Semesterferien auf den Golanhöhen "Das ist, als sei man ein Tier"

Wenn sie in den Semesterferien nach Hause wollen, müssen Studenten aus dem Golan an einem Schlagbaum vorbei. Denn die Dörfer ihrer Familien liegen in den besetzten Gebieten. An der Waffenstillstandslinie zählen sie die Minuten - bis ein Soldat sie durchwinkt.

Von Gabriela Keller


Ein paar Hundert Meter rissiger Asphalt führen zum Tor auf der anderen Seite. Vom Schlagbaum mit der syrischen Flagge aus liegt es gerade noch in Sichtweite. Ein schmaler Junge stützt sich auf die rotweiß lackierte Stange und starrt durch seine Sonnenbrille die Straße entlang.

Rund 18.000 Bewohner des israelisch besetzten Golan sind syrische Drusen; der 18-jährige Raed Farhat ist einer von ihnen. Als er vor zehn Monaten sein Medizinstudium in Damaskus begann, verließ er zum ersten Mal in seinem Leben seine Heimat. Er senkt den Blick und sagt ganz leise: "Wir sind keine wirklichen Syrer. Und die israelische Nationalität wollen wir nicht. Also haben wir keine Identität. Das ist, als sei man ein Tier."

Nicht Grenze, Waffenstillstandslinie heißt der schmale Streifen, der die Golanhöhen teilt. Ein kleiner Teil gehört zu Syrien, den Rest hat Israel vor 40 Jahren im Sechstagekrieg besetzt und 1981 annektiert. Im Streit um das Stück Land sind die Fronten verhärtet. Niemand außer Mitarbeitern der Vereinten Nationen und des Roten Kreuzes darf die Trennlinie überschreiten. Syrern von der israelischen Seite ist es nicht erlaubt, nach Syrien einzureisen; nur für drusische Pilger und Schwerkranke machen die Behörden Ausnahmen.

"Jetzt zähle ich jede Minute"

Die Einzigen, die regelmäßig für längere Zeit auf die andere Seite wechseln, sind Studenten. Zu Beginn der Sommerferien kehren sie für zwei Monate in ihre Dörfer im Golan zurück, vor Semesterbeginn geht es wieder in Richtung Damaskus. Rund 350 Studenten haben sich diesmal angemeldet. Das Rote Kreuz organisiert die Passage. "Alles läuft glatt, aber wir haben auch keine Probleme erwartet", sagt Hala Hebrawi, eine Rot-Kreuz-Mitarbeiterin. "Das ist reine Routine."

An diesem klaren Julimorgen stehen etwa 30 junge Männer und Frauen auf dem Platz vor dem Schlagbaum. Vor ungefähr einer Stunde hat sie ein Bus aus Damaskus gebracht. Die 24-jährige Rasha Ibrahim blickt immer wieder auf die Uhr. "Mir fällt es halt sehr schwer, lange von meiner Familie getrennt zu sein", sagt sie und lächelt dünn. "Jetzt zähle ich jede Minute." Im kommenden Jahr schließt Rasha ihr Studium ab, danach kann sie entweder Syrien oder ihr Dorf nicht mehr betreten.

Ein Jahr bleibt ihr noch mit ihrem Freund in Damaskus, dann muss sich das junge Paar trennen, vielleicht für immer. "Ich bin zwischen zwei Leben hin und her gerissen", sagt die Literaturstudentin und zuckt hilflos die Schultern. Zwar könnte sie in Syrien bleiben, wenn sie dort einen Mann heiratet. Doch das hieße, ihr Heimatdorf und ihre Eltern womöglich nie wieder zu sehen: "Und das würde mir das Herz brechen."

Keine Lösung in Sicht

Ab und an rollt auf der staubigen Straße ein weißes UN-Fahrzeug an; ein paar syrische Soldaten dösen vor sich hin oder schauen mit mäßigem Interesse zu, wie die Studenten die Wartezeit überbrücken. Hinter mehreren Reihen spiralförmig gewundenem Stacheldraht erstreckt sich eine grünbraune Wiesenlandschaft, sanft geschwungene Berge zeichnen sich gegen den Horizont ab. Ausgerechnet hier, an der Frontlinie zwischen den Staaten, scheinen alle Konflikte seltsam weit weg. Die Vereinten Nationen überwachen den Streifen, an dem es zwar keinen Frieden gibt, aber auch keinen Krieg. "Hier ist alles ruhig. Höchstens kommt mal ein Schäfer zu nah an die Waffenstillstandslinie", bestätigt Friedrich Steininger, Oberstleutnant der United Nations Disengagement Observation Force UNDOF.

So bleibt der Golan zwar frei von Gewalt, doch ebenso wenig ist eine Lösung in Sicht. Israel hat das Gebiet annektiert, mittlerweile sind dort fast 20.000 israelische Siedler sesshaft geworden. Syrien besteht auf Rückgabe und versucht nach Kräften, die syrische Bevölkerung am Abwandern zu hindern. Steininger erklärt die Bedeutung des Landstrichs mit seiner strategischen Lage: Wer auf dem Hermon-Gebirge sitzt, hat beide Länder im Überblick. "Außerdem darf man die wirtschaftlichen Interessen nicht übersehen", sagt der Offizier. "Der Golan ist eines der wasserreichsten Gebiete, das es in der Region gibt."

Golanhöhen: Ein kleiner Teil gehört zu Syrien, den Rest hat Israel vor 40 Jahren im Sechstagekrieg besetzt und 1981 annektiert.
DER SPIEGEL

Golanhöhen: Ein kleiner Teil gehört zu Syrien, den Rest hat Israel vor 40 Jahren im Sechstagekrieg besetzt und 1981 annektiert.

Syrien wie Israel haben in den vergangenen Monaten ihre Bereitschaft zu Friedensgespächen betont. Gleichzeitig häufen sich Gerüchte von einem unmittelbar bevorstehenden Krieg. Berichten zufolge haben beide Länder ihre militärische Präsenz nahe der Trennlinie massiv gestärkt. UNDOF-Oberstleutnant Steininger sieht trotzdem keinen Anlass zur Sorge. "Wir haben zwar auf beiden Seiten erhöhte Übungsaktivitäten beobachtet", räumt er ein, doch auf eine konkreten Bedrohung ließe das nicht schließen.

Ismail Miray, Syriens Parlamentsabgeordneter für den Golan, sitzt neben dem Checkpoint auf einem Plastikstuhl und verfolgt mit ernster Miene, wie die Beamten die Personalien der Studenten prüfen. "Wir sind nicht bereit hinzunehmen, dass ein Teil unseres Landes verloren ist", sagt er. "Wir glauben an den Frieden. Doch wenn der Weg zu Verhandlungen verschlossen ist, ziehen wir alle anderen Möglichkeiten in Betracht." Syrien schließe auch militärische Schritte oder den Einsatz von Guerilla-Kämpfern nicht aus: "Die Bürger auf dem Golan sind bereit, alles zu opfern, um ihr Land zu befreien", tönt er.

"Willkommen in Israel"

Doch abseits aller politischen Kampfrhetorik tragen die Menschen schwer an der Trennung von ihren Familien und der Sorge um ihre Zukunft in der umstrittenen Region. Die meisten Studenten koordinieren ihr Leben still und geduldig zwischen den beiden Seiten des Konflikts, nur einzelne zeigen ihren Zorn. "Wir sind es leid, dass alberne Regulierungen unser Leben bestimmen", schimpft ein 24-Jähriger, der anonym bleiben will. Der junge Mann mit den schulterlangen Locken und der Gitarre über der Schulter schleudert seine Zigarette zu Boden.

Er erzählt, dass er als Student seine Tante in Damaskus besuchen kann, während sein Vater die Schwester seit Jahren nicht gesehen hat. "Wir sind verloren", murmelt er, sehnt sich nach einem Leben in Syrien und träumt von bewaffnetem Widerstand: "Alles wäre besser als weiter nichts zu tun. Aber leider gibt es niemanden, der es in die Hand nimmt", sagt er noch, dreht sich dann auf dem Absatz um und stapft davon. Ra’ed Farhat, der 18-jährige Medizinstudent, schildert hingegen, dass die Nervosität zunimmt: "Wir sehen, wie die israelische Armee Angriffe auf syrische Dörfer simuliert. Wir sehen ihre Waffen. Wir alle fürchten uns."

Dann, endlich, geht am Checkpoint die Bestätigung von der israelischen Seite ein. Ein Soldat drückt den Schlagbaum nach oben. Die Studenten laufen los, nicht schnell, nicht langsam. Einzelne wenden noch einmal den Blick. Nach wenigen Minuten erreichen sie das Tor zur anderen Seite. Ein großes Schild hängt daran. Darauf steht: "Willkommen in Israel".



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.