Sommerkurse in Cambridge Pubertierende aller Länder, vereinigt euch

Die britische Nobel-Uni Cambridge vermietet im Sommer noch das letzte Bett an Jugendliche aus aller Welt. Sie bescheren der Stadt und privaten Summer Schools blendende Geschäfte. Oft hat das mehr mit Rundum-Bespaßung reicher amerikanischer Kids zu tun als mit Bildung.

Von Benedikt Mandl, Cambridge


Gruppenbild mit Bobby: Immer freundlich bleiben
Benedikt Mandl

Gruppenbild mit Bobby: Immer freundlich bleiben

Die Universität dominiert das Straßenbild von Cambridge mit ihren 31 mächtigen Colleges und gut 17.000 Studenten, die sich benehmen, als würde die Stadt ihnen allein gehören: In wilden Stampeden ziehen sie auf ihren Fahrrädern durch die mittelalterlichen Gassen wie Gnus durch die Serengeti, ohne Rücksicht auf Fußgänger und schon gar nicht auf das eigene Wohlergehen. So sieht es während der Vorlesungszeiten aus. Im Sommer aber, wenn zumindest die Undergraduates Cambridge verlassen haben, dann sollte eigentlich das gesamte Stadtzentrum mucksmäuschenstill des Herbstes harren. Oder?

Von wegen. Wer dieser Tage durch Cambridge geht, kann sich eindrucksvoll vom Gegenteil überzeugen: Die ganze Stadt schäumt über, Straßen sind verstopft, der Markt erinnert an einen orientalischen Bazar. Das liegt nicht nur an den Touristen. Es ist auch die Hochsaison der "Summer Schools". Zahlreiche private Bildungseinrichtungen veranstalten im Dunstkreis der Elite-Hochschule Sommerkurse, vornehmlich für Teenager zwischen 16 und 19 Jahren. Die Colleges vermieten dafür ihre Räume und kontrollieren nicht, was die Summer Schools tatsächlich anbieten.

Mythos Cambridge verkauft sich gut

Das spült Jugendliche aus aller Welt zu Tausenden nach Cambridge. Wer jetzt beim Supermarkt um die Ecke einkaufen will, braucht wegen der langen Schlangen amerikanischer Schüler doppelt so lange wie gewöhnlich. Dafür wird man aber mit lautstarkem "Oh my god!" und "It's like - kinda cool, y'know?" als Hintergrundmusik belohnt.

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Cambridge-Schnappschuss: Bildungskirmes für reiche Amis

Sprachkurse für Italiener, Wirtschaftsrecht und Business-English für Chinesen, allgemeines Edutainment für die besonders stark vertretenen Amerikaner: Pubertierende aller Länder, vereinigt euch! Die Schulen sind sehr unterschiedlich ausgerichtet - von der "Byron School", einem Familienbetrieb mit Unterricht im privaten Wohnhaus, bis zur international agierenden "Oxbridge Academic"-Sommerschule aus den USA, die auf ihrer Homepage großspurig darauf hinweist, dass man im angesehenen "Jesus College" residiert.

Wo Bildung zum Handelsgut wird, da bleiben eben keine Wünsche offen. Eines haben aber alle Schulen gemeinsam: Sie verdienen am Mythos Cambridge, am Glanz und Geist, der durch die heiligen Hallen der Gelehrsamkeit wabert. Und sie verdienen gut damit.

Die Summer School als Quengelware

Für die zumeist drei bis vierwöchigen Kurse werden je nach Schule zwischen 4000 und 6000 Dollar fällig - nur für Kursgebühren und Unterkunft mit Halbpension. Ausflüge und Sonderwünsche kosten extra. "Wenn man die Kursdauer auf ein Studienjahr hoch rechnet, dann sind sogar die meisten MBAs billiger", schimpft eine Studentin, die vor geraumer Zeit vier Wochen lang für eine amerikanische Summer School unterrichtet hat und lieber anonym bleiben möchte. Sie ist "Gates Scholar", erhält also eines der Stipendien, die 2001 vom Microsoft-Gründer Bill Gates gestiftet wurden. Deshalb hat sie wohl auch den Job als Aushilfslehrerin bekommen.

Der Schule, meint die Studentin, gehe es vor allem um eines: ums Prestige. Sie rekrutiert vorzeigbare Studenten mit "Honory Scholarships", also bekannten und angesehenen Stipendien, mietet Unterkünfte in berühmten Colleges in Cambridge, Oxford und Paris und präsentiert sich am amerikanischen Bildungsmarkt wie ein Programm zur Begabtenförderung. "Tatsächlich aber sind die meisten Schüler dumm wie Stroh!", grollt die verprellte Aushilfslehrerin, "verwöhnte Kinder reicher Eltern, unmotiviert, uninteressiert und ungehobelt."

Den "Lehrern", meist selbst noch Studenten, sei das auch schon am ersten Tag klar gemacht worden: "Unsere Kurse müssen vor allem Spaß machen. Die Kids sollen heim in die USA fahren und ihre Eltern anbetteln, nächstes Jahr noch mal kommen zu dürfen", habe es bei der Einführung geheißen - die Summer School als Quengelware. Gelernt hätten die Schüler dann auch praktisch nichts in den vier Wochen.

Touch der Nobel-Uni schindet Eindruck

Und trotzdem scheint jeder am Spiel mit den Summer Schools zu gewinnen: Die Schüler haben Spaß und viel bessere Chancen für eine Aufnahme, wenn sie sich in zwei Jahren an einer Universität bewerben. Denn der Touch einer europäischen Eliteuni im Lebenslauf schindet eben Eindruck, egal wieviel man dabei wirklich gelernt hat. Und die Schulen verdienen gutes Geld durch die Kursgebühren, die Colleges durch Kost und Logis. Ebenso profitieren die Tourismusindustrie von Cambridge und auch die Aushilfslehrer: Etwa 1000 Dollar verdient man als unterrichtender Babysitter - pro Woche.

"Reach Cambridge"-Schülerin: "Sie lieben die Museen hier"
Kyra Cambell

"Reach Cambridge"-Schülerin: "Sie lieben die Museen hier"

Die Kurse tragen vielversprechende Namen wie "The Cambridge Experience" oder "Cambridge Tradition" und laufen zumeist nach dem gleichen Schema ab: Nach dem Gemeinschaftsfrühstück gibt es zwei bis drei Stunden lang Unterricht bis zum Mittagessen, am Nachmittag drückt man entweder noch mal zwei Stunden lang die Schulbank oder nimmt ein Projekt in Angriff. Das können Gruppenarbeiten sein oder auch Exkursionen.

Für den späten Nachmittag werden Sportprogramme angeboten, und nach dem Abendessen kommt Pfadfinderlager-Stimmung auf, wenn die dann oft schon etwas genervten "Lehrer" ihre Schützlinge bis 23 Uhr mit diversen Spielchen unterhalten. Dabei müssen sie stets auf Feiern ohne Bier und Schnaps pochen: Alkohol gilt vor allem bei den amerikanischen Schulen als Grund für einen sofortigen Rausschmiss. Kostenrückerstattung ausgeschlossen.

"Die sind wie meine neuen besten Freunde!", strahlt Kyra Campbell. Die Biologin unterrichtet fünf Abiturienten aus Singapur in Naturwissenschaften, und die sind ihr nach nur einer Woche schon sehr ans Herz gewachsen. Und manchmal bietet die Bildungsindustrie im sommerlichen Cambridge tatsächlich mehr als nur einen Jahrmarkt für Teenager.

Kurse für jeden Geschmack

Kyra Campbells Arbeitgeber ist die Schule "Reach Cambridge". Sie befindet sich noch im Aufbau und wird von jungen Cambridge-Absolventen betrieben. Ziel ist es, maßgeschneiderte Kurse speziell für Mittelschulen aus aller Welt anzubieten - etwa mit einem Schwerpunkt bei den Naturwissenschaften.

Die fünf Asiaten des laufenden Programms stehen hinter einer Vitrine im zoologischen Museum und betrachten ehrfürchtig ein paar eingelegte Fische, die Charles Darwin einst gesammelt hat. "Sie lieben die Museen hier und sind den ganzen Tag mit Feuereifer bei der Sache", erzählt Campbell. Die horrenden Kursgebühren von 4300 Dollar zahlt den Teilnehmern denn auch ihre Schule in Singapur: Sie haben einen Wettbewerb gewonnen und wurden als jahrgangsbeste Naturwissenschaftler für den Kurs nach Cambridge geschickt. Drei Wochen lang besuchen sie jetzt Vorlesungen, Museen und treffen Studenten und Forscher der Universität.

Kurse mit Tiefgang werden auch direkt von der Universität angeboten, teilweise für sozial benachteiligte Schüler. Lehrer arbeiten oft freiwillig bei karitativen Sommerprogrammen, verdienen dann nichts - und haben trotzdem oft mehr Spaß als Lehrer kommerzieller Schulen. Studenten aus aller Welt belegen die Computerkurse der Universität oder lernen fachspezifisches Englisch. Aber auch Kunstgeschichte, Naturwissenschaften oder Philosophie werden für Wissbegierige aller Altersklassen angeboten. Wirklich Interessierte sind insgesamt vielleicht sogar eher die Regel - das typische Erscheinungsbild der Summer-School-Studenten prägen in Cambridge aber dennoch die lautstarken Ausnahmen.

Und auch am nächsten Wochenende wird Cambridge wieder in einem Meer bildungsurlaubender Teenager versinken. Meist einheitlich in T-Shirts der jeweiligen Schule gesteckt ziehen sie mit ihren Betreuern durch die Stadt. Sie stochern aus den "Punts" genannten Langbooten im Fluss herum. Und sie schreien viel und ohrenbetäubend, bis auch dem letzten der im Sommer anwesenden Graduate Students der Stoßseufzer entfleucht: WIE LANGE NOCH BIS OKTOBER?



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