Seminar auf Abwegen Zur Inspiration in den Puff

Die Liebe beflügelt die Literatur - auch solche Schreiber, die ihr Handwerk noch lernen. Eine Leipziger Dozentin bringt ihren Studenten Facetten des großen Gefühls nahe. Zum Beispiel durch eine Exkursion ins Bordell, Matratzentest inklusive.

Von Carsten Heckmann


Diana Feuerbach bittet den Hausmeister, das rot-dämmrige Licht einzuschalten. Sie selbst zieht die roten Vorhänge zu und nickt zufrieden. "Na, das ist doch schon was ganz anderes. Sehr schön." Eine verruchte Atmosphäre hat sich breit gemacht in dem kleinen, an Wänden und Decke komplett mit dunklem Leder ausgekleideten Raum. Eben noch wirkte er ungastlich, fahles Morgenlicht fiel herein und wurde vom hellgrauen Linoleum-Fußboden reflektiert.

Jetzt ist Feuerbach mit der Stimmung zufrieden: So hat sie ihn sich vorgestellt, den Arbeitsplatz einer Prostituierten. Die 28-Jährige ist gemeinsam mit sieben Kommilitonen auf Besichtigungstour. "Eine tolle Gelegenheit, als Frau würde man hier ja sonst gar nicht reingelassen", kommentiert sie den Seminarausflug.

Hier, das ist das "Haus am Wasserturm", Leipzigs größtes Bordell. Hinter rot und orange getünchten Wänden befinden sich 90 Zimmer, gemietet von Prostituierten, und ein Nachtclub. Dazu Waschraum, Solarium und Kantine. Es ist 8.30 Uhr am Morgen, in anderthalb Stunden öffnet das Haus.

Bis dahin führt Hausmeister Matthias Blume die Gäste ein bisschen herum. In ein Domina-Zimmer, das gerade erst eingerichtet wird, aber schon mit Peitsche, Ketten und Streckbank ausgestattet ist, und in ein Standard-Zimmer, das mit Kochnische und kleinem separatem Bad auch in ein Studenten-Wohnheim passen würde. Die Mieterin ist gerade im Urlaub.

"Das muss man gefühlt haben"

Einige Mieterinnen schlafen noch, weshalb Hausmeister Blume um Ruhe bittet. Kein Problem, die Studiosi machen sich nur Notizen und fotografieren fleißig. Nur selbst wollen die meisten nicht abgelichtet werden. "Ich bin Schriftstellerin und möchte nicht, dass mein Gesicht im Zusammenhang mit einem Bordell zu sehen ist", gibt eine junge Frau zu Protokoll.

Angehende Schriftsteller sind sie alle - Studenten des renommierten Deutschen Literaturinstituts an der Universität Leipzig. Ihre Dozentin, die koreanische Autorin You-Il Kang, hat den Bordellbesuch organisiert. "Schriftsteller sollten professionell recherchieren, um mit Überzeugung, mit Kraft schreiben zu können", begründet die 52-Jährige die Exkursion in unbekannte Welten.

You-Il Kang war mit Studenten bereits im Gefängnis, besuchte mit ihnen einen Toxikologen und einen Sprengmeister, lud sie zu Obduktionen ein und probierte sich gemeinsam mit ihnen am Schießstand aus. "Die Kälte einer Pistole, ihr Gewicht, den Rückschlag beim Schuss, das muss man einmal gefühlt haben", meint sie. Schließlich gelte beim Schreiben: "Die genialen Dinge kommen aus dem Detail. Für mich ist es daher eine Art Berufsmoral, die Details zu wissen."

Mit "Anatomie der Liebe" ist Kangs Seminar überschrieben, möglichst viele unterschiedliche Facetten will sie ihren Studenten nahe bringen. Als die erfolgreiche Koreanerin im vergangenen Jahr an der Auswahl der neuen Literatur-Studenten beteiligt war, stellte sie fest: Sehr viele Bewerber hatten Liebesgeschichten eingereicht. "Wenn man selbst liebt, denkt man, man kann auch darüber schreiben - aber das stimmt meist nicht. Eine gute Liebesgeschichte ist die hohe Kunst."

"Alles so gründlich, irgendwie deutsch"

Deshalb stand zu Semesterbeginn der Besuch einer Table-Dance-Bar auf dem Programm. Danach referierte eine Staatsanwältin zum bundesweit bekannten Inzestfall des Geschwisterpaares Susan K., und der Biologe Patrick S. sprach über tierische Anziehungskraft, eine Journalistin über die Liebe in der Medienberichterstattung.

Dass vor einer guten Geschichte eine gute Recherche steht, scheinen die Studenten verinnerlicht zu haben. Sie lassen es sich nicht nehmen, auf der mit schwarzem Samt bezogenen Matratze von "Andrea" Probe zu sitzen, die sonst Schauplatz für alles ist, von der Massage bis zu Fesselspielen. Oder auch auf einem der Barhocker im spärlich beleuchteten und nahezu tropisch erhitzten Flur. Auf den Hockern erwarten die Prostituierten während der Geschäftszeit ihre Kunden.

"Ich bin ein wenig überrascht", sagt March Höld. "Ich bin nicht das erste Mal in einem Bordell, aber hier ist alles so gründlich. Irgendwie deutsch." Die 29-jährige Österreicherin ist von You-Il Kangs Ausflugsideen genauso angetan wie alle anderen: "Sie serviert uns Leute auf einem Silbertablett, zu denen man sonst nicht so leicht Zugang hat."

Eine Prostituierte ist aber leider nicht zu sprechen. Bordell-Geschäftsführerin Ilona Jelit-Lünse verneint entsprechende Fragen bedauernd, aber bestimmt. Sie drängt zur Eile, auf Kundschaft sollen die Gäste ebenfalls nicht treffen. Für die Uni-Gruppe hat sie ohnehin eine Ausnahme gemacht: "Normalerweise gibt es hier keine Führungen, aber die Studenten brauchen das ja als Lehrstoff."



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