Mein erstes Mal... ... ein Tier erschießen

Sophia Lorenzoni, 25, Jägerin

Helena Lea Manhartsberger/ UNI SPIEGEL

Von ; Foto: Helena Lea Manhartsberger


Sie wird ihn nie vergessen, diesen heißen Abend im Juni vor drei Jahren, als sie das erste Mal auf ein Tier schoss. Gerade hatte sie ihren Jagdschein gemacht. Doch noch nie war sie mit Waffe draußen gewesen, hatte nie etwas erlegt. Doch an diesem Abend sollte es anders sein.

Mit einem befreundeten Jäger fährt sie in sein Revier, Schwäbische Alb. Er leiht ihr sein Gewehr, sie hat kein eigenes. Als sie das erste Mal anlegt, fühlt es sich gut an. Passend, irgendwie. Sie laufen über Schotterwege zum Hochsitz, eine Viertelstunde lang, klettern die Leiter hoch. Der Wald liegt hinter ihnen, vor ihnen eine Wiese, links davon Wacholdersträucher. Es dauert keine fünf Minuten, da stakst ein Rehbock aus dem Wald.

Der erfahrene Jäger schaut durch sein Fernglas, wägt ab, wie alt das Tier ist, ob es guten Nachwuchs bringen oder eh bald sterben wird. Ihr Herz rast. Da sagt er: "Ja. Du kannst schießen." Sie weiß, sie muss das Tier von der Seite treffen und durch den Brustraum hinter das Schulterblatt, damit die Kugel durchgeht. Der Bock würde ausbluten, es wäre schnell vorbei mit ihm.

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Dann legt sich das Tier ins Gras. 20 Minuten lang vielleicht, eine gefühlte Ewigkeit. Sie spürt die Spannung aufsteigen, sie denkt: "Bitte steh nicht wieder auf." Vielleicht ist sie noch nicht so weit. Doch das Tier tut ihr den Gefallen nicht, es stemmt sich hoch.

Sie legt an, der Schaft des Gewehrs fühlt sich plötzlich viel zu lang an, sie denkt: "Kann ich wirklich ein Lebewesen töten?" Sie beschwört Bilder herauf, von Massentierhaltung, von Kühen, die nie Tageslicht sehen. Sie sagt sich: "Wenn du Fleisch isst, dann auf eine faire Art."

Sie wird ruhig. Sie schaut durch das Zielfernrohr, heftet das Fadenkreuz hinter das Schulterblatt des Tieres. Sie drückt ab. In dem Moment springt der Bock weg, verschwindet im Wald. "Scheiße", denkt sie. Bestimmt hat sie ihn verwundet. Und das beim ersten Mal. Nicht gut.

Zehn Minuten wartet sie auf dem Hochsitz, sonst könnten andere Tiere den Schuss mit Gefahr verbinden. Dann klettert sie mit dem anderen Jäger herunter. Überall klebt rosafarbenes Blut, ein gutes Zeichen. Es bedeutet, dass sie richtig getroffen hat. Kurz darauf findet der andere den toten Bock im Unterholz. Er ist 18 Kilogramm schwer. Sie ist erleichtert: Das Tier musste nicht leiden.

Sophia Lorenzoni, 25, ist Volontärin bei der "Deutschen Jagdzeitung" und Jägerin. Wenn sie Fleisch essen will, geht sie in ein Jagdrevier in Nassau, Rheinland-Pfalz, erlegt ein Stück Wild, bricht es auf und bereitet es sich zu. Carpaccio zum Beispiel.



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Montseny 30.04.2018
1. "Auf eine faire Art" ?
Wie man jemanden auf eine faire Art toeten kann, ist eine gute Frage...Den derart Getoeteten zu befragen keine Option "He, fuehlen sie sich jetzt besser? Sie sind ja schliesslich fair erschossen worden!". Ist es fair ein Gewehr zu benutzen, um damit ein ahnungsloses Wesen auf grosse Distanz zu toeten? Kann es "fair" sein, ein anderes Wesen zu toeten? Jagd bedeutet auch verletzte Tiere die herumirren bis sie verenden, Schrotkugeln aus Blei in der Umwelt. Die Frage ist doch nicht "lieber erschiessen als Massentierhaltung". Sondern: Wieso muessen Menschen unter heutigen Lebensbedingungen ueberhaupt andere Wesen toeten?
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