Mein erstes Mal... ... für ein EM-Tor laut bejubelt werden

Taime Kuttig, 25, spielt in der deutschen Nationalmannschaft im Blindenfußball

Helena Lea Manhartsberger/ UNI SPIEGEL

Von ; Foto: Helena Lea Manhartsberger


Taime Kuttig war 14 Jahre alt, als die Schatten fast die ganze Welt um ihn herum verschluckten. Die Krankheit, Retinitis Pigmentosa, nahm ihm die Sehkraft - und den Traum, Profifußballer zu werden. Taime würde nie für die deutsche Nationalmannschaft spielen, geschweige denn, von Tausenden Fans für ein Tor bejubelt werden. Davon war er lange Zeit überzeugt. An einem Freitag, dem 18. August 2017, erfüllte sich sein Traum dann doch.

Taime sitzt in einem Café am Dortmunder Hauptbahnhof, gleich beginnt sein Training bei der Borussia, und erzählt, wie er Fußballer werden konnte, ohne zu sehen. Es begann mit einem Spiel vor etwa zehn Jahren, Stuttgart gegen Marburg, da schossen die Spieler einen klingelnden Ball über den Platz, wie es im Blindenfußball üblich ist. Nur die beiden Torhüter konnten sehen. Den anderen riefen Mitspieler und Guides zu, wie weit das Tor entfernt war oder wohin sie sich bewegen sollten. Taime stand als Zuschauer auf der Tribüne, einer von 1000, er erkannte nur Schatten, hörte den Spielverlauf. Und dachte: "Das kann ich auch."

Hol Dir den gedruckten UNI SPIEGEL!
Den UNI SPIEGEL gibt's auch kostenlos an den meisten Hochschulen.

Kurz vorher hatte er begonnen, in der Schule zu trainieren, bei einer Blindenfußballmannschaft. Anfangs rollte er einem Partner den Ball am Boden zu, sitzend, mit den Händen. Bald kickte er, wurde besser, wurde aufgenommen in ein Trainingsprogramm für die wirklich Guten und das Marburger Bundesliga-Team. 2012 schaffte er es in die Nationalmannschaft. Sein erstes Spiel, ein Freundschaftsspiel gegen Frankreich, war eine Katastrophe. Die Gegner liefen schneller, zu schnell. Taime krachte gegen die Bande, sein Fuß steckte fest.

Doch er trainierte und lernte und ließ bald den Ball so schnell und eng zwischen den Innensohlen tanzen, als wirkten dort Magnete. Bei der ersten Europameisterschaft, in Loano, Italien, wurde Taime mit den Deutschen vierter. Bei der dritten, am 18. August 2017, in Deutschland, erreichte er den persönlichen Höhepunkt seiner Karriere.

Regen fiel auf den Kunstrasenplatz am Anhalter Bahnhof in Berlin. Das Eröffnungsspiel, Deutschland gegen Italien, lief seit drei Minuten. Plötzlich stand Taime acht Meter vor dem Tor, eine Dunkelbrille auf dem Kopf, um auch die letzten Schatten vor seinen Augen zu tilgen. Freistoß. Die Rufe der 2200 Zuschauer verstummten für ihn. Noch nie hatte er vor so vielen Leuten gespielt. Er nahm Anlauf, ein, zwei Schritte, traf den Ball, den er nicht sehen konnte, mit der Innenseite des rechten Fußes. Quälende Sekundenbruchteile Stille. Dann hörte er, wie der Ball im Netz klingelte, und die Menschen, die seinen Namen jubelten. "Magisch", sagt er.

Taime Kuttig, 25, verlor schleichend sein Augenlicht. Heute spielt er bei Borussia Dortmund und der deutschen Nationalmannschaft im Blindenfußball, wo sie ihn den "Turbodribbler" nennen, weil er so schnell wie kein anderer über den Platz jagt.



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© UNI SPIEGEL 2/2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.