Mein erstes Mal... ... Menschen heilen

Nora Langenbach, 29, Ärztin

Helena Lea Manhartsberger/ UNI SPIEGEL

Von ; Foto: Helena Lea Manhartsberger


"Ich weiß noch, dass die Mutter dunkle Ringe unter den Augen hatte. Nächtelang war sie wach geblieben. Ihre Zwillinge, zwei Jungs, 18 Monate alt, lagen in dem Krankenhausbettchen auf dem Bauch, Nasenbrillen für die Sauerstoffzufuhr auf dem Gesicht. Sie atmeten schwer. Winzige Häufchen Elend. Sie waren Patienten auf der Station I3 im Altonaer Kinderkrankenhaus in Hamburg. Und die Ersten, für die ich mitverantwortlich war. Ich leistete gerade mein Praktisches Jahr ab.

Die Zwillinge litten an "obstruktiver Bronchitis", in der Regel aufgrund eines viralen Infekts, bei dem sich die Bronchialschleimhaut entzündet und die Atemwege verengen. Das erzählte die Stationsärztin, die mich betreute. Das ist nicht ungewöhnlich bei Kindern. Aber wird die Bronchitis nicht therapiert, kann sie chronisch werden.

Ich war nervös, als ich mich der Mutter vorstellte als diejenige, die ihre Kinder behandelt. Dann musst du Initiative ergreifen, souverän wirken. Vorher kannte ich Krankheiten vor allem aus Büchern. Da waren sie Checklisten mit Symptomen und Behandlungsmethoden, die ich fürs Staatsexamen lernte, ein halbes Jahr lang, sechs Tage die Woche. Bis nichts mehr in den Kopf passte. Da war eine Erkrankung etwas Abstraktes, bei dem man Kästchen ankreuzen musste.

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Doch an diesem Vormittag war plötzlich alles real. Ich griff nach meinem Stethoskop, ging im Kopf durch, was ich in meinem Studium gelernt hatte. Nur nichts vergessen, dachte ich.

Ich machte einen Auskultationsbefund, hörte also ihre Lungen ab. Da hörte ich das exspiratorische Giemen: ein helles Pfeifen. Außerdem atmeten sie zu lange aus, weil ihre Bronchien so verschleimt waren. Einer der Jungen war total dehydriert. Wir haben ihn an den Tropf angeschlossen und den beiden Medikamente zur Weitung der Bronchien und zwei Liter Sauerstoff verabreichen lassen, damit sich die Sättigung in ihrem Blut normalisiert.

Die Lunge kann nicht gut heilen, wenn die Sättigung unter 90 Prozent liegt, 100 sind optimal. Erst wenn sie eine Nacht lang ohne die zusätzliche Sauerstoffzufuhr auskommen, dürfen sie nach Hause.

Eine Woche habe ich nach den beiden gesehen. Jeden Tag konnte ich den Sauerstoff reduzieren, jeden Tag ging es den Kleinen besser. Am zweiten Morgen saßen sie in ihren Bettchen, am dritten brabbelten sie, am vierten wollte einer mein Stethoskop klauen. Alle lachten, die Jungs, die Mutter, ich. Die Stationsärztin und der Oberarzt haben mich gelobt. Dann kam der letzte Tag. Ich öffnete die Tür. Die Mutter kam mir entgegen: "Wir haben die ganze Nacht keinen Sauerstoff gebraucht."

Da konnte ich den Satz sagen, der am schönsten ist in meinem Beruf: "Sie dürfen mit ihren Kindern nach Hause."

Nora Langenbach, 29, hat Medizin studiert und bewirbt sich um eine Assistenzarztstelle in der Pädiatrie. Sie liebt es, wie ehrlich die Kinder sind. Dass sie weinen, wenn ihnen etwas wehtut, und lachen, wenn alles in Wahrheit doch nicht so schlimm ist.



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