Schwul in Istanbul Homosexuelle führen ein Doppelleben

In Istanbul gibt es überwältigende Brücken, nostalgische Cable Cars, eine Gefängnisinsel. Und die größte Homosexuellen-Szene des Landes. Doch über Schwule und Lesben spricht kaum jemand - das kann auch gefährlich werden, sagt Erasmus-Student Thomas Schad, 26.

Von Dorte Huneke


Lesbisch oder schwul zu sein ist in der Türkei nicht verboten. Homosexuelle und transsexuelle Künstler treten schon seit vielen Jahren auf türkischen Bühnen auf: So begeistert die transsexuelle Sängerin Bülent Ersoy ein Massenpublikum, in den Dörfern Anatoliens treten bei Familienfesten sogenannte "Köcek" als Showeinlage auf - männliche Tänzer in Frauenkleidung. Doch jenseits der Bühne gibt kaum jemand offen zu, dass er homo- oder transsexuell ist.

"Vor meiner Ankunft habe ich mir natürlich so meine Gedanken gemacht, wie das sein wird, als Schwuler in dieser Stadt zu leben", sagt der Berliner Erasmus-Student Thomas Schad, 26. Er ist seit September 2006 in Istanbul und hat schnell gemerkt, dass die wenigsten über Homosexualität sprechen - und redet auch selbst nur selten darüber. "Aber wenn das Gespräch darauf kommt, antworte ich ganz offen", sagt er.

Insbesondere auf schwule Landsleute reagieren heterosexuelle türkische Männer häufig mit einer nahezu hysterischen Ablehnung. So warnte vor ein paar Jahren ein türkischer Journalist seine Leser davor, genetisch manipulierte Tomaten zu essen – man könne dadurch homosexuell werden. Und das türkische Gesundheitsministerium will der türkischen Öffentlichkeit in seinen Informationsbroschüren zu einer AIDS-Aufklärungskampagne weismachen, die Krankheit sei ausschließlich unter Schwulen verbreitet.

Sexualität ist in dem muslimisch geprägten Land nach wie vor ein Tabu-Thema. "Wahrscheinlich hat aber gerade die Geschlechtertrennung eine gesellschaftlich akzeptierte Homosexualität begünstigt", sagt Schad. Wenn Männer oder Frauen unter sich seien, seidas völlig okay.

"Jeder Türke wird als Soldat geboren"

Wer unbedarft aus dem Westen in die Türkei kommt, gerät ins Staunen: Alte und junge türkische Männer flanieren in enger körperlicher Verbundenheit durch die Straßen. Der eine legt den Arm um den anderen, hakt sich unter, schmiegt sich an. Auch beim kurzen Plausch auf der Parkbank, im Straßencafé oder in der Metro zeigen Männer ihre Zuneigung durch Berührungen. Zur Begrüßung und zum Abschied küssen sie sich herzlich auf die Wange.

Diese Gesten sollte man jedoch auf keinen Fall falsch verstehen. Denn homosexuelles Leben komme in der türkischen Öffentlichkeit nicht vor, sagt Schad. Auf Männlichkeit werde großen Wert gelegt. "Jeder Türke wird als Soldat geboren" – das sei der Satz, den türkische Männer von Kindesbeinen an zu hören bekommen.

Also geben sich Schwule und Lesben lieber nicht zu erkennen. Bars, in denen männliche oder transsexuelle Prostituierte ihre Dienste anbieten, sind bis zum Überlaufen gefüllt: mit türkischen und in der Regel verheirateten Männern. Offiziell weiß davon niemand. Und natürlich war auch noch niemand selbst dort.

Einer Studie des Schwulen- und Lesben-Vereins Lambda zufolge sehen sich in der Türkei 63 Prozent von knapp 400 Befragten gezwungen, so zu tun, als hätten sie heterosexuelle Partner. 89 Prozent verschweigen ihre sexuelle Identität komplett oder teilweise.

Ein Verein ohne Klingelschild

"Transsexuelle werden auf offener Straße angegriffen, aus ihren Wohnungen vertrieben oder willkürlich von der Polizei verhaftet", sagt Schad, der sich neben seinem Studium für "Lambda Istanbul" engagiert - einer von vier registrierten Vereinen in der Türkei, die sich für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transsexuellen und Transvestiten einsetzen. Das Vereins-Büro liegt seit 1993 im Innenstadtbezirk Beyoðlu, einer Gegend, in der Transsexuelle seit Jahren zum Straßenbild gehören.

Sicherheitshalber gibt es kein Klingelschild – dafür aber eine Regenbogenflagge. Die meist ehrenamtlichen Mitarbeiter stehen den Betroffenen mit Rat und Krisentelefon zur Seite. Regelmäßig droht die Schließung: Staatliche Stellen sind der Meinung, durch die Existenz des Vereins würde die Moral Schaden nehmen.

Umut Güner, Chefredakteur und Herausgeber des schwul-lesbischen Magazins Kaos GL, drohten bis vor kurzem noch drei Jahre Haft, nachdem er in einer Ausgabe das Thema "Pornografie" behandelt hatte. Der Vorwurf lautete, er habe "obszönes" Material veröffentlicht.

Harmloser, dafür umso alltäglicher sind Spott und Diskriminierung auf der Straße. Vor wenigen Monaten veranstalteten Studierende in Istanbul deshalb eine Solidaritätsaktion. Sie trugen T-Shirts mit der Aufschrift: "Mein Freund ist schwul." Im März 2007 gründeten 15 Studenten der Bilgi Universität Istanbul die Vereinigung "Bilgi Gökkusagi" (Regenbogen), den ersten offiziellen Studierenden-Club für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transsexuellen in der Türkei.

Die Szene hat ihre eigenen Codes

"Als Ausländer genießt man eine Art Sonderstatus", sagt Schad. "Man kann sich sehr viel freier bewegen und auch offen sagen, dass man schwul ist. Doch im Nachtleben ist trotzdem Vorsicht geboten", zumal die meisten Schwulen- oder Lesbenclubs in den Rotlichtbezirken der Stadt zu finden sind.

Thekenbekanntschaften können teuer werden. "Es sind viele Prostituierten unterwegs, da sollte man vorsichtig sein", sagt Schad. Als Neuankömmling müsse man die Codes der Szene erst lesen lernen. "Ich bin anfangs ziemlich unbedarft Taxi gefahren, habe mich auf jedes Gespräch eingelassen." Doch mitunter machen Taxifahrer männlichen Gästen sexuelle Angebote. Schad setzt inzwischen ein abweisendes Gesicht auf und reagiert wortkarg. So hat er es bei den meisten Türken beobachtet.

"Mir ist hier zum Glück noch nichts wirklich Unangenehmes passiert", sagt der Erasmus-Student. Doch er hört Geschichten, bei denen er Angst bekommt. Zum Beispiel die eines schwulen Türken, dessen Eltern durch einen anonymen Brief von seiner sexuellen Orientierung erfuhren – es reicht ja manchmal schon, nachts in bestimmten Gegenden gesehen zu werden. Der Vater stellte seinen Sohn mit einer Waffe in der Hand zur Rede.

"Da fragt man sich natürlich, ob man in diesem Land ernsthaft jemandem raten kann, offen über die eigene Homosexualität zu reden und einen ehrlichen Lebensstil zu pflegen", sagt Erasmusstudent Schad. Den Mut dazu muss jeder selbst aufbringen.



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