Segel-Diplom Gefängnisexperiment auf der Yacht

Drei Wochen Segeltörn mit Kommilitonen – das klingt fast zu schön für ein Diplomthema. Bei einer Atlantik-Überquerung beobachtete Sportstudent Jan Plagmann die Gruppendynamik auf hoher See: Liegen bei Sturm die Nerven blank, oder wächst dann erst der Teamgeist?


Man nehme das karibische Ambiente eines türkisblauen Tauchparadieses mit strahlendem Sonnenschein und Laisser-faire-Feeling. Dazu eine schmucke Jacht und sieben junge Menschen nebst einem erfahrenen Seebären. Diese Crew lasse man zu einer abenteuerlichen Fahrt quer über den Atlantik aufbrechen. Was hier wie ein Werbespot der Genussmittelindustrie angeschippert kommt, ist das Design einer ernsthaften wissenschaftlichen Studie, die das Zwischenmenschliche der Abenteurer untersucht hat.

Acht einander zumeist fremde Menschen für drei Wochen auf engstem Raum ohne nennenswerten Kontakt zur Außenwelt - das sind ideale Studienbedingungen für Soziologen oder andere Forscher. "Wir waren für einen befristeten Zeitraum eine sozial isolierte Gruppe, quasi eine eigene geschlossene Gesellschaft. Bisher nutzten Forscher meist Gefängnisinsassen für derartige Studien", erklärt Jan Plagmann, 31, den wissenschaftlichen Clou des 2100-Seemeilen-Segeltörns und fügt grinsend hinzu: "Solche Gelegenheiten findet man kaum - außer im Container bei Big Brother."

Die Idee entstand in einer lauschigen Mittelmeer-Mondscheinnacht ein Jahr zuvor - auf einem Segelboot. "An einem Abend erreichte uns die Nachricht, dass Ratzinger zum Papst gewählt wurde", erinnert sich der Sportwissenschaftler von der Kölner Sporthochschule. "Plötzlich brodelte die Stimmung an Bord, jeder wollte etwas dazu sagen. Wir waren dabei völlig auf uns gestellt, hatten keine Möglichkeit, Medien zu nutzen, sondern nur diese eine Nachricht." Seitdem keimte in Plagmann der Gedanke, zwischenmenschliche Prozesse an Bord für seine Diplomarbeit unter die akademische Lupe zu nehmen. Wie gerufen kam die Anfrage eines Privatbesitzers: Wolfgang Krause, Segelsport-Dozent der Sporthochschule, sollte eine Jacht aus der Karibik nach Europa überführen.

Vom Messen der Seemannschaft

Mit dieser willkommenen Grundlage für eine ansonsten nicht finanzierbare Forschungsidee tüftelte Plagmann monatelang an Fragebögen und Wachplänen, organisierte Törn und Crew. Im März 2006 standen dann fünf Sportstudenten, zwei Absolventen der Sporthochschule und Skipper Krause an der Reling und verabschiedeten sich von der Karibikinsel St. Martin - dem letzten Landzipfel für die nächsten drei Wochen. Durchaus mit gemischten Gefühlen ging es Richtung Azoren. "Wir haben vorher gehört: Ihr seid wahnsinnig, ihr seid noch nie zusammen gesegelt. Ihr werdet als Freunde an Bord und als Feinde von Bord gehen", erzählt Sportstudent Sebastian Brimmers.

Auf dem nur 13,40 Meter langen Schiff war es extrem eng. Acht Menschen brauchen acht Kojen - und pro Nase einen Drei-Wochen-Proviant, der zu verstauen ist. Regaleweise wurden karibische Supermärkte in den drei Tagen Vorbereitungszeit leer gekauft, kistenweise die Lebensmittel an Bord geschafft und dort nach einem ausgeklügelten chronologischen Muster verteilt: Die Segler konnten in der ersten Woche auch nur die Lebensmittel erreichen, die für die ersten sieben Tage vorgesehen waren. Ein exakter Plan gab vor, wo Partyzwiebeln, Tütensuppen, Brühwürfel oder Klopapier im Rumpf steckten.

Das war ein Organisationsproblem, aber aus der Enge zwischen den Menschen ergeben sich auch gewisse Risiken. "Die große Dichte an Bord ist ein wichtiger Sicherheitsfaktor", sagt Dozent Wolfgang Krause mit der Erfahrung von konfliktreichen Segeltörns. "Irgendwann kann man die anderen Personen nicht mehr so dicht auf der Pelle haben. Ärger und Streitigkeiten können sogar dazu führen, dass einer als Folge motorisch überschießender Reaktionen über Bord geht."

Körperpflege am Abschleppseil

Das Über-Bord-Gehen praktizierten die Segler indes freiwillig und ohne jeden Zwist. Ein Hüpfer ins große Freibad Ozean sorgte für die nötige Körperhygiene - man wollte sich ja gegenseitig riechen können. Ein wenig Mut erforderte der Sprung schon. "Da hieß es: Leine raus, springen, festhalten und ziehen lassen", erzählt Sebastian Brimmers vom täglichen Kick. "Man durfte die Leine nicht verpassen. Mit 4000 Meter Wasser unter den Füßen war das der einzige Halt. Und die Crew wäre sauer, weil sie 'ne Wende hätte fahren müssen."

Für seine Studie hatte Jan Plagmann im Vorfeld einen minutiös akkuraten Wachplan aufgestellt. Der regelte sowohl Steuer und Ausguck als auch die Backschaft, die für die jeweiligen Mahlzeiten zuständig war - immer in wechselnden Duos, so dass jeder mit jedem gleich oft nach schlafenden Walen Ausschau halten, Kartoffeln schälen oder die Kombüse putzen musste.

Trotz all der wissenschaftlich durchaus wünschenswerten Widrigkeiten an Bord gab es nur ein einziges Mal Knatsch. "An einem Morgen haben zwei das Frühstück verpennt, so dass zwei andere eine Viertelstunde länger Wache schieben mussten. Aber Co-Skipper Arne hat schnell ein klärendes Gespräch angeregt", sagt Plagmann.

Teamgeist in schlaflosen Sturmnächten

Der Diplomand piesackte seine Mitsegler drei Wochen lang mit verschiedensten Fragebögen. Er suchte den größten Spaßvogel an Bord, erfragte den Zusammenhang zwischen Schlafmangel, Seegang und Stimmung, eruierte die Schmackhaftigkeit des Essens und welcher Segler hinsichtlich Sympathie bei den anderen am meisten punkten konnte. So korrelierte zum Beispiel der subjektiv geschätzte Wellengang mit einem schlechten Schlaf. Anders ausgedrückt: Bei hohen Wellen hing mancher über der Reling und drückte kein Auge zu.

Die größten Wellen auf dem Meer schlugen auch die größte Welle unter den Ergebnissen: Ein eintägiger tobender Sturm vergrößerte die "Kohäsion" der Gruppe. "Wir sind während des Sturms zusammengewachsen", übersetzt Co-Skipper und Sportstudent Arne Hirsch. "Es war schlichtweg keine normale Wache möglich, da nur zwei Leute nicht seekrank waren. Durch die gegenseitige Hilfe hat sich Vertrauen aufgebaut."

Letztlich bestätigen die empirischen Zahlen im Nachhinein, was alle schon an Bord gefühlt haben. Jan Plagmann, der nun eine Dissertation über Segeln und Gesundheit anpeilt, zieht ein zwischenmenschliches Resümee: "Wir waren einfach 'ne wahnsinnig coole Truppe."



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