Sofa-Studium Seminar im Schlafanzug

Lernen via Internet sollte die Hochschulen revolutionieren, doch der prophezeite Umsturz blieb aus. Das virtuelle Studium macht Uni für die möglich, die eigentlich keine Zeit für einen Abschluss hätten. Und: Wer Web-Vorlesungen mit klassischem Campusstudium kombiniert, lernt besser.

Von


Es ist der magische Moment, wenn Aline Winkler Job und Haushalt hinter sich gelassen hat, wenn ihr Phil friedlich in seinem Bettchen schläft. Dann kann sie endlich zur Uni gehen. Sie hockt sich aufs Sofa.

Winkler nimmt ihren Laptop auf den Schoß, setzt sich Kopfhörer auf und loggt sich ein. Die 24-Jährige studiert Wirtschaftsingenieurwesen an der Fachhochschule Lübeck. Sie könnte Vorlesungen auch besuchen, während diese stattfinden. Doch dafür hat sie keine Zeit. Deswegen studiert sie online.

Winklers Lernstoff kommt nicht nur aus der Konserve. Es gibt Momente des Miteinanders, Gespräche in Echtzeit. Am Mittwochabend beispielsweise wartet ihr BWL-Dozent im virtuellen Klassenzimmer auf sie und ihre Kommilitonen. Punkt 21 Uhr erscheint sein Gesicht auf dem Bildschirm, seine Webcam läuft, nach und nach trudeln die Studenten im Chat ein. Einige kommen pünktlich, andere gar nicht, wie im realen Seminar. Aline Winkler ist nur per Mikrofon und Lautsprecher zugeschaltet. Keine Kamera. "Ich will nicht, dass die anderen sehen, wie ich hier sitze", sagt sie. Sie sitzt da in der Jogginghose - und manchmal auch im Schlafanzug.

Mangels Geld und Personal musste die Revolution ausfallen

Vor ein paar Jahren noch, in der ersten Phase der Interneteuphorie, galten Studenten wie Aline Winkler als Akademiker der Zukunft. Die Bertelsmann Stiftung prophezeite, bis 2005 werde mindestens jeder zweite Student online die Uni durchlaufen.

Mittlerweile sehen die Experten die Sache nüchterner. "E-Learning ist heute nicht das, was wir uns einmal vorgestellt haben", sagt Rolf Schulmeister, Professor an der Uni Hamburg und Mitherausgeber einer Zeitschrift für E-Learning. "Der Hochschulalltag hat sich dadurch bislang kaum verändert. Die Professoren stellen ihre PDFs online, die Studenten laden ihren Kram hoch - als E-Learning würde ich das nicht bezeichnen." E-Learning fängt für ihn dort an, wo mit interaktiven Materialien gearbeitet wird, wo sich Studenten wie Aline Winkler und Dozenten in virtuellen Hörsälen treffen. Das sei aber aufwendig. Auch das Seminar im Internet muss erarbeitet und gepflegt werden, und auch Online-Studenten brauchen Betreuung. Doch dafür fehle es häufig an Personal, Zeit und Geld.

Mehr als 300 Millionen Euro haben Bund und Länder in den vergangenen zehn Jahren investiert, die Hälfte der geförderten Projekte gibt es jedoch nicht mehr. Die große Revolution ist ausgeblieben, nun werkeln einige Hochschulen auf eigene Faust weiter, manche durchaus erfolgreich.

An den echten Unitagen findet Aline heraus, mit wem sie da eigentlich chattet

Samstagmorgen, kurz nach 9 Uhr. Aline Winklers Schritte hallen durch die Lobby der Fachhochschule Lübeck, es ist dunkel hier, ein einzelner Kommilitone kommt ihr entgegen. Unter der Woche tummeln sich hier die Studenten, sie trinken Kaffee, reden, brüten über ihren Büchern. Dieses Bild kennt Aline Winkler gar nicht; für sie ist die FH ein Ort der Stille.

Die Seminare, bei denen die Onliner einander in Fleisch und Blut begegnen können, finden meist am Wochenende statt. "Präsenzveranstaltungen" heißen die realen Rendezvous, in Abgrenzung zu den Treffen im Internet. Nicht alle sind verpflichtend, Aline Winkler geht trotzdem immer hin. "So weiß ich wenigstens, mit wem ich im Chat rede", sagt sie. Außerdem will sie bisweilen ihrem Dozenten direkt eine Frage stellen, das geht schneller als per E-Mail. Pro Kurs treffen sich die Studenten zweimal im Semester zu einer Veranstaltung mit dem Dozenten. "Blended Learning", gemischtes Lernen, nennt sich diese Kombination aus Online- und Präsenzveranstaltungen.

Wenn Aline Winkler nicht online studieren könnte, würde sie gar nicht studieren. Sie arbeitet 40 Stunden pro Woche als Kundenberaterin bei einer Bank, ihr Sohn Phil ist drei, von dessen Vater ist sie getrennt. Winkler ist mit der Fachhochschulreife vom Gymnasium abgegangen, sie hatte damals eine Durchschnittsnote von 1,8 und keine Lust mehr auf Schule. Sie machte eine Lehre zur Bankkauffrau. Später in der Elternzeit holte sie das Abitur nach. Jetzt will sie studieren, auch mit Kind: "Ich habe bisher alles geschafft, was ich mir vorgenommen habe."

Arbeiten, ein Kind erziehen und in abends in die Cyber-Uni

2007 hatte sich Aline schon einmal an der Universität Kiel eingeschrieben, aufgetaucht ist sie dort nie, weil sie nicht wusste, wie sie beides, Studium und das Leben mit einem Kind, finanzieren sollte.

Dann hörte sie von der "Virtuellen Fachhochschule". Unter dem Markennamen Oncampus haben sich sieben Hochschulen in verschiedenen Bundesländern zusammengeschlossen. Rund 500 Euro pro Semester muss Winkler fürs elektronische Studium bezahlen. Wenn alles gutgeht, wird sie mit einem anerkannten Bachelor abschließen, vielleicht macht sie noch einen Master. Besonders Alleinerziehende oder berufstätige Studenten wie Aline Winkler profitieren von der freien Zeiteinteilung, auch Behinderte.

In der Präsenzveranstaltung am Samstag sitzen 24 Studenten, darunter 7 Frauen. Die meisten arbeiten neben dem Studium Vollzeit, der älteste ist 45 Jahre alt, der jüngste 18. BWL-Professor Ulf Timm arbeitet bereits im fünften Semester als Online-Dozent, er unterrichtet aber auch am herkömmlichen Katheder. Er lobt seine Feierabend-Eleven, sie seien motiviert: Ein Onliner studiere nicht, weil das halt irgendwie zum Leben dazugehöre, sondern weil er es wolle.

Es gibt sie, fossile Professoren ohne E-Mail

"Hatten Sie technische Probleme, als Sie die Aufgaben einreichen wollten?", fragt Timm seine Studenten. "Ich habe in Moodle kein Tool gefunden, um die Aufgaben hochzuladen. Deswegen habe ich sie als Anhang geschickt", antwortet einer. Oncampus arbeitet mit der Lernsoftware Moodle, einige Dozenten favorisieren aber die klassische E-Mail - und manchen ist selbst die suspekt: Es gibt sie tatsächlich, jene Fossilien unter den Professoren, die sich die Aufgaben per Post zuschicken lassen.

Selbst die Studenten zeigen sich skeptisch gegenüber der Technik. In einer Studie des Hochschul-Informationssystems aus dem Jahr 2008 sagten nur 43 Prozent der Befragten, dass sie Lernplattformen wie Moodle für nützlich halten.

Das ist letztendlich die Frage: Lernt es sich mit elektronischen Medien so gut wie von Angesicht zu Angesicht im Hörsaal? Der Arzt und Medizindidaktiker Thomas Brendel, 30, hat in seiner Dissertation den Lernerfolg mit Podcasts von aufgezeichneten Lehrveranstaltungen erforscht. Er begleitete rund 230 Medizinstudenten über ein Semester hinweg, einige von ihnen besuchten die Vorlesung, einige verfolgten sie per Podcast, einige kombinierten beides.

Ergebnis: Diejenigen, die nur auf die Vorlesung gesetzt, und diejenigen, die nur Podcasts angeschaut hatten, kamen bei der Klausur zu ähnlichen Ergebnissen. Jene Studenten aber, die beides nutzten, schnitten deutlich besser ab. E-Learning ergänze also die klassische Lehre, sie ersetze sie nicht, sagt Thomas Brendel. "Wir wollen keinen isolierten Studenten, der zu Hause allein vor dem Computer sitzt und studiert."

Für Studenten wie Aline Winkler geht es nicht anders. Sie sieht ihr Studium nicht als besondere Phase im Leben, die sie auskosten will, sondern schlicht als Weiterbildung. Nicht das Studium bestimmt ihr Leben, sondern ihre Arbeit und vor allem ihr Sohn. "Phil steht bei mir an allererster Stelle, ich plane alles um ihn herum", sagt sie.

Wer die Wahl hat, zieht ein Campusstudium vor, da gibt's Lerngruppen, Kaffeepausen, Partys. Dass die Zeit in der Hochschule auch der Charakterbildung dient, wusste schon vor 200 Jahren Wilhelm von Humboldt: "Das Kollegienhören ist Nebensache, das Wesentliche ist, dass man in enger Gemeinschaft mit Gleichgestimmten und Gleichaltrigen lebe."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
tomtom72 18.03.2010
1. sofatutor.com
Zitat von sysopLernen via Internet sollte die Hochschulen revolutionieren, doch der prophezeite Umsturz blieb aus. Das virtuelle Studium macht Uni für die möglich, die eigentlich keine Zeit für einen Abschluss hätten. Und: Wer Web-Vorlesungen mit klassischem Campusstudium kombiniert, lernt besser. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,677560,00.html
www.sofatutor.com ist ein E-Learning-Projekt, dass kein Geld aus diesen Förderungen gesehen hat und sich seit Start im letzten Jahr kontinuierlich entwickelt. Die Video-Lernplattform praktiziert, wovon E-Learning-Experten träumen: vielen Menschen die Erstellung digitaler Lern-Inhalte ermöglichen und der Community an Nutzern den gemeinsamen Austausch zu Inhalten in Foren, Gruppen und Kommentaren ermöglichen. Jeder kann Videos, in denen Stoff aus Schule oder Studium erklärt wird, auf sofatutor.com veröffentlichen und anderen Lernenden zur Verfügung stellen. Somit wird Bildung von Institutionen wie Schule und Uni gekoppelt, denn nicht nur Lehrer oder Dozenten dürfen ihr Wissen vermitteln. Bildung in tausenden Videos ist so jederzeit für jeden verfügbar - auch für die, die auf keine gute Schule gehen und sich keine teuren Nachhilfestunden leisten können.
saul7 18.03.2010
2. ++
Zitat von sysopLernen via Internet sollte die Hochschulen revolutionieren, doch der prophezeite Umsturz blieb aus. Das virtuelle Studium macht Uni für die möglich, die eigentlich keine Zeit für einen Abschluss hätten. Und: Wer Web-Vorlesungen mit klassischem Campusstudium kombiniert, lernt besser. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,677560,00.html
Ist eigentlich keine gute Idee, so ein Sofa-Studium. Man wird doch viel zu oft abgelenkt...;-))
Schemiker 18.03.2010
3. Vorteile zusätzlicher Inhalte online
Es ist nicht überraschend, dass sich das OnlineStudium nicht durchgesetzt. In Fällen wo dies, wie hier beschreiben, nicht unbedingt nötig ist, ist als Student idR das direkte im Hörsaal sitzen mit anderen studierenden vorzuziehen und Studien wie Chemie mit Laborpraktika machen die Anwesenheit an der Uni sowieso unumgänglich. Dennoch können die neuen Medien sehr gut für zusätzliche und ergänzende Inhalte genutzt werden. Hier in Marburg ist letztens Jahr in der Chemie ein Videoprojekt gestartet http://www.chymiatrie.de/ Die Videos behandeln zwar idR keine direkt prüfungsrelevanten Fragestellungen, aber bieten eine Möglichkeit sich entsprechend eigener Interessen weitere Informationen zu bestimmten Themengebieten zu verschaffen. Zusätzlich wurde damit begonnen besondere Vortragsveranstaltung wie die Marburger "Lange Nacht der Chemie" aufzuzeichnen und über dem Internet einem größeren Publikum zugänglich zu machen und auch zu konservieren. Ich persönliche halte ein solches, zusätzliches Lehrangebot sinnvoller (außer wie gesagt in besonderen Fällen) als die Verlagerung von Hörsaal in die eigenen 4 Wände.
benedikt89 03.04.2010
4. 300 Millionen Euro :-D
wo die 300 Millionen Euro hingekommen sind, ist in der Tat ein Rätsel... es gab unzählige Projekte bezüglich Videolehre, interaktiver Online-Tutorien oder studentische Freiwilligen-Projekte wie knowledgebay.com - mindestens die in dem ARtikel genannten 50 % sind tot. Was geblieben sind, sind Verwaltungssysteme wie Illias oder Klips. Quelle: HIS GmbH (Unternehmen hinter Ilias etc.) (http://www.his.de/publikation/hochschulplanung/in_hp165) Und ambitionierte, studentische Start-ups, wie sofatutor, oder der Klausurstoff-Marktplatz unidog.de (http://www.unidog.de) für Mitschriften (http://www.unidog.de), Lösungsskizzen (http://www.unidog.de), Hausarbeiten (http://www.unidog.de) etc.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.