Seebeben-Diplom Im Epizentrum des Tsunami

Vor Indonesiens Küste installieren deutsche Wissenschaftler ein Tsunami-Frühwarnsystem. Zwei Studenten aus Bochum waren mit an Bord des Forschungsschiffs "Sonne". Im schwankenden Labor kartierten sie für ihre Diplomarbeit das Epizentrum des Seebebens.

Von Oliver Voß


An normalen Tagen trifft man Christoph Warmbrunn in Castrop-Rauxel oder anderen Orten des Ruhrgebietes bei der Vermessung von Grundstücken. Doch die letzten Wochen waren alles andere als normal - der Vermessungstechniker fand sich mit seinem Freund Andreas Thoß auf den Weiten des Indischen Ozeans wieder. "Wir sind zum Epizentrum des Tsunami gefahren", erzählt Warmbrunn. Dort haben die beiden Bochumer Studenten an einer Echolotvermessung des Meeresbodens teilgenommen, die als Grundlage für die Installation des Tsunami-Frühwarnsystems dient.

"Wie die Jungfrau zum Kinde" seien sie dazu gekommen, sagt Andreas Thoß. Im Sommer hatte er bei einem Vortrag zufällig Wilhelm Weinrebe vom Leibnitz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel kennen gelernt. Die beiden blieben in Kontakt, Thoß begann mit dem Gedanken zu spielen, seine Diplomarbeit über Meeresvermessung zu schreiben. "Eigentlich sollte es Richtung Chile gehen", sagt Thoß. Dass der 31-Jährige plötzlich das Angebot bekam, den Kieler Forscher vor die Küste Indonesiens zu begleiten, war Zufall: "Weil die Reise während des Fastenmonat Ramadan stattfand, sind einige Indonesier nicht mit an Bord gegangen, es waren noch Plätze frei."

So landeten die beiden Studenten der Technischen Fachhochschule an Bord des deutschen Forschungsschiffs "Sonne". Ab Ende Oktober fuhren sie von Jakarta aus 16 Tage lang den Sundagraben vor der Westküste Sumatras entlang, wo die Platten des Indischen Ozeans und Australiens aufeinander treffen. Bei ihren Sonar-Aufnahmen des Meeresgrundes sammelten die Kieler Meereswissenschaftler beunruhigende Erkenntnisse: Weil sich vor Sumatra die australische Erdplatte unter einen Kontinentalhang schiebt, entstehen große Spannungen - ein weiteres schweres Seeben erscheint überfällig. Auch andere Forscherteams warnen vor einer neuerlichen Katastrophe.

Das Meer ist weniger erforscht als der Mond

Thoß und Warmbrunn hatten an Bord der "Sonne" reichlich Arbeit. Sie mussten das Echolot überwachen, die gesammelten Daten bearbeiten oder mit anpacken, als die Bodenstationen für das Warnsystem montiert wurden. "Die Drucksensoren der Bodenstationen messen Erdbewegungen und senden die Signale an Bojen weiter", erklärt Warmbrunn. Die Sensoren liegen in einer Tiefe von 5000 bis 6000 Metern Tiefe, die akustische Übertragung dauert zwei Minuten. Von den Bojen werden die Warnsignale an Satelliten übermittelt und von dort weiter an die Küste. "Nach dem jetzigen Stand haben die Leute an Land dann etwa 20 Minuten Zeit, um sich in Sicherheit zu bringen", so Thoß.

Das 45 Millionen Euro teure Frühwarnsystem wurde unter Leitung des Geoforschungszentrum Potsdam entwickelt. Die ersten beiden Bojen, im Dezember zu Wasser gelassen, werden momentan getestet. In den nächsten drei Jahren sollen 25 Messstationen vor der indonesischen Küste verlegt werden.

"Die Vermessung ist die Grundlage für alles", sagt Thoß. Denn die hochempfindliche Technik muss auf einer einigermaßen ebenen Fläche abgesetzt werden. "Doch nur etwa drei Prozent des Meeresbodens sind kartografiert", so Warmbrunn. "Der ist weniger erforscht als der Mond." Mit den nun gewonnenen Daten werden 3D-Modelle des Ozeanbodens erzeugt, die auch als Grundlage für weitere Forschungen dienen. Damit können die Ursachen der Katastrophe und weitere Gefährdungen genauer bestimmt werden. "Wir haben bisher unbekannte Canyons gefunden und gesehen, dass eventuell ganze Hänge verrutscht sind", erzählt Warmbrunn. "Das hat den Tsunami mit ausgelöst oder verstärkt."

Das Forschungsschiff hat jeden Tag etwa 4000 Quadratkilometer vermessen, eine Fläche von der Größe des Ruhrgebietes. Nun müssen sich die beiden Studenten durch 60.000 Datensätze arbeiten, Fehler finden, Karten erstellen. Daraus entstehen ihre Diplomarbeiten im Fach Vermessungstechnik, die Warmbrunn und Thoß im Mai abgeben müssen.

"Das Bordleben ist für Landratten sehr aufregend", sagt Warmbrunn. Die Neulinge mussten einige maritime Grundregeln lernen. Am Anfang ließ die 25-köpfige Mannschaft sie öfters auflaufen, etwa bei den Tischsitten: "Man muss beispielsweise, den Löffel in die Kaffeetasse stellen, wenn man nichts mehr will. Sonst füllt der Steward nach, bis einem kotzübel wird", hat Warmbrunn gelernt. Seekrank wurde den beiden jedoch nicht. "Zum Glück", sagt Thoß, " wenn man erstmal an Bord ist, gibt es ja kein Zurück mehr. Trotzdem war es ganz schön ungewohnt, in einem schwankenden Labor zu arbeiten."



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