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17. März 2014, 09:04 Uhr

Sinnsuche vor dem Studium

Was war ich naiv

Kurz raus, das bunte Afrika genießen und ab an die Hochschule - das war Janna Lichters Plan. In Kenia lernte sie ehemalige Slumkinder kennen. Die Begegnung veränderte ihr Leben.

Seit einer Stunde liefen wir durch matschige Straßen mit Wellblechhütten. Davor saßen zwischen Büschen und Müllbergen Straßenkinder. Eliud und Mike von dem Projekt "Ukweli" zeigten mir ihr früheres Leben. Neugierig betrachteten die Straßenkids die Ausländerin, die von ernsthaft blickenden Schülern eskortiert wurde. Slumkinder, die nicht mehr so waren wie sie. Meine Kamera durfte ich immer nur kurz herausnehmen, um ein Bild zu machen. Dann packten meine Begleiter sie schnell wieder in den Rucksack.

Viele der Kids hielten sich eine Flasche Kleber vor die Nase. "Sie schnüffeln, um keinen Schmerz zu spüren", sagte Mike, 16 Jahre alt. Es ist noch nicht lang her, da saß auch er noch hier. "Tagsüber durchsuchst du den Müll nach Metall und Plastik, um es zu verkaufen." Nachts schlafe man dann im Müll. Er erzählt von seiner frühren Angst als Slumkind, von Beamten erwischt, verprügelt und verjagt zu werden.

Warum nicht Afrika?

Was war ich doch naiv. Kurz vor Beginn meines Studiums, im März 2013, wollte ich nur raus. Entscheidende Geschichten nicht nur lesen, sondern selbst erleben. Während meiner Ausbildung bei einer Internetagentur hatte ich mich um das Marketing für ehrenamtliche Projekte in Kenia gekümmert. Also warum nicht Afrika?

Ich hatte keine Ahnung, was mich erwarten würde. Eine Mischung aus Rucksack-Trip und Hilfsprojekte besuchen, so stellten meine Freundin Lena und ich uns das vor.

Es begann paradiesisch: In Sansibar, Tansania, erholten wir uns am Strand, dann eine Safari in der Serengeti: Löwen streiften an unserem Auto vorbei. Ich fotografierte wie verrückt - eine ganz normale Touristin eben.

Die Kamera war mein Schutz

Doch dann kam Nairobi in Kenia. Lena und ich hatten schon mehrere Hilfsprojekte besucht, waren in Krankenhäusern und Schulen. Viele Projekte wurden von Ordensbrüdern und -schwestern betreut, die nicht älter waren als wir. Die Kamera war mein wichtigster Schutz. Sie schaffte Distanz zwischen mir und der Welt, die ich dort kennen lernte. Noch brauchte ich sie - bis wir das "Ukweli"-Projekt besuchten.

Wir wollten nur einen Tag bleiben, am Ende wurden es vier Wochen. Im "Ukweli" unterrichten Ordensschwestern mehr als 30 Kinder. Die Jungs lernen kochen und wie man Lebensmittel anbaut. Sie lebten wie eine große Familie, die zusammenhält. Die Menschen lachten mehr als bei uns. Immer hieß es "karibu, karibu" - "Willkommen" auf Suaheli. Die mit Abstand wichtigste Weisheit, die wir hier lernten: "Haraka haraka, haina baraka" - "Eile hat keinen Segen."

Die Jungs gaben Lena und mir lokale Rezepte - etwa für Mandazi. Das sind kleine Teigstücke, die wir dann im Hof auf einen Ast spießten und sie in einen großen Topf auf offener Feuerstelle ins Fett hielten.

Ich veränderte mich durch die Erlebnisse und Gespräche mit den Jungs. Sie waren in Slums geboren, und hofften doch, dass es eine Zukunft für sie gibt und dass es sich lohnt, dafür zu kämpfen. Ich wollte Anteil nehmen an dem Leben hier. Den Schutz der Kamera brauchte ich jetzt nicht mehr.

Lena und ich wollten helfen. Auf unserem Reise-Blog sammelten wir Spenden - über 3000 Euro kamen von Freunden und Bekannten zusammen. Damit kauften wir 90 Hühner, eine Kuh und einen Stall - ganz im Sinne der Hilfe zur Selbsthilfe, das hatte ich begriffen. Am letzten Tag verabschiedeten mich die Jungs mit einem hart gekochten Ei, gelegt von einem unserer Hühner. "Als Kuchenersatz", sagten sie.

Mein Leben hat sich um 180 Grad gedreht

Zurück in Deutschland wollte ich über meine Erfahrungen sprechen, doch interessiert hat es die wenigsten. "Afrika?! Ich habe selbst genug Probleme", hieß es dann, "aber toll, was du da geleistet hast." Oder "Das sind fremde Menschen für mich, das ist zu weit weg."

Zuerst war ich frustriert, dann wurde ich schlagfertiger. Jetzt habe ich gute Argumente parat, warum ich mich für Menschen engagiere, die doch eigentlich so weit weg sind.

Seit Kenia haben sich meine Lebensziele um 180 Grad gedreht. Früher wollte ich in einer großen Werbeagentur arbeiten, viel Geld verdienen. Jetzt habe ich meinen Studentenjob in der Werbung geschmissen. Stattdessen arbeite ich als Mediengestalterin für einen Verein, der sich für Menschen in Armut engagiert. Ich denke nämlich, dass man auch im Kleinen Großes bewegen kann.


ICH MUSS HIER RAUS!

Ob in Kairo oder Kapstadt, Tokio oder Taipeh, Darwin oder Durban: In Afrika, Asien oder Ozeanien kommt man richtig weit weg aus dem alten Europa. Diese Studenten lernen und leben an Orten, vor denen manche Eltern schon immer gewarnt haben. mehr...


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