Segelfliegen an Unis Starten, schweben, studieren

Es ist der Adrenalinkick, der Blick von ganz weit oben, die Lust an der Technik: An manchen deutschen Unis verschreiben sich Studenten mit Haut und Haar der Segelfliegerei. Das macht Spaß - und kann der Karriere nützen. Wenn nur der Wind nicht so unberechenbar wäre.


Daniel Mendler tut sich etwas schwer, dieses ganz besondere Gefühl zu beschreiben. Ein bisschen sei Segelfliegen wie in der Achterbahn, sagt er, bloß schöner. Da ist der Ruck, wenn die Seilwinde am Flieger zerrt. Die extreme Beschleunigung. Von null auf 100 in zwei bis drei Sekunden. Vom Tempo in den Sitz gepresst, abheben. 400 Meter nach oben, bis das Schleppseil ausklinkt und das Segelflugzeug im Wind liegt wie ein Adler mit ausgebreiteten Schwingen. Die Thermik nutzen. Hoch bis auf 3000 Meter, bis an die Wolkendecke. Schweben, Schleifen drehen, die Welt von oben sehen. Fliegen in einem Verkehrsflugzeug, sagt Mendler, das sei eine Sache, Segelfliegen eine andere. Euphorie pur.

Mendler, 24, achtes Semester Physik, ist süchtig: Süchtig nach dem Adrenalinkick, süchtig nach dem Ausblick, den man aus dem kleinen Cockpit hat, süchtig auch nach der Technik, die in so einem Segelflieger steckt. Seine Leidenschaft verbindet ihn mit den anderen Mitgliedern der "Akaflieg", einer Gruppe von 20 Studierenden des Karlsruher Instituts für Technologie, 16 Männer und 4 Frauen, die fast alle einen Flugschein besitzen und ein gemeinsames Ziel haben: das perfekte Segelflugzeug zu konstruieren.

Vergleichbare akademische Fliegergruppen gibt es in 15 deutschen Uni-Städten, die meisten schauen zurück auf eine lange Tradition: Seit 1920 haben Studenten in deutschen Akafliegs mehr als 150 Segelflieger entwickelt, gebaut und getestet. Fast alle Mitglieder dieser Gruppen sind angehende Ingenieure oder studieren zumindest ein naturwissenschaftliches Fach. Es geht ihnen nicht nur um einen ganz besonderen Freizeitspaß - die Forschungsarbeit ist Teil ihres Studiums. Mit ihren Erkenntnissen haben sie im Lauf der Jahrzehnte wichtige Entwicklungen im Flugzeugbau angestoßen. Finanziert werden die meisten Gruppen von ehemaligen Mitgliedern und Unternehmen, die sich so ihren Techniker-Nachwuchs heranzüchten wollen.

Die Welt schrumpft auf Spielzeuggröße

Die Karlsruher Gruppe hat ihr Geld seit 1989 in sechs Maschinen investiert, drei davon hat sie selbst gebaut: die AK 5, die AK 5b und die AK 8, sie ist der große Stolz des Teams. Schon 1996 begannen die damaligen Mitglieder der Truppe mit den Arbeiten an der AK 8 - seitdem wird der Flieger von Jahr zu Jahr verbessert. Er ist ein Schmuckstück aus Karbon und Glasfaser, federleicht. Sie entwarfen neue elektronische Anzeigen: Geschwindigkeits- und Höhenmesser, Kompass, Funkgerät, Variometer und ein Navigationssystem.

Es ist, bei aller Freude am Tüfteln und Schrauben, auch ein gefährliches Fach, dem die Studenten sich verschrieben haben: 2005 stürzte eines der Flugzeuge zu Boden und ging völlig zu Bruch. Der Pilot überlebte, glücklicherweise. Zur Sicherheit statten die Mitglieder der Akaflieg nun eine der Maschinen mit einer Hilfsturbine aus, die mit Kerosin angetrieben wird und den Piloten ein bisschen weniger abhängig machen soll vom Spiel des Windes. Das ist manchmal so unberechenbar, dass der Weg zurück zum Flugplatz zu lang und eine Notlandung auf dem Acker nötig wird.

"Wenn die Thermik schlecht ist, könnte man dank so einer Turbine zum Heimatflugplatz zurückkehren", erklärt Nicolas Pachner, 27, der im elften Semester Maschinenbau studiert. Genau wie die anderen Akaflieg-Mitglieder verbringt er fast jede freie Minute in der Werkstatt, in der ein kreatives Chaos herrscht: Flugzeugteile liegen herum, Schraubenzieher, Pläne. Da bleibt keine Zeit für anderes, nicht einmal für die Liebe - nur wenige im Team haben eine Partnerin oder einen Partner.

"Es ist einfach ein Traum, wenn du so hoch oben sitzt, die Welt in Spielzeuggröße siehst, mal einen Looping fliegst", sagt Pachner.

Traumhaft sind auch die Berufsaussichten. Es kommt immer mal wieder vor, dass sich Luftfahrtunternehmen wie Airbus oder Boeing melden und ihren Ingenieurnachwuchs bei den deutschen Akafliegs rekrutieren. Dann hat sich das jahrelange Schrauben und Fliegen gleich doppelt gelohnt.



insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
mauimeyer 23.07.2011
1. Akafliegs sind
Zitat von sysopEs ist der Adrenalinkick, der Blick von ganz weit oben, die Lust an der Technik: An manchen deutschen Unis verschreiben sich Studenten mit Haut und Haar der Segelfliegerei. Das macht Spaß - und kann der Karriere nützen. Wenn nur der Wind nicht so unberechenbar wäre. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,764379,00.html
...eines der besten Netzwerke, die man sich denken kann! Nach dem 2. Weltkrieg wurde den Deutschen von den Alliierten verboten Flugzeuge zu bauen. Segelflugzeuge waren erlaubt. Akaflieg hat die Chance genutzt. Ein Segelwettbewerb ohne deutsches Fluggerät dürfte schwierig sein. Eine bessere Förderung als Ingenieurleistungen durch "spielerische Elemente" des Segelsports anzureichern, dürfte es kaum geben. Vieles was dort erarbeitet wurde, ist inzwischen Standard im Flugzeugbau und wertvoller als manche sinnlose Dissertation in geisteswissenschaftlichen Fächern! Kauri
malox 23.07.2011
2. unausrottbar?
"Zur Sicherheit statten die Mitglieder der Akaflieg nun eine der Maschinen mit einer Hilfsturbine aus, die mit Kerosin angetrieben wird und den Piloten ein bisschen weniger abhängig machen soll vom Spiel des Windes." Ja, wieder mal äußerst gut recherchiert... die üblichen Segelflug-Märchen: Da wird eine ordinäre Außenlandung zur Notlandung - damit ist dann die "Hilfsturbine" sicherheitsrelevant und ohne Wind kann man ja sowieso nicht segelfliegen. Ich weiß noch nicht, ob ich das lustig finden soll oder eher traurig...
fuzzi-vom-dienst 23.07.2011
3. Akaflieg Da
Was mich ein bissel betrübt, ist der Umstand, dass die (meines Wissens) älteste AKAFLIEG der TH Darmstadt (jetzt TU Darmstadt) nicht erwähnt wird. Es waren die Darmstädter Studenten, die in den 20er Jahren die Wasserkuppe "entdeckten" und zumn Segelflug-Zentrum machten. Es waren immer wieder die Darmstädter, die Flugzeuge konstruierten, die Geschichte schrieben. Die Darmstädter bauten auch den ersten Segler, bei dem beide Piloten nebeneinander saßen. Dass es bei einem Probestart zu einem schweren Unglück mit tödlichen Ausgang kam, wirft einen Schatten auf die Entwicklung. Die Ursache lag damals aber wohl im Schleppverfahren (soweit ich informiertt bin; bitte jetzt keine Erbsenzählerei). Ich habe nichts mit der AKAFLIEG in DA zu tun, habe immer nur mitbekommen, dass man da "ganz vorn war" und wohl noch immer ist. Schönes Wochende allen Foristen!
Hamberliner 24.07.2011
4. Lasst Segelfliegerei nicht zu mafiösen Netzwerken degenerieren
Zitat von sysopEs ist der Adrenalinkick, der Blick von ganz weit oben, die Lust an der Technik: An manchen deutschen Unis verschreiben sich Studenten mit Haut und Haar der Segelfliegerei. Das macht Spaß - und kann der Karriere nützen. Wenn nur der Wind nicht so unberechenbar wäre. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,764379,00.html
Was für ein schönes Hobby. An der TU Berlin vor der Wende, als private Fliegerei in (West-)Berlin verboten war, hab ich immer die Tapferkeit dieser Komilitonen bewundert, dass sie sich die Mühe machten ihr Gerät immer umständlich auf den Hänger zu packen und hunderte Kilometer nach Westdeutschland zu fahren, um Segelfliegen zu dürfen. Ich kann mich an YouTube-Videos über Segelfliegerei nicht satt sehen. Es ist nur sehr schade, dass Lufthansa und Airbus diesen Idealismus nicht respektieren und versuchen, AKAFLIEG auf das Niveau eines mafiösen Netzwerkes zu zerren. Das tun sie nämlich, wenn sie offene Stellen nicht ausschreiben, sondern den Wettbewerb ausschalten und AKAFLIEG-Leute direkt einstellen. Es animiert dazu, dort Mitglied zu werden, nicht aus Liebe zur Segelfliegerei, sondern um sich unverdiente berufliche Vorteile gegenüber Nichtmitgliedern zu erschleimen. Es würde AKAFLIEG adeln, wenn sie Regeln in ihre Vereinssatzung aufnehmen würden, die das unterbinden.
Diskutierererer 24.07.2011
5. @Hamberliner
Lieber Hamberliner, es scheint, als wärst du nicht richtig informiert. Jede offene Stelle bei AIRBUS muss öffentlich ausgeschrieben werden. Seine Chancen verbessern kann man, indem man schon mal als Praktikant bzw. zum Schreiben seiner Bachelor-/ Master- oder Diplomarbeit im Unternehmen ist. Und dies nur, weil man Kontakte bekommt und die Leute direkt ansprechen kann. So ist es wohl überall. Und bei AIRBUS muss eine offene Stelle stets ausgeschrieben werden; Kontakte hin oder her. Und ja, natürlich bietet die Akaflieg einem ein Umfeld aus (zumeist) Ingenieuren, welche z.T. in guten Positionen sitzen. Halt ein Netzwerk in welchem man eine Menge mitbekommt. Ist das verwerflich? Dies als Einschleimen zu bezeichnen zeigt, den unüberlesbaren Neid und schlechte Informiertheit. Die Mitgliedschaft in einer der Fliegergruppen ist mit einer großen Menge an Eigeninitiative und Engagement verbunden. Da kommt man nicht drum herum, um sich mal so durch zu schummeln und Vitamin-B zu erschleichen. Abgesehen davon erhält man eine Menge Fachwissen und hat stets neben dem Studium einen intensiven Einblick in die Luftfahrtbranche. Das gibt einem das Studium an sich nicht in dieser Quantität und Qualität. Also schreib bitte nicht so einen Blödsinn hier hin. Was soll an Regeln in der Vereinssatzung landen? § 2 Mitglieder dürfen sich nicht mit Anderen gut verstehen, wenn sie in einem guten Job sind und freundschaftlich bei einem etwaigen Karriereeinstieg helfen wollen?? Mir fehlen die Worte.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© UniSPIEGEL 3/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.