Skateboarden als Uni-Kurs Opa Titus bringt den Ollie bei

Grinden, sliden, flippen: An der Uni Münster steht seit diesem Semester Skaten auf dem Stundenplan für angehende Sportlehrer. Dozent ist der Skater-Senior Titus Dittmann, 62. Er findet: Weil Skateboarden für Erwachsene zu schwierig ist, bleibt es die perfekte Gegenkultur.

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Von Juliane Frisse


Skateboards donnern über die hölzernen Rampen, immer wieder schlägt ein Brett lautstark auf den Betonboden auf. Ein Typ in engen Jeans und bunt bedrucktem T-Shirt rast auf seinem Board in der Halle hin und her. Ein anderer übt Sprünge vom rollenden Untergrund. Der Absprung klappt schon problemlos, mit der Landung kämpft er noch.

Knapp 20 Studenten rollen durch den "Skater's Palace" in Münster - allerdings nicht nur zum Privatvergnügen. Die angehenden Lehrer lernen im Seminar "Skateboarden" an der Uni Münster, wie sie in Zukunft Schülern den Brettsport beibringen können. Zum Seminarbeginn heißt es: "einrollen". Was sie später unterrichten sollen, müssen sie schließlich auch selbst beherrschen.

Der Dozent, früher selbst Sportlehrer, ist eine Koryphäe der Skateboard-Kultur: Er beschäftigte sich schon vor über 30 Jahren in seiner Examensarbeit mit der Frage, wie man Skateboarden im Sportunterricht vermitteln könnte. Den inzwischen ergrauten Lehrer kennt man allerdings eher wegen unakademischer Verdienste: Titus Eberhard Dittmann, 62, gilt als Vater der deutschen Skateboard-Szene. Das nach ihm benannte kleine Titus-Imperium verkauft seit Jahrzehnten Bretter und passende Klamotten an die lässigen Sportler.

Auch seine eigene Marke erschuf der Skateboard-Papst und die trägt er noch immer selbst: Im Kapuzenpulli, mit Wollmütze, Skaterschuhen und Fünf-Tage-Bart steht er vor den Studenten und lässt dem ersten Block Skateboard-Praxis nun den theoretischen Seminarteil folgen.

Die Skater-Hiwis führen Anwesenheitsliste

Wahrscheinlich würde jeder andere kurz vor dem Rentenalter in diesem Aufzug überzogen berufsjugendlich wirken, Titus Dittmann nicht. Gerade hat er ein kurzes Skateboard-Video gezeigt, nun sollen die Teilnehmer zusammentragen, was Skateboarden als Jugendkultur ausmacht. Wild gestikulierend versucht er seine Studenten zum Antworten zu animieren, schließlich werden "Soziologische Aspekte des Skateboardens" auch Prüfungsthema sein.

"Freiheit und Unangepasstheit", sagt einer. "Skaten ist erwachseneninkompatibel", meint ein anderer. Titus schaut zufrieden und bestätigt: "Genau, kein Erwachsener wäre bereit, acht Stunden seines Tages dafür zu opfern, ein Treppengeländer immer wieder herunterzuschlittern und auf die Schnauze zu fallen!"

Die Studenten Gerrit Laeube und Frederik Kreutzer nennt Titus "meine geilen Hilfskräfte". Sie sollen aufpassen, dass Skate-Dozent Titus "keinen Müll redet", sagt der Meister selbst. Als er seine Schüler schon zurück in die Skater-Halle für die nächste Praxisrunde schicken will, erinnert ihn einer der beiden, dass Titus was vergessen hat: "Wir müssen noch die Anwesenheit kontrollieren." Darin unterscheidet sich Skateboarden an der Uni nicht von einer Statistikvorlesung: Auch hier müssen Klausuren geschrieben werden - und Leistungspunkte gibt es nur bei regelmäßigem Erscheinen.

Die Studenten müssen sich auch einer praktischen Prüfung stellen, in der sie zeigen sollen, dass sie ihr persönliches Leistungsniveau verbessert haben. "Niemand wird durchfallen, weil er noch keinen Ollie drauf hat", sagt Titus. "Aber eine gewisse Boardkontrolle erwarten wir schon."

In einer Ecke der Halle jagen die erfahrenen Skater die Rampen runter und probieren sich an spektakulären Stunts. In einer anderen Ecke haben sich die getroffen, die erst mit dem Beginn des Semesters vor fünf Wochen mit dem Skaten begonnen haben - und kurven durch einen Slalom-Parcours aus Plastikflaschen.

In der Nähe des Parcours steht Harry. Sein rechter Schuh ist schon ein bisschen ramponiert, vom Gleiten über die raue Oberfläche des Skateboards, er scheint also regelmäßig zu trainieren. Außerdem trägt er eine große Brille, was ihn pädagogisch erscheinen lässt.

"Skaten ist eine Ersatzreligion mit ein paar Dogmatikern"

Als Teenager stand Harry ständig auf dem Brett, aber irgendwann waren andere Dinge wichtiger: "Partys, Frauen, so was", sagt er. Er habe schon einiges verlernt seitdem. "Aber eigentlich ist Skaten wie Fahrradfahren. Das Gefühl fürs Brett bleibt."

Wenn er auf einen Anfänger trifft, ritzt er zuerst mit einer Münze eine kleine Markierung in dessen Brett. "Damit du vorne und hinten unterscheiden kannst." Dann: Füße parallel aufs Brett, locker in den Knien und bloß nicht nach hinten lehnen! "Klassischer Anfängerfehler", erklärt Harry.

Wäre Skateboarden so leicht zu lernen wie Inlineskaten, hätte es sich nie als Jugendkultur etabliert, erklärt Alt-Skater Titus. Dann hätten es Erwachsene längst ebenfalls für sich entdeckt. Doch weil Skaten so schwierig ist, konnte es immer auch ein Akt der Rebellion gegen die Erwachsenenwelt bleiben.

"Womöglich gibt es manchen in den Achtzigern steckengebliebenen Skater der ersten Generation, der es als Verrat empfindet, dass ich alter Sack die Gegenkultur Skateboarden jetzt in akademischen Strukturen institutionalisiere", meint Titus. "Skaten ist eben eine Art Ersatzreligion, da gibt es auch ein paar Dogmatiker." Die Studenten in seinem Seminar müssen noch viel üben, bis Titus ihnen die ersehnten Leistungspunkte gibt. Immerhin, das Vater Unser sitzt: geradeaus fahren, bremsen, richtig stehen habe die meisten schon drauf.



insgesamt 8 Beiträge
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ekel 24.11.2011
1. Gute Idee
Ich halte das für eine gute Idee. In Zeiten in denen es immer mehr übergewichtige Kinder gibt muss man zu neuen Mitteln greifen um dem entgegen zu wirken. Mit Skaten kriegt man die Kinder und Jugendlichen eher vom Fernseher weg als mit Hochsprung und Dauerlauf. Der Schulsport kann so entstaubt werden. Ich hoffe, dass diese Idee kein Einzelfall bleibt!
tobyrd72 24.11.2011
2. Die perfekte Gegenkultur..
für Jugendliche ist Breakdance. Dazu benötigt man keine teuren Skateboards. Es ist ebenfalls für Erwachsene kaum auszuführen, wobei das beim breaken wie beim skaten ehr daran liegt das die Verletzungsgefahr im Alter enorm steigt. Breakdance ist des weiteren als Gegenkultur glaubwürdiger weil die Kleidungsindustrie es nicht vereinamt hat. Ein kurzer Blick auf den Pulli von Mr. Titus reicht um zu verstehen was ich meine...
anomie 24.11.2011
3. Locker
Zitat von tobyrd72für Jugendliche ist Breakdance. Dazu benötigt man keine teuren Skateboards. Es ist ebenfalls für Erwachsene kaum auszuführen, wobei das beim breaken wie beim skaten ehr daran liegt das die Verletzungsgefahr im Alter enorm steigt. Breakdance ist des weiteren als Gegenkultur glaubwürdiger weil die Kleidungsindustrie es nicht vereinamt hat. Ein kurzer Blick auf den Pulli von Mr. Titus reicht um zu verstehen was ich meine...
Ja,ja, ist ja gut. Frag mich, was diese kleinlichkeit und besserwisserei immer soll. Nicht jeder mag breakdance, nicht jeder mag skateboards. Ist doch nicht schlimm, wenn es mehr als eine "gegenkultur" gibt, oder? Breakdance ist auch nicht weniger oder mehr industriell vereinnahmt als skateboarding, in no name klamotten dancen jedenfalls die wenigsten. Genaugenommen ist breakdancen in den 80ern groß gewesen und hat nun ein kleines revival. Skateboarding unterliegt da weniger modeschwankungen. Machen sie sich doch vielleicht einfach mal locker, und lassen sie jeden wie er will..
artbond 24.11.2011
4. hang loose title
skaten an der Uni... mit unterricht und Prof. fühlt sich für mich nicht richtig an. Ich bin son boarder aus der Epoche ende der 80er anfang der 90er als es in D den ersten Schub gab und die ersten Pipes und Parks gebaut wurden. Wir trafen uns locker auf der Straße haben fratzen gemacht und sind gefahren. Auch oder gerade weil unsere Eltern das Skaten für totale Zeitverschwendung gehalten haben. Wir haben uns mit den Klamotten, der Sprache und eben dem Skaten abgegrenzt, als Sport hat das keiner von uns gesehen. Sport hatte da noch was mit Leistung, vergleich und Zeiten nehmen zu tun. Skaten war nur zum Spass. Wenn ich mir vorstelle, wir hätten damals skaten in der schule gehabt und einen Lehrer mit Board gesehen, wir hätten kollektiv den Dorp-Down des Todes gemacht... Naja ich bin jetzt bestimmt seit 20 Jahren nicht mehr gefahren, aber ich fühle mit dem immer noch verbunden... das alte Santa Cruz Board mit den T-Bones liegt noch im Keller in einer, wie sollte es anders sein, Titus-Tasche ;-)
Willi Wacker 24.11.2011
5. ach was
Zitat von tobyrd72für Jugendliche ist Breakdance. Dazu benötigt man keine teuren Skateboards. Es ist ebenfalls für Erwachsene kaum auszuführen, wobei das beim breaken wie beim skaten ehr daran liegt das die Verletzungsgefahr im Alter enorm steigt. Breakdance ist des weiteren als Gegenkultur glaubwürdiger weil die Kleidungsindustrie es nicht vereinamt hat. Ein kurzer Blick auf den Pulli von Mr. Titus reicht um zu verstehen was ich meine...
Fünf Euro auf dem Flohmarkt is nich teur
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