Selbstentblößung im Internet "Tiefes menschliches Bedürfnis"

Ist die Privatsphäre futsch, wenn Studenten ihr Leben bedenkenlos im Web ausbreiten? Harvard-Forscher Nicholas Christakis untersucht am Beispiel Facebook, wie Menschen im Netz zueinander finden. Im Interview spricht er über Neugier, Klatsch und virtuelles Balzverhalten.


UniSPIEGEL: Professor Christakis, Sie werten die Facebook-Profile eines ganzen College-Jahrgangs mit 1700 Studenten aus. Was wollen Sie erfahren?

Facebook: "Vorstellung von Privatsphäre im Umbruch"
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Facebook: "Vorstellung von Privatsphäre im Umbruch"

Nicholas Christakis: Mit zwei Kollegen untersuche ich anhand von Facebook, wie soziale Netzwerke funktionieren. Ein Beispiel: Wir alle kennen den Spruch "Gleich und Gleich gesellt sich gern", aber wir überprüfen nun, inwieweit das für Facebook-Nutzer wirklich zutrifft. Mein eigener Schwerpunkt liegt darauf, die Struktur von Netzwerken zu erfassen. Wie sind sie aufgebaut, wie verändern sie sich im Laufe der Zeit? Und was bedeutet das alles für die Teilnehmer?

UniSPIEGEL: Warum ist das interessant?

Christakis: Menschen leben eingebettet in größere Zusammenhänge, etwa in das soziale Netz ihrer Familie, ihres Freundes- und Kollegenkreises. Diese Zusammenhänge besitzen eine viel größere Bedeutung für unser Leben, als wir gemeinhin annehmen. Was wir für unsere ganz persönlichen Entscheidungen, Handlungen und Beschlüsse halten, wird in Wahrheit sehr stark von den Menschen in unserem Netzwerk beeinflusst.

UniSPIEGEL: Können Sie Beispiele nennen?

Christakis: Welchen Musikgeschmack ich habe, ob ich eine schmale oder eine breite Krawatte trage, ob ich mich am Wochenende regelmäßig bis zum Umfallen betrinke: Das alles hängt von den Menschen ab, mit denen ich verbunden bin. Geschmäcker und Gewohnheiten wandern durch Netzwerke. Das wissen die Leute in der Regel nicht, denn das überblickt man erst, wenn man das Ganze wie wir aus der Vogelperspektive betrachtet. Aber die Stellung eines Menschen in seinem Netzwerk wirkt sich auf alle wichtigen Aspekte seines Lebens aus: wie gesund er ist, wie glücklich, wie erfolgreich im Beruf, welche Sexualpartner er findet, wie viel Macht er ausübt.

UniSPIEGEL: Sie untersuchen Studenten, eine sehr spezielle gesellschaftliche Gruppe, was Alter, Ausbildungsniveau und Interessen angeht. Inwieweit lassen sich Ihre Ergebnisse verallgemeinern?

Christakis: Unsere Fragestellungen sind so grundlegend, dass sie für alle Menschen gelten, nicht nur für unsere Untergruppe amerikanischer Studenten. Wenn etwa ein Biologe bestimmte Ergebnisse mit einer Gruppe weißer Mäuse erzielt, würde man ja auch nicht sagen: Die Ergebnisse gelten nur für diese Mäuse, nicht für andere. Ähnlich gibt es einfach fundamentales menschliches Verhalten.

UniSPIEGEL: Wie werten Sie die Facebook-Profile genau aus?

Christakis: Wir greifen alle Informationen ab, die von den Studenten auf ihre Seiten gestellt werden, und wir haben sogar registriert, ob sie auf ihren Fotos lächeln oder ernst schauen. Außerdem verfolgen wir zum Beispiel, wie viele Freunde die Studenten haben und ob sich ihre Freunde auch untereinander kennen. Mit diesen Datensätzen kann man ein Modell des Netzwerks erstellen, aus dem hervorgeht, wer sich im Mittelpunkt befindet, wer am Rand und wie sich das auf ihr gesellschaftliches Leben auswirkt. Diejenigen in der Mitte erfahren beispielsweise viel schneller den neuesten Klatsch.

UniSPIEGEL: Sie geben nicht an, welches College Sie untersuchen. Wissen die Studenten überhaupt, dass sie während der ganzen vier Jahre ihrer Ausbildung Gegenstand einer sozialwissenschaftlichen Untersuchung sind?

Christakis: Nein. Wir beobachten ja nur menschliches Verhalten im öffentlichen Raum, wenngleich in einem virtuellen öffentlichen Raum. Darum hat sich für uns die Frage, ob wir sie informieren, einfach gar nicht gestellt. Wenn wir Menschen auf der Straße beobachten würden, würden wir ja auch nicht jedesmal fragen: Darf ich Sie anschauen? Und Sie? Und Sie?

UniSPIEGEL: Aber inzwischen sind Sie gefragt worden, ob Sie nicht unerlaubt in die Privatsphäre der Studenten eingegriffen haben.

Christakis: Ja, und das ärgert mich. Ich will nicht gedankenlos und anmaßend erscheinen, aber für mich ist das einfach nicht der springende Punkt. Wir haben die Genehmigung von Facebook und vom betreffenden College eingeholt, wie man das inzwischen für jede Art von Forschung tun muss, und unsere Untersuchung ist vom Ethik-Komitee der Universität Harvard abgesegnet worden. Wir geben den Studenten schließlich keine Drogen, wir beobachten nur ihr Verhalten, und wir haben sie natürlich anonymisiert, so dass sie nicht einzeln identifizierbar sind. Niemand hat sich beschwert, wir haben keinen einzigen Protestbrief bekommen. Es käme ja auch niemand auf die Idee, der Telefongesellschaft vorzuwerfen, dass sie die Handy-Daten ihrer Kunden auswertet, um Staus im Datenverkehr zu erkennen.

UniSPIEGEL: Hat eine Generation, die mit Blogs, Webcams und Websites wie Facebook und MySpace aufgewachsen ist, überhaupt noch eine Vorstellung von Privatsphäre?

Christakis: Durchaus, aber die Vorstellung von Privatsphäre befindet sich gerade in einem Umbruch. Junge Leute finden es völlig in Ordnung, alle möglichen persönlichen Informationen ins Netz zu stellen, ihr Tagebuch mit der Welt zu teilen oder Fotos von sich zugänglich zu machen, aber es gibt durchaus Verhaltensweisen, die sie nicht akzeptabel finden, etwa dass sie jemand online auf Schritt und Tritt verfolgt. Dann kann man zwar zu ihnen sagen: Warte mal, du selbst hast schließlich dein ganzes Leben ins Netz gestellt! Aber sie beharren darauf, dass das nicht Teil der Abmachung war.

UniSPIEGEL: Kann man das mit gesellschaftlichen Übereinkünften und Regeln in der Alltagswelt vergleichen?

Christakis: Ja, in vieler Hinsicht finden wir im Internet das virtuelle Gegenstück zum traditionellen öffentlichen Raum. Wenn man auf die Straße geht, kann man nicht erwarten, dass Menschen einen nicht anschauen - das wäre unangemessen. Aber man darf erwarten, dass man nicht behelligt wird. Genauso muss man davon ausgehen, dass die Informationen, die man ins Netz stellt, von anderen Menschen betrachtet werden. Trotzdem wird eine Schwelle überschritten, wenn man online belästigt wird, etwa mit Postings oder E-Mails - das ist ein Einbruch in die Privatsphäre.

UniSPIEGEL: Warum sind Facebook und andere solche Websites so erfolgreich?

Christakis: Facebook stillt genau das tiefe menschliche Bedürfnis danach, mit anderen Menschen verbunden zu sein, das mich als Forscher so fasziniert. Wir Menschen haben ja eine große Neugierde, was andere Menschen angeht, und der kann man auf "Facebook" ungeniert nachgeben. Zum ersten Mal können wir verfolgen, was Dutzende oder Hunderte der Menschen in unserem Leben von Tag zu Tag so tun, wo sie sich befinden, wofür sie sich interessieren, mit wem sie in Kontakt stehen. Das kann einen gewissen Suchtcharakter entwickeln.

UniSPIEGEL: Haben virtuelle Netzwerke fundamental andere Eigenschaften als die Netzwerke, in die wir im Alltag eingebunden sind?

Christakis: Sie befriedigen ähnliche menschliche Impulse, aber eben in einem Ausmaß, wie das früher nicht möglich war. Zugleich stellen wir fest, dass Leute zwar Hunderte von Kontakten auf Facebook haben, letztlich aber doch nur einen besten Freund und höchstens zwei oder drei ganz enge Vertraute, ähnlich wie in der Wirklichkeit. Vermutlich bringen virtuelle Netzwerke aber auch neue Verhaltensformen hervor, etwa dass man potentielle Partner vor dem ersten Rendezvous auf Facebook auscheckt. Passt derjenige zu mir? Teilt er meinen Geschmack? Kennt er Leute, die ich kenne? Ich finde das fast schade, weil dadurch die Überraschung verlorengeht - und man muss sich niemandem mehr aussetzen, der einen mit ungewohnten Ideen oder Vorlieben konfrontieren könnte.

UniSPIEGEL: Warum reizt es Sie als Forscher, virtuelle Netzwerke wie Facebook zu untersuchen?

Christakis: Schon wegen der schieren Quantität an Daten. Ein Netzwerk wie Facebook ist Teil der digitalen Revolution, und zufällig schafft diese Revolution völlig neue Forschungschancen. Sie stellt uns Datenmengen zur Verfügung, von denen wir früher nicht einmal hätten träumen können. Wir können gigantische Untersuchungen durchführen, einfach indem wir uns der digitalen Spuren bedienen, die Menschen hinterlassen.

UniSPIEGEL: Man sollte vermuten, dass die Verlockung der Datenmassen auch andere Forscher anzieht. Wird es demnächst Facebook-Institute geben?

Christakis: Das wohl nicht, aber es gibt in der Tat reichlich Untersuchungsansätze in verschiedenen Disziplinen. Unter anderem wird erforscht, ob sich Studenten mit psychischen Problemen anhand ihrer Facebook-Seiten identifizieren lassen, so dass die Universität ihnen rechtzeitig helfen kann.

UniSPIEGEL: Haben Sie selbst eigentlich eine Facebook-Seite?

Christakis: Ja, aber die ist langweilig. Dort sind nur meine Bürozeiten und ähnliche Informationen vermerkt. Lange hatte ich auch bloß ein Porträtfoto von mir auf meiner Facebook-Seite, aber dann fand mein Sohn, dass mich das wie einen absoluten Loser aussehen lässt. Also habe ich jetzt ein Bild meiner Familie dazugestellt.



INTERVIEW: SUSANNE WEINGARTEN



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