viel häufiger den Schulabschluss sausen und studieren viel seltener. Unterentwickelt sei auch die Ganztagsbetreuung.

Ganztagsschule (in Wanne-Eickel): Nachholbedarf in Deutschland
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Gesamtsieger Bayern erntete ebenfalls Kritik. Trotz der hohen Bildungsinvestitionen und der guten Ausbildungsqualität, die sich auch bei der ersten Pisa-Studie zeigte, monierten die Wissenschaftler, dass "im Freistaat Bayern bleiben Begabungsreserven unerschlossen bleiben". Dort machen nämlich nur 31 Prozent eines Jahrganges das Abitur, sieben Prozentpunkte unter dem Bundesdurchschnitt. Das sei bedenklich, vor allem vor dem Hintergrund der "Stärke des bayerischen Wirtschafts- und Forschungsstandortes".

Viel härter noch fiel das Urteil über die Verlierer des bundesweiten Vergleichs aus. Bremen etwa trumpfte bei den Hochschulen auf, aber die Forscher nannten die Pisa-Ergebnisse "niederschmetternd", in Berlin die Bildungsausgaben und die Mängel in der beruflichen Bildung "blamabel". In Niedersachsen bezeichneten sie die Ausstattung der Hochschulen "bedenklich" und attestierten Rheinland-Pfalz "große Klassen statt großer Klasse".

Zu alte Lehrer, zu viele Sitzenbleiber

In Nordrhein-Westfalen wiesen sie ebenfalls auf ungünstige Klassengrößen und die miserable Betreuungsrelation zwischen Dozenten und Studenten hin. Im Saarland sei die Lehrerschaft überaltert, in Sachsen-Anhalt die Zahl der Sitzenbleiber und Schulabbrecher viel zu hoch.

Grafik: Ausgaben der Länder für Hochschulen
Institut der deutschen Wirtschaft Köln

Grafik: Ausgaben der Länder für Hochschulen

Zu jedem Bundesland legte die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft Empfehlungen vor, wie sich das Bildungsniveau steigern lasse. Die Untersuchung soll regelmäßig wiederholt werden. Nach Auffassung von Tasso Enzweiler ist eine "massive Qualifizierungsoffensive notwendig, um die Lage zu verbessern". Deutschland weise schon heute zu viele schlecht ausgebildete und zu wenig hoch qualifizierte Arbeitskräfte auf.

Als überfällige Reformen nannte Oliver Stettes, einer der Autoren der Studie, beispielsweise einen zügigen Ausbau der Ganztagsschule, leistungsgerechte und einheitliche Bildungsstandards und mehr Autonomie für Schulen wie Universitäten.



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