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10. September 2003, 09:28 Uhr

Schwule Schule

Die Gay Kids von Manhattan

Von , New York

Unter massivem Polizeischutz und dem Jubel von Aktivisten hat in New York die erste schwul-lesbische Schule der USA eröffnet. Doch Bürgerrechtler kritisieren das Experiment als "missverstandene politische Korrektheit".

Viel Aufregung um eine kleine Schule: Demonstranten vor der Harvey Milk School
REUTERS

Viel Aufregung um eine kleine Schule: Demonstranten vor der Harvey Milk School

Jamie ist sichtlich beeindruckt von dem Trubel, den sein erster Schultag verursacht. "Wow", staunt der 15-Jährige mit den gebleichten Haarsträhnen, als er aus dem U-Bahnschacht ans Tageslicht tritt und die Menschenmenge sieht. "Das habe ich nicht erwartet. Cool!" Dann greift er sein Lunch-Köfferchen, das er mit Stickern des Teenie-Popstars Justin Timberlake beklebt hat, und marschiert stramm an den jubelnden Demonstranten vorbei, seine Mimik verrät eine Mischung aus kindlicher Verlegenheit und Stolz.

Für über eine Million New Yorker Kinder hat am Montag das neue Schuljahr begonnen. Überfüllte Klassenzimmer, baufällige Gebäude und Lehrermangel sorgten wie jedes Jahr für Schlagzeilen. Doch keine der 1300 Schulen der Stadt sorgt an diesem Spätsommermorgen für so viel Wirbel wie die kleine Harvey Milk School (HMS), benannt nach einem 1978 ermordeten schwulen Politiker aus San Francisco.

Denn Jamie und seine 100 Klassenkameraden sind ausnahmslos homo- oder bisexuell.

Schulbeginn mit Konfetti und Seifenblasen

Ein massives Polizeiaufgebot flankiert mitten in Manhattan den Unterrichtsbeginn dieser ersten städtischen Schule für Schwule und Lesben in den USA. Eine kleine Lehranstalt, die sich plötzlich zwischen allen Fronten wiederfindet, angefeindet von rechts wie von links.

Kämpfen für die Gleichberechtigung: Homosexuelle demonstrieren in Washington
DPA

Kämpfen für die Gleichberechtigung: Homosexuelle demonstrieren in Washington

Polizeichef Ray Kelly hat dutzende Cops abkommandiert, Autos werden angehalten. Ein Beamter warnt ahnungslose Passanten barsch, es gebe hier eine "Sondersituation". Vorsicht also.

Auf der einen Straßenseite, vor dem elektronisch gesicherten Tor der HMS, harrt seit dem Morgengrauen eine Hundertschaft Demonstranten, die dieses pädagodische Experiment unterstützen: eine bunte Palette aus Schwulenbewegten, liberalen Geistern und Eltern. Fröhlich schießen sie Seifenblasen aus Wasserpistolen, streuen Glitzer-Konfetti aufs Trottoir, winken mit handgemalten Plakaten: "Seid stolz auf eure Schule", ist zu lesen, "Gott machte mich schwul" oder "Latinos gegen Homophobie".

"Gott hasst Schwule"

Gegenüber, hinter Barrikaden, die Gegen-Demonstranten: ein paar gallige Puritaner, die Slogans wie "Gott hasst Schwule" und "Ihr werdet in der Hölle landen" rufen. Ihr Gezeter geht jedoch unter im Lärm eines Müllwagens, der direkt vor ihnen parkt.

Dazwischen drängen sich Kommunalpolitiker in Nadelstreifen auf einem wackligen Podest und nutzen die Gelegenheit zur Öffentlichkeitsarbeit. Gifford Miller, der Chef des Stadtrats, zeigt sich "sehr stolz, hier zu sein".

Für die Kids wird der Schulgang zum Spießrutenlauf. Sie müssen sich durchs Wechselbad von Applaus und Buhrufen und an den Reportern vorbei kämpfen, die ihnen ihre Kameras und Mikrofone vors Gesicht halten.

Louisa McBee, 23, Schülerin an der umstrittenen Harvey Milk School mit ihrer Mutter Lucia
AP

Louisa McBee, 23, Schülerin an der umstrittenen Harvey Milk School mit ihrer Mutter Lucia

Einige grinsen verwirrt. Andere heben den Blick nicht vom Boden. Zwei schwarze Mädchen mit Pippi-Langstrumpf-Zöpfen halten sich an der Hand. Wer stehen bleibt, wird schnell von einem Lehrer weitergescheucht. Interviews mit der Presse sind den Kindern wie den Lehrern offiziell verboten worden.

Dabei sehen die Schüler nicht anders aus als alle anderen, die an diesem Morgen gähnend den ersten Pflichttag antreten. Die Jungs tragen weite Schlabber-Jeans, Baseballmützen und vereinzelt Ohrringe, die Mädels enge Stretch-Hosen. Ab und zu sieht man, wie sonstwo auch, einen bunten Haarschopf oder eine gepiercte Augenbraue.

"Gibt es schwule Mathematik?"

Für homosexuelle Kinder biete die Harvey Milk School Schutz vor täglicher Verfolgung und Bedrohung, sagt David Mensah, Direktor des Hetrick-Martin Institutes. Als ältestes US-Forschungsinstitut zum Schutz homosexueller und HIV-infizierter Teenager trägt es die Schirmherrschaft über die HMS.

Seit 1985 schon bietet Hetrick-Martin homosexuellen Jugendlichen ein Obdach. Diese Hilfe scheint auch dringend nötig zu sein: Schwule Schüler in den USA sind dem Institut zufolge dreimal so stark selbstmordgefährdet wie ihre Hetero-Klassenkameraden.

Für Schüler wie Dino Portalatin war der private Vorläufer der HMS lebensrettend. "Da kommt die Tunte", hatten sie gerufen, als der hochgeschossene Latino mit den grün gefärbten Haarspitzen noch auf die Franklin Roosevelt High School in Brooklyn ging. Der Hass trieb Dino zu Selbstmord-Gedanken. Ein Therapeut empfahl ihm Hettrick-Martin und das HMS-Projekt.

Voriges Jahr machte er dort seinen Abschluss - als bester Schüler seines Jahrgangs. Am Montag kam der 19-Jährige, der jetzt auf einem College Sozialkunde studieren will, zum Schulbeginn der HMS, um seine Nachfolger anzuspornen. "Ohne Harvey Milk", sagt er, die Tränen zurückhaltend, "wäre ich heute tot."

Dass die Harvey Milk School, bisher ein alternatives Privatprogramm mit nur zwei winzigen Klassen, jetzt offiziell ins öffentliche New Yorker Schulsystem eingegliedert wurde, ist auch ein symbolischer, ein schlagzeilenträchtiger Schritt. Der Stadtrat zwackte 3,2 Millionen Dollar ab für neue Klassenzimmer, ein Chemielabor und eine Cafeteria. Es gibt ein frisches Kurrikulum, mit den Schwerpunken Computer-Technologie, bildende Künste und Kulinarisches. IBM spendete 60 Desktop-Computer und Laptops.

Das schert die Rechten wenig. "Gibt es eine besondere Art, Schwule zu unterrichten?", spottet Mike Long, Chef der Konversativen Partei im Bundesstaat New York. "Gibt es schwule Mathematik? Was ist als nächstes dran? Eine Schule für Dicke, die gehänselt werden? Eine Schule für Brillenträger?"

Die Täter aussondern

New York: Schmelztiegel der Minderheiten
GMS

New York: Schmelztiegel der Minderheiten

Härter jedoch als die altbekannte Demagogie der Konservativen trifft die Kritik prominenter Demokraten, die die HMS als missverstandene, überzogene "politische Korrektheit" ablehnen.

So reichte der demokratische Senator Ruben Diaz am Obersten Gerichtshof New Yorks Klage gegen die HMS ein: 3,5 Millionen Steuerdollar für "100 Schüler, nur auf Grund ihrer sexuellen Orientierung", sei eine illegale Benachteiligung heterosexueller Kinder - vor allem anderer Schwarzer und Latinos, die auf ärmere Schulen gehen müssten. Die Klage scheiterte.

Aber auch Bürgerrechtler, Schwulen-Aktivisten und selbst die liberale "New York Times" kritisieren die Schule. Die HMS stelle die Anti-Diskriminierungsgesetze auf den Kopf, sagt Norman Siegel, Direktor des "Freedom Legal Defense and Education Projects" und selbst ein Befürworter der "Gay Rights"-Bewegung. Schließlich dulde die Gesellschaft auch keine rein schwarzen Schulen mehr. Siegels Gegenvorschlag: "Sondert nicht die Opfer aus, sondern die Täter."

Noch weit vom Mainstream entfernt

In New York, einer Stadt, die sich als Schmelztiegel der Minderheiten versteht, gibt es allein 56 Sonderschulen für Behinderte und fünf Schulen für gefährdete schwangere Mädchen. Doch der Streit um die Harvey Milk School fällt eben in eine brisante Zeit, da Schwule und Lesben in den USA in die Öffentlichkeit drängen, ins Fernsehen, in die Kultur, die Literatur, die Justiz und die Politik.

Doch vom Mainstream sind die Kids der Harvey Milk School wie Jamie und Dino noch weit entfernt. "In einer perfekten Welt", seufzt HMS-Verwaltungschefin Debra Smock, "bräuchte es uns gar nicht zu geben."

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