Plagiatsaffäre in Serbien Doktortitel ganz heimlich

Serbiens politische und wissenschaftliche Elite büßt im ganz großen Stil ihre Autorität ein. Selbst der Innenminister soll bei seiner Doktorarbeit abgeschrieben haben. Die Plagiateure folgten einer jahrzehntelangen Tradition.

Studium "unbemerkt von der Öffentlichkeit"? Selbst Staatschef Tomislav Nikolic soll ein akademischer Leichtfuß sein
REUTERS

Studium "unbemerkt von der Öffentlichkeit"? Selbst Staatschef Tomislav Nikolic soll ein akademischer Leichtfuß sein


Belgrad - Zuerst traf es Serbiens Innenminister Nebojsa Stefanovic. Drei Landsleute wiesen ihm detailliert nach, dass er sich seine jüngste Doktorarbeit erschlichen haben soll. "Eine wertlose Arbeit, die nicht einmal die minimalsten Kriterien erfüllt", lautete das vernichtende Urteil der Wissenschaftler, die heute in London arbeiten. Die Kritiker legten dem ehemaligen Präsidenten des Parlaments nahe, nach dem Beispiel der früheren deutschen Bundesbildungsministerin Annette Schavan und des Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg zurückzutreten.

Kurz darauf traf es den Doktorvater des Politikers Mica Jovanovic. Der ist immerhin Rektor und Besitzer von "Megatrend", der größten privaten Universität im Lande. Er behauptet, seine Doktorarbeit 1983 an einer Londoner Uni verteidigt zu haben. Die allerdings vergibt solche Titel gar nicht.

Der angebliche Doktorvater konnte sich nicht erinnern; die Hochschule bestritt, dass der Mann jemals dort studiert hatte. Jovanovic trat schließlich zurück.

Ganze Absätze aus Wikipedia

Der Bürgermeister der Hauptstadt Belgrad, Sinisa Mali, geriet kurz darauf unrühmlich in die Schlagzeilen. Seine Dissertation sei "das schlimmste Plagiat", das er bisher gesehen habe, urteilte der aus Serbien stammende und an der Wiesbadener Universität für Wirtschaft und Recht lehrende Finanzprofessor Rasa Karapandza. Der 41-Jährige habe "ein Drittel oder mehr" seiner rund 220 Seiten umfassenden Doktorarbeit ohne Kennzeichnung abgeschrieben. Ganze Absätze stammten schlicht aus Wikipedia oder seien wörtliche Übersetzungen aus englischen Werken.

Gegen den aus der Opposition stammenden Bürgermeister von Neu-Belgrad, Aleksandar Sapic, werden ganz ähnliche Vorwürfe erhoben. Selbst Staatspräsident Tomislav Nikolic ist ins Gerede gekommen. Er hatte noch vor Amtsantritt ein Diplom einer Fakultät erworben, die gar keine Lizenz besaß, behaupteten die Medien übereinstimmend. Sein eigentlich vierjähriges Studium habe er unbemerkt von der Öffentlichkeit absolviert. Allerdings könne sich an der Hochschule auch niemand unter den Studenten und Lehrenden an Nikolic erinnern.

Diplome als Geschäftsmodell der Universitäten

Die Zeitungen wiesen in unzähligen Artikeln nach, wie die Universitäten mit den Politikern verquickt sind. Sie bekamen die Titel hinterhergeworfen und seien zum Teil von den Privatunis finanziert worden. Im Gegenzug konnten die treiben, was sie wollten. "Diplome sind das beste Geschäft", titelte die Zeitung "Novosti". Bei Studiengebühren von wenigstens 6000 Euro für drei Jahre bei einem durchschnittlichen Monatsverdienst von gut 400 Euro ist das kein Wunder. Die Zahl der Doktortitel explodierte nach Angaben der Statistiker in dem kleinen Land von 206 im Jahr 2007 auf 770 im Jahr 2012.

Der alles beherrschende Regierungschef Aleksandar Vucic sprach ein Machtwort. Die akademischen Anklagen gegen seine rechte Hand, Innenminister Stefanovic, seien "das Dümmste, was ich je gehört habe". Wenige Wochen zuvor hatte er in seiner Regierungserklärung noch beklagt, in Serbien existierten "im großen Ausmaß Diplome zweifelhafter Qualität dank eines zerrütteten Bildungssystems". Die Beschuldigten verweisen auf ihre Doktorväter.

Doch niemand im Wissenschaftsbetrieb traut sich, den selbst für Laien handfest erscheinenden Vorwürfen gegen die angeblich falschen Doktoren auf den Grund zu gehen. Denn dann kämen möglicherweise noch viele andere prominente Fälle ans Tageslicht und bedrohten das ganze System. In der Industriestadt Kragujevac südlich von Belgrad tritt seit fünf Jahren ein Prozess gegen 23 Professoren der juristischen Fakultät um verhökerte Prüfungen und ganze Diplome auf der Stelle. Während die Angeklagten oft zu krank für die Verhandlung sind, haben sie an der Hochschule Karriere gemacht.

isa/Thomas Brey/dpa



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insgesamt 7 Beiträge
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herbert 08.08.2014
1. Willkommen in der Dr. EU !
Zitat von sysopAP/dpaSerbiens politische und wissenschaftliche Elite büßt im ganz großen Stil ihre Autorität ein. Selbst der Innenminister soll bei seiner Doktorarbeit abgeschrieben haben. Die Plagiateure folgten einer jahrzehntelangen Tradition. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/serbien-plagiatsaffaere-durchzieht-politik-und-wissenschaft-a-985235.html
Da sitzen dann diese Möchtegern Figuren und kassieren dicke Gehälter! Ost Europa ein Paradies in Sachen Lug und Betrug oder Klimm und Klau! Grausam !
maj84 08.08.2014
2. Serbien, Tschechien oder wie?
So interessant es auch sein mag, dass die Serben ihre eigene Plagiatsaffäre haben, so unverständlich scheint mir die Bildauswahl - die zeigt nämlich den Präsidenten der Tschechischen Republik, Miloš Zeman.
spiozo 08.08.2014
3. interessieren
... würde mich neben der Plagiatsaffäre in Serbien ob die Klitschkos Ihren Doktor tatsächlich selbst gemacht haben. Für mich bei dem ganzen Trubel den die durch das Boxen um die Ohren haben/ hatten, eher unwahrscheinlich.
phreak123 09.08.2014
4. Hört, Hört!
"Selbst der Innenminister" wow... Also während Serbiens politische und wissenschaftliche Elite im ganz großen Stil ihre Autorität einbüßt, wird in Deutschland erstmal diskutiert, dass man den ach so sympathischen Zu Guttenberg ja mal endlich in Ruhe lassen könne und was dem bösen Plagiatenjägern denn einfalle usw usf
cdrenk 09.08.2014
5. Treffend
Die Bildauswahl war sicher nicht zufällig. In Pilsen wurde letztes Jahr aufgedeckt wie der Titelhandel dort funktionierte. Auch in Tschechien sind betroffene weiter im Amt. Ost-Europa... UOTE=maj84;16353929]So interessant es auch sein mag, dass die Serben ihre eigene Plagiatsaffäre haben, so unverständlich scheint mir die Bildauswahl - die zeigt nämlich den Präsidenten der Tschechischen Republik, Miloš Zeman.[/QUOTE]
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