Sexismus an der Hochschule Wenn der Prof nach Hause bittet

Studentinnen (Archiv): Viele Frauen erleben Sexismus auf dem Campus
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Studentinnen (Archiv): Viele Frauen erleben Sexismus auf dem Campus

Von "duz"-Autorin Heide Oestreich

2. Teil: Chefs und Prüfer sind männlich - Wie der Machtapparat Uni funktioniert


Gerade die Universität ist ein schwieriges Terrain, um Belästigungen und Sexismus anzusprechen, ist die Erfahrung von Sonja Weeber. Sie studiert Gender Studies an der Berliner Humboldt-Uni und vertritt in der studentischen Vertretung queer-feministische Interessen. "Die Universität ist ein männlich dominierter Raum," meint sie, "die Chefs sind meist männlich, die Prüfer sind meist männlich und das Klima ist so, dass über persönliche Probleme überhaupt nicht gesprochen wird." Wenn diese Menschen dann sexistische Sprüche von sich gäben, herrsche die Auffassung, dass eine Frau daraus bitte kein Problem zu machen habe. "Ich darf es nicht mal als belästigend empfinden", meint Weeber. Ihre Uni will daran etwas ändern: Ende Juni organisierte sie eine Veranstaltung, bei der auch Sonja Weeber auf dem Podium saß: "Sexualisierte Diskriminierung und Gewalt an der Hochschule - (k)ein Thema?" lautete der Titel.

Ein Tabu führt zum nächsten: Angst-Orte. Die neue Bibliothek der Humboldt-Uni in Berlin gilt als ambitioniert, aber voller verwinkelter dunkler Gänge, in denen man nicht einmal Handyempfang hat, erzählt Sonja Weeber. Wenn nun Studentinnen kommen und sagen, sie fühlten sich dort nicht wohl - wer nimmt das ernst? Weeber erzählt auch vom Uni-Wachschützer, der, statt Menschen zu helfen, diskriminierende Sprüche über Lesben oder Schwule mache. "Es herrscht keine Sensibilität. Es herrscht das Gegenteil", sagt sie. Die Ruhr-Uni Bochum, ein Ungetüm aus den Sechzigern mit sehr vielen dunklen Ecken, will demnächst umbauen und hat dafür alle Mitarbeitenden und Studierenden der Universität nach ihrem Sicherheitsgefühl und ihren Erfahrungen befragt. Im Herbst sollen erste Ergebnisse vorliegen.

"Ich hätte gedacht, dass reflektierte Studentinnen mit solchen Situationen offensiver umgehen."

Vermeidungsstrategien sind die Folge, wenn Angst-Orte und Belästiger nicht offensiv angegangen werden, hat die Kriminologin Katrin List beobachtet: Manche Frauen gehen nicht zu bestimmten Lehrveranstaltungen, die am Abend stattfinden. Andere gehen abends nur noch in Begleitung auf den Campus. In schlimmen Fällen brechen Frauen auch das Studium ab. "Vermeidung ist es, was jungen Frauen in der Pubertät beigebracht wird", meint List. Und formuliert zugleich ihr Erstaunen darüber: "Ich hätte gedacht, dass reflektierte Studentinnen mit solchen Situationen offensiver umgehen." Stattdessen seien die Frauen wenig informiert, würden die möglichen Ansprechstellen nicht kennen - und jede zweite mache sich selbst Vorwürfe. "In diesem Elfenbeinturm Uni herrscht der Diskurs, dass wir ja alle aufgeklärt sind. Das macht die Uni zu einem schwierigen Ort", sagt List.

Auch Uschi Baaken, die Vorsitzende der Bundeskonferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten an Universitäten (Bukof), hält die Uni für ein schwieriges Terrain. "Es gibt an der Uni genauso viel oder wenig sexuelle Belästigung wie in der Gesellschaft insgesamt", ist ihre Einschätzung, "aber an der Uni ist so etwas stärker tabuisiert." Und so kann man sich auch nicht bei allen Hochschulen darauf verlassen, im Falle eines Falles gut betreut zu werden. "Es gibt Universitäten, die nicht einmal Ansprechstellen haben. Da versickert das Thema dann irgendwo", sagt Baaken.

Unis wollen das Problem oft nicht wahrhaben

Wie kommt es zu diesen Unterschieden zwischen den Universitäten? Starke Gender-Bereiche klären intern besser auf als kleine oder schwache. "Wenn dann noch eine offene Univerwaltung dazukommt, dann kann man kompetent Schutz gewähren", sagt Baaken. Ihre Uni in Bielefeld hat angeregt, dass Maßnahmen gegen sexuelle Belästigung und Gewalt als Kriterium für eine Zertifizierung aufgenommen werden. Unis, die nun das Gleichstellungssiegel "Total E-Quality" beantragen, das eine Uni bekommt, die viel für die Geschlechtergerechtigkeit unternimmt, müssen nun auch Kompetenz in diesem Bereich zeigen.

Was tun? Alle, die sich gegen Sexismus und sexualisierte Gewalt einsetzen, stehen vor demselben Problem. Die Uni möchte ein fortschrittlicher exzellenter Wissenschaftsstandort sein, kein Hort von Belästigern und Stalkern. Deshalb geht kaum eine Uni das Thema offensiv an. "Wir müssen endlich sagen: Ja, Diskriminierung findet auch an der Uni statt", fordert Weeber und wünscht sich eine Antidiskriminierungsstelle, die Betroffene beraten kann. Diese Stelle hätte auch den Vorteil, dass belästigte Männer dort einen neutralen Anlaufpunkt hätten und nicht die Frauenbeauftragten aufsuchen müssen, die unter Umständen gar nicht für sie zuständig sind. Denn: Auch Männer werden belästigt, emotional erpresst oder gestalkt. Darauf weist die Kriminologin Katrin List hin. Auch dazu soll es demnächst Forschung geben.

Schließlich sollten die Studierenden in Erstsemester-Veranstaltungen auf die Problematik hingewiesen werden und die Dozierenden, wenn sie ihren Arbeitsvertrag unterschreiben. Die Universität kann sich entsprechende Richtlinien geben, die zeigen, wie bei Fällen sexueller Belästigung vorgegangen wird. Denn das Schweigen an den Unis über diese "persönlichen Probleme" muss beendet werden, fordern Frauenbeauftragte. Und das ist wohl die schwierigste Aufgabe von allen.

Erschienen in: duz Magazin 07/13 vom 28. Juni 2013



insgesamt 186 Beiträge
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Seite 1
mrotz 14.07.2013
1. naja
Zitat von sysopDPADer Kommilitone reißt derbe Zoten, der Professor wird zudringlich - Sexismus auf dem Campus ist ein alltägliches Problem, das viele Unis jedoch verdrängen. Oft bleiben die Opfer mit ihrer Scham allein. Sexismus an den Hochschulen wird häufig tabuisiert - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/sexismus-an-den-hochschulen-wird-haeufig-tabuisiert-a-909147.html)
Es gibt einen riesen unterschied zwischen einem Prof. der seine Studentin sexuell bedrängt und sie Küssen will und dem reissen von Witzen. Wenn sich jemand von letzterem belästigt fühlt, ist er/sie/es ein Mimöschen, es gibt kein Problem, um das sich andere kümmern müssten. Der erstere fall jedoch ist etwas ernstes. Die Frauenbeauftragten, die schon bei Witzen sexuelle Belästigung herbeiphantasieren, werden doch bei echten Fällen gar nciht mehr ernst genommen. mfg
maxleferrailleur 14.07.2013
2. jaja
das mag alles stimmen. Habe aber in unserem Forschungsinstitut erlebt, daß der Chef-Prof fast ausschließlich besonders attraktive und sexy Studententinnen für Praktika und frei werdende Stellen aussuchte. Wir hatten sie dann am Hals: sie konnten garnicht verstehen, daß im Rahmen der Forschungsprogramme auch fachliche Leistungsanforderungen gestellt werden, hatte der ChefProf sie doch ausgesucht - das war doch genug Ausweis von Kompetenz. Sie wollten auch nicht verstehen, daß es nicht genügt, in Arbeitssitzungen schön angezogen sich in Pose zu setzen und herumzublinzeln.
Malshandir 14.07.2013
3. Fragen
Wieso schreiben solche Artikel nur Frauen? Wieso wird nur ueber Belaestigungen von Frauen geredet? Ist jede gefuehlte Belaestigung eine Belaestigung? Nicht alles was als Sexismus gesehen wird, ist auch einer. Wenn man die Debatte fuehrt, sollte man auch ueber Anstand redden. Ich sehe oefters am Wochenende Frauen die sich in 4 Numemrn zu kleine bekleidung quetschen und viel mehr zeigen, als Mann sehen will. Ja da wird einem schlecht. Ich kenne noch als Referendar, dass es genauso sexuelle Belaestigung umgekehrt gibt, dass Frauen versuchen Ihre Machtposition zu nutzen, um bessere Noten zu erhalten. Also bitte endlich aufhoeren diese Debatte einseitig zu fuehren.
Itanji 14.07.2013
4.
Zitat von mrotzEs gibt einen riesen unterschied zwischen einem Prof. der seine Studentin sexuell bedrängt und sie Küssen will und dem reissen von Witzen. Wenn sich jemand von letzterem belästigt fühlt, ist er/sie/es ein Mimöschen, es gibt kein Problem, um das sich andere kümmern müssten. Der erstere fall jedoch ist etwas ernstes. Die Frauenbeauftragten, die schon bei Witzen sexuelle Belästigung herbeiphantasieren, werden doch bei echten Fällen gar nciht mehr ernst genommen. mfg
1. Witz =/= "derbe Zote", von denen hier die Rede ist. 2. Über solche abgrundtief dämlichen Zoten sehen die meisten wohl hinweg, sonst gäbe es schlichtweg noch mehr Terror. Aber sich solche dummen Aussagen, in welchem Universum auch immer sie 'lustig' sein mögen, (Betonung auf) ständig anhören zu dürfen, geht auch gehörig auf die Nerven.
Nilgärtner 14.07.2013
5. Einseitig
Wie schön, dass die Autorin durchweg eine "geschlechtergerechte" Partizipialbildung benutzt - Studierende, Dozierende -, aber dennoch nur von "Stalkern" und "Belästigern" schreibt. Dass Sexismus ein unschönes Phänomen ist, dass nicht nur in eine Richtung geht, wird zwar in einem einzigen Satz erwähnt, aber angesichts der Länge des Artikels fällt das kaum auf. Etwas mehr Differenzierung wäre meines Erachtens angebracht. Außerdem glaube ich kaum, dass männliche Studierende keine Angst-Räume haben und noch weniger, dass weibliche Studierende, wenn sie im Kollektiv unterwegs sind, keine Zoten über Männer reißen. Ich finde den Artikel daher sexistisch, da er lediglich einseitige Stereotype kolportiert.
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