Slackliner-Weltrekord "Mir hilft, dass ich kurzsichtig bin"

Zwei Felsen in China, ein 375 Meter langes Seil, um die 90 Meter Höhe: Unter Extrembedingungen stellte der Student Alexander Schulz, 23, einen Weltrekord im Slacklining auf. Warum er dafür elektronische Musik braucht, verrät er hier.

Ein Interview von Matthias Fiedler

One Inch Dreams

Er balancierte bereits zwischen zwei Ski-Gondeln, überquerte den Colorado River und kletterte nackt in den Alpen herum: Alexander Schulz studiert Wirtschaftsrecht in Innsbruck und ist einer der besten Slackliner der Welt. Am 19. November wagte sich der 23-Jährige in China an "ein Monster" - und bezwang es.

UniSPIEGEL: Was treibt einen dazu, in 90 Meter Höhe über ein gummiartiges Polyesterband zu balancieren?

Schulz: Die Sucht nach Grenzerfahrungen. Und ich wollte unbedingt den Weltrekord des Amerikaners Jerry Miszewski brechen, der vor Kurzem eine 305 Meter lange Highline gelaufen ist, ohne zu fallen. In China habe ich nun 375 Meter geschafft.

UniSPIEGEL: Hattest du keine Angst vorm Abstürzen?

Schulz: Mit solchen Gedanken halte ich mich nicht auf, sonst könnte ich meinen Sport nicht machen. Außerdem bin ich immer an einer Sicherheitsvorrichtung eingehakt, die an der Slackline befestigt ist. Darauf würde ich auch nie verzichten, so wie es einige Kollegen zumindest in niedrigeren Höhen für den größeren Kick tun.

UniSPIEGEL: Viele Menschen werden trotzdem panisch, wenn sie dir nur zusehen. Die Höhen, in denen du läufst, sind schwindelerregend.

Schulz: Höhenangst ist mir völlig fremd. Allerdings hilft mir auch, dass ich kurzsichtig bin. Schluchten wirken auf mich kaum bedrohlich, eher verschwommen. Mich plagen andere Ängste.

UniSPIEGEL: Welche?

Schulz: Versagensängste. In China war das besonders schlimm. Als ich das erste Mal am Abgrund stand und zum gegenüberliegenden Kalkfelsen schaute, dachte ich: Diese Slackline ist ein Monster, die ist viel zu lang, viel zu schwer, die schaffst du niemals.

UniSPIEGEL: Was hast du dagegen getan?

Schulz: Ich habe versucht, mich mental zu entspannen, negative Gedanken auszublenden. Yoga und Atemübungen helfen mir dabei. Wenn du es schaffst, deinen Kopf zu kontrollieren, kontrollierst du deine Angst. Dazu gehört auch, Fehler zu akzeptieren. So schrumpft die Furcht vor Fehltritten automatisch.

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Alexander Schulz' Slackline-Rekord: Seine Sucht, seine Angst
UniSPIEGEL: Vor dem Rekordversuch in China lag deine Bestleistung auf einer Highline, die in vielen Metern über dem Boden gespannt ist, bei 140 Metern. Was war das Schwierigste daran, eine Strecke zu laufen, die mehr als zweieinhalbmal so lang ist?

Schulz: Eine Slackline dieser Länge schwingt viel stärker als ein kürzeres Band. Diese Schwingungen rollen wie Wellen auf dich zu. Verpasst du es, deinen Körper im richtigen Moment anzuspannen, werfen sie dich vom Band.

UniSPIEGEL: Wie gelingt es dir, diesen Wellen zu widerstehen?

Schulz: Mit elektronischer Musik. Ich höre beim Laufen immer Songs, deren Beats zur Schwingung der Slackline passen. Das hilft, im Takt zu bleiben. Trotzdem musste ich in China drei Tage üben und mich Stück für Stück vortasten. Erst 80 Meter, dann bis zur Mitte und später bis fast zum Ende. Als es mir am dritten Tag gelungen ist, die halbe Strecke zu gehen und dabei nur einmal zu fallen, wusste ich, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis ich dieses Ungetüm bezwinge. Es war schwer, aber um ehrlich zu sein, waren die Vorbereitungen zum Rekordversuch fast schwerer.

UniSPIEGEL: Es muss aufwendig sein, eine 375 Meter lange Slackline zwischen zwei Felsen zu spannen.

Schulz: Allerdings. Zunächst musste sich unser Team mit Macheten drei Tage vom Fuß des ersten Kalkfelsens durch den Dschungel zu einem Dorf schlagen und ein vier Millimeter dünnes Kunststoffseil durchs Dickicht legen. Dann haben wir diese Schnur an einer ferngesteuerten Drohne befestigt und über Straßen und Stromleitungen auf den zweiten Kalkfelsen geflogen und dort angebracht. Zum Schluss konnten wir die Slackline entlang dieser Verbindung per Hand und durch Flaschenzüge von Felsen zu Felsen ziehen.

UniSPIEGEL: Und das hat alles reibungslos funktioniert?

Schulz: Einmal ist uns die Drohne abgestürzt und der Propeller kaputtgegangen. Zum Glück haben wir schnell ein Ersatzteil bekommen. Als wir die Slackline an der Schnur später von Felsen zu Felsen ziehen wollten, hat sie sich im Bambuswald verfangen. Mithilfe der Drohne konnten wir sie zwar befreien, aber das hat uns mehrere Stunden gekostet. Insgesamt haben wir allein für den Aufbau der Highline sechs Tage gebraucht.

UniSPIEGEL: Die chinesischen Behörden hatten offensichtlich kein Problem mit eurer Aktion.

Schulz: Wir hatten eine Einladung zu einem Slackliner-Treffen in China, und der Veranstalter hat unseren Rekordversuch bei der Lokalregierung durchgesetzt. Die war von unserem Besuch nun so begeistert, dass sie uns für das gleiche Event im kommenden Jahr eingeladen hat, inklusive Flug, Unterkunft und Verpflegung.

UniSPIEGEL: Wie wurde dein Rekordlauf in der Szene aufgenommen?

Schulz: Mit viel Respekt. Für eine Filmdokumentation über das Projekt konnten wir dadurch sogar einen bekannten Musikkünstler gewinnen. Wer das ist, bleibt aber noch geheim.

UniSPIEGEL: Du hast den Lauf in China gemeistert, bist erfolgreich über eine Slackline überm Colorado River und das Helgoländer Hafenbecken gelaufen. Gab es nie eine Situation, in der du aufgeben wolltest?

Schulz: Eigentlich nicht. Obwohl mir da gerade so eine Sache auf einem stillgelegten Kühlturm in Belgien einfällt. Als ich dort eine Highline spannen wollte, habe ich mich oben auf dem Rand nicht getraut aufzustehen, um über einen Blitzableiter zu steigen. Ich war nicht gesichert, die Oberfläche zu schräg und die Angst, aus 60 Metern abzustürzen, zu groß. Ich wollte schon abbrechen, aber dann fand ich heraus, dass sich der Blitzableiter umbiegen lässt. Darüberzusteigen wäre also ein unnötiges Risiko gewesen.

UniSPIEGEL: Ist es eigentlich immer legal, was du tust?

Schulz: Ich würde sagen, am Rande der Legalität. Solche Sachen wie die auf dem Kühlturm haben immer ihren Reiz, und sie müssen noch besser geplant werden als andere Läufe. Aber wir sind ein Team von zehn Mann und denken über alles genau nach. Den Ausflug auf den Kühlturm hatten wir sieben Nächte im Dunkeln vorbereitet, im Hellen hätte man uns verscheucht. Wir mussten Zimmermannsnägel in die Turmwände schlagen, damit ich nach oben klettern konnte.

UniSPIEGEL: Ein Wachdienst ist dir nicht in die Quere gekommen?

Schulz: Es gab einen, aber wir sind immer geschickt um ihn herumgeschlichen. Bei einem anderen Projekt, auf einem Ölturm in einer stillgelegten Raffinerie in Ingolstadt, hat uns einer erwischt. Doch da waren wir längst fertig. Unsere Erkenntnis: Wachmänner schauen fast nie nach oben.

UniSPIEGEL: Es gab auch einige etwas verrückte und schräge Läufe in deiner Slackliner-Karriere. Du bist zum Beispiel schon einmal mitten im Winter nackt gelaufen und an der Zugspitze zwischen zwei Gondeln eines Skiliftes balanciert. Gehen dir langsam die Ideen für weitere Herausforderungen aus?

Schulz: Ach, was. Wir haben noch genügend Pläne für ausgefallene Projekte. Wenn zum Beispiel der Ätna auf Sizilien in der nächsten Zeit ausbricht, würden wir sofort hinfahren. Über brodelnde Lava zu laufen - das wäre für mich der ultimative Nervenkitzel.

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
WwdW 10.12.2014
1. über brodelnde Lava
Das sollte er sich nochmals gut, sehr gut überlegen. Auswirkung der aufsteigenden Hitze auf die Slackline, giftige Dämpfe und selbst wenn die Slackline die Hitze aushält, wie reagiert die Slackline auf den Sicherungskarabiner, wenn sie eh schon aufgeheizt ist?
napu 10.12.2014
2. Tolle Leistung!
Nicht nur das Slacklinern, sondern auch das was dahinter steht. Auch das Team, das man nicht in der Öffentlichkeit sieht vollbringt eine tolle Leistung. Als Student habe ich im Schornsteinbau gearbeitet und mir damit mein Studium verdient. Ich bin auf die höchsten Industrieschornsteine Europas geklettert, oder auch auf Masten und Schornsteine auf Hochhausdächern. Ich habe etwas Höhenangst. Aber nach dem ersten Arbeitstag verschwand sie, es blieb aber ein gehöriger Respekt vor der Höhe, und den braucht man, damit man nicht zu leichtsinnig wird. Wir hatten damals immer sehr hohen Zeitdruck. Und man hantiert in der Höhe mit schwerem Werkzeug, wie elektrischen Drehmomentschlüsseln für die Bolzen, mit denen zwei 50 m lange Schornsteinstücke verschraubt werden. Bei Reparaturen auch mit schweren Trennschleifern und Schweißmaschinen. Wenn kein Kran zur Verfügung stand, musste ich immer als erster hoch. Ich bekam ein Seil und den Flaschenzug und schonmal einen Eimer mit Werkzeug und Material umgebunden und schleppte zusätzlich noch 30 kg mit nach oben. Diese Arbeit wird heute noch von hunderten Leuten in Deutschland gemacht. Auch wenn die Presse nicht darüber berichtet, ist es auch eine tolle Leistung, die heute aber nur noch gering geschätzt und schlecht entlohnt wird.
soziologe 10.12.2014
3.
tut mir leid, ich finde diese Slackline Rekorde superlangweilig. Die Tatsache, dass dafür ziemlich großer finanzieller und personeller Aufwand betrieben wird macht es nicht besser. Irgendwann läuft dann jemand 3km weit auf einem Spanngurt über irgendwas. Einfach so. Zum Spaß. gäääähn.
Axel Schön 10.12.2014
4. langweilig? sind immer die, die im sessel sitzen und klug rumpuspen..
..lieber "soziologe". Haste mal versucht auf so ´ner Line zu stehen? Mach doch mal! Und dann hau noch mal ´n dummen Spruch raus! Es ist eine Herausforderung, viel umfassender als manch anderer Sport - und allemal interessanter als Fussball - 22 Leute und ein Ball... Ich mache das seit 3 Jahren und kann nur sagen, es ist ein Super Sport und trainiert Körper UND Geist - weil sehr meditativ in der besonderen Art der Konzentration, die dafür erforderlich ist.
Le Commissaire 10.12.2014
5.
Zitat von Axel Schön..lieber "soziologe". Haste mal versucht auf so ´ner Line zu stehen? Mach doch mal! Und dann hau noch mal ´n dummen Spruch raus! Es ist eine Herausforderung, viel umfassender als manch anderer Sport - und allemal interessanter als Fussball - 22 Leute und ein Ball... Ich mache das seit 3 Jahren und kann nur sagen, es ist ein Super Sport und trainiert Körper UND Geist - weil sehr meditativ in der besonderen Art der Konzentration, die dafür erforderlich ist.
Körper und Geist wird auch durch Yoga trainiert, ohne dass wir einem jungen Kerl dabei zuschauen würden, wie er einen Rekord im Daueryoga aufstellt. Ich habe den größten Respekt vor Free Solo-Kletterern die ohne jede Sicherung Felsen oder Hochhäuser raufklettern. Über Leute, die mit Sicherung über ein Seil laufen, muss nicht berichtet werden.
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