Sozialerhebung So leben, lernen, lieben Studenten in Deutschland

Was sind die Lieblingsfächer? Wie viel jobben sie? Leben sie in einer festen Beziehung? Das Studentenwerk hat Deutschlands Studierende in der 21. Sozialerhebung vermessen.

Studenten vor dem Audimax der Uni Hamburg
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Studenten vor dem Audimax der Uni Hamburg


Studenten schlafen lange, trinken viel und sind ständig am Feiern: Mit diesem Vorurteil hat das Deutsche Studentenwerk unter Studierenden für die Teilnahme am 21. Sozialbericht geworben. Jetzt liegen die Ergebnisse der 2016 durchgeführten repräsentativen Onlineerhebung unter rund 60.000 Studierenden an 248 Hochschulen vor - sie liefern Fakten statt Stereotype.

Der Durchschnittsstudent ist demnach 24,7 Jahre alt, unverheiratet, in ein Vollzeitstudium eingeschrieben und verfügt über 918 Euro im Monat.

Der alle vier Jahre erscheinende Bericht gibt Aufschluss über die wirtschaftliche und soziale Lage der Studierenden in Deutschland. Durch die Sozialerhebung lässt sich zudem feststellen, wie sich bildungspolitische Maßnahmen wie die Hochschulreform oder Änderung des Bafög auswirken und wie es in Deutschland um die Bildungsgerechtigkeit bestellt ist. Er liefert damit Anlass für politische Debatten.

Die wichtigsten Merkmale der heutigen Studenten im Überblick

  • Arbeitsaufwand und Belastung: Vollzeitstudierende investieren durchschnittlich 33 Stunden pro Woche in ihr Studium. 18 Stunden davon verbringen sie im Selbststudium, 15 Stunden in Lehrveranstaltungen. Bei der letzten Erhebung 2012 lag die Präsenzzeit noch bei 17 Stunden pro Woche. 68 Prozent der Befragten empfinden ihren zeitlichen Aufwand für das Studium als hoch bis sehr hoch. 23 Prozent ordnen sich der mittleren Antwortkategorie zu, während neun Prozent den Studienaufwand als niedrig bis sehr niedrig einstufen.
  • Fächerwahl: Zu den beliebtesten Studiengängen zählten 2016 erneut die Ingenieurwissenschaften.
  • Partnerschaft: 48 Prozent der Studierenden sind in einer festen Partnerschaft, weitere sechs Prozent der Immatrikulierten sind verheiratet oder leben in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft. 46 Prozent sind Single. Der Anteil der alleinstehenden Studierenden ist damit im Vergleich zur Erhebung von 2012 etwas gestiegen, damals waren 43 ohne festen Partner.
  • Familie und Gesundheit: Der Anteil von Studierenden mit Kind ist im Vergleich zu 2012 um einen Prozentpunkt auf sechs Prozent gestiegen. Elf Prozent der Studierenden sind gesundheitlich beeinträchtigt, das sind vier Prozentpunkte mehr als noch bei der letzten Erhebung.
  • Wohnen: Der Anteil der Studierenden, die bei den Eltern wohnen, hat sich mit 20 Prozent leicht verringert, dafür leben mit zwölf Prozent etwas mehr Studierende in einem Wohnheim.
  • Arbeit und Geld: 68 Prozent der Studierenden arbeiten, das sind sechs Prozent mehr als 2012. Durch die höhere Erwerbstätigkeit und durch höhere Zuwendungen von den Eltern hat sich die finanzielle Lage der Studierenden seit 2012 verbessert. Studierende haben jetzt im Mittel 918 Euro monatlich zur Verfügung, zuletzt waren es 842 Euro.
  • Studium und Beruf: Studierende wünschen sich laut der Umfrage mehr Praxisbezug. Das sei etwa daran ablesbar, dass jetzt 13 Prozent der Studierenden ein duales Studium an einer Fachhochschule absolvieren. Jeder zweite Studierende (53 Prozent) gibt als Motiv für die Erwerbstätigkeit an, "praktische Erfahrungen sammeln" zu wollen. Drei Prozent der Studierenden geben zudem an, dass sie wegen eines nicht verpflichtenden Praktikums das Studium unterbrochen haben. Das ist knapp jeder Fünfte (19 Prozent) der Studierenden mit Studienunterbrechung.
  • Herkunft und Bildung der Eltern: Akademikerkinder stellen an Hochschulen knapp die Mehrheit. 48 Prozent der Studierenden haben demnach keine akademisch ausgebildeten Eltern. Dieser Anteil liegt seit der Erhebung 2006 in etwa konstant im Bereich um die 50 Prozent. Von 66 Prozent der Studierenden hat mindestens ein Elternteil das Abitur gemacht. 2012 lag dieser Wert noch bei 60 Prozent. Allerdings erlauben diese Werte allein noch keine Aussagen über eine Veränderung der Chancenverhältnisse, weil der Anteil mit Abitur in der Bevölkerung ebenfalls steigt. Ein Fünftel der im Sommersemester 2016 immatrikulierten Studierenden hat einen Migrationshintergrund. Von ihnen sind 71 Prozent in Deutschland und 29 Prozent in einem anderen Staat geboren.

Politische Bewertung

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka sagte bei der Vorstellung des Berichts in Berlin, dass die Gruppe der Studierenden heute so vielfältig sei wie die ganze Gesellschaft. Dadurch ergäben sich entsprechend unterschiedliche Bedürfnisse im Studium. "Die Hochschulen stehen vor der großen Aufgabe, ihre Studienformen noch flexibler zu gestalten, etwa mit Blick auf ein Studium mit Kind oder im Umgang mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen."

Der Präsident des Deutschen Studentenwerks sprach hingegen Probleme bei der Studienfinanzierung an: "Der Kostendruck auf die Studierenden nimmt zu, vor allem fürs Wohnen", sagte Dieter Timmermann. Die Miete bleibe der größte Ausgabeposten. In vielen Hochschulstädten sei es für Studierende immer schwieriger, preisgünstigen Wohnraum zu finden. Er forderte mehr günstige Wohnheimplätze: "41 Prozent der Studierenden, die im Wohnheim leben, gehören zum unteren Einkommensquartil. Fast gleich viele haben am Ende des Monats kein Geld mehr übrig. Das zeigt, wie essenziell die Leistungen der Studentenwerke für diese Studierenden sind."

Aussagen über die Auswirkungen der Bafög-Erhöhung auf nun maximal 735 Euro pro Monat ermöglichen die Ergebnisse der Sozialerhebung nicht, da die Befragung vor der Erhöhung durchgeführt wurde. Dass der Satz zu niedrig ist, hatte das Studentenwerk bereits Ende Mai ermittelt. Demnach brauchen Studierende durchschnittlich 920 bis 950 Euro monatlich, um Miete und Essen, Bücher, Kommunikation, Körperpflege und Freizeitgestaltung bezahlen zu können.

Methode - Umfrage mit Rekordbeteiligung

Die Studie wird bereits seit 1951 durchgeführt. Was als Vollbefragung der damals rund 110.000 Studenten begann, ist nun eine repräsentative Stichprobe unter den heute 2,8 Millionen Studierenden in Deutschland. Jeder siebte Student - insgesamt rund 400.000 - wurde im Sommer 2016 per E-Mail aufgerufen, an der Onlinebefragung teilzunehmen. Die Angaben von mehr als 60.000 Studierenden an 248 Hochschulen konnten laut der Forschungsgruppe für die aktuelle Sozialerhebung ausgewertet werden - an der letzten Befragung 2012 hatten rund 16.000 Studierende teilgenommen.

Durch die Größe der Stichprobe würden auch Informationen über die Studien- und Lebenssituation kleinerer Gruppen von Studierenden gewonnen, wie Studierende mit gesundheitlicher Beeinträchtigung oder mit Kind.

Auftraggeber und Geldgeber

Auftraggeber der Sozialerhebung ist das Deutsche Studentenwerk. Durchgeführt wurde die Studie vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW). Das ist die Nachfolgeorganisation des HIS-Instituts für Hochschulforschung, das die Sozialerhebung bereits seit 1982 durchführt. Seit September 2013 setzt das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung GmbH (DZHW) diese Arbeit als Nachfolgeorganisation fort. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanziert die Studie.

sun



insgesamt 38 Beiträge
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Berg 27.06.2017
1.
Es ist angenehm zu lesen, dass aus diesem Zahlenspiegel nicht gleich Wertungen, Gut-Schlecht, vorgenommen und keine Rankings aufgebaut werden. Immerhin sind das Momenterhebungen gemessen an der wechselhaften Lebenslauf auch von Studierenden. So kann es für jeden Studenten Zeiten gebe, wo er erst zu Hause wohnt, dann im Wohnheim, dann noch in der WG und dann im Singlezimmer. Und ein Jahr hat man mehr Geld als im anderen usw. Maßgebend sind sichere Kenntnisse und Fähigkeiten als Absolvent- erfreulich die hohe Zahl der Ings und Naturwissenschaften. Diese Absolventen braucht das Land!
tomxxx 27.06.2017
2. über 40% in MINT-Fächern?
Da stellt sich die Frage, wieviele dieser Fächer vor Bologna eigentlich ein Lehrberuf- mit Meistermöglichkeit war, jetzt sind die Absolventen eben Akademiker und damit ist die Welt viel besser, weil das Bildungssystem durchlässiger ist und fast alle den Aufstieg geschafft haben!!! ;-) Bleibt noch die humoristisch wesentliche Frage, Wieviel Prozent leben in einer festen Beziehung und falls ja in wievielen? Welcher statistischer Fehler ist zu erwarten, wenn 1 Partner einer Beziehung diese als fest bezeichnet, der andere aber nicht? ;-)
virginia 27.06.2017
3. zwei anmerkungen
fuer die schreiberlinge dieses artikels: 1. schon mal was vom' woerterbuch des unmenschen' gehoert? das wort 'durchgefuehrt' ist nazideutsch und sollte aus dem sprachschatz von journalisten entfernt werden. 2. studierende - ist zwar nett, dass man politisch korrekt sein moechte, aber wie sieht es bei dem wort 'schueler' aus? schon mal darueber nachgedacht? vermutlich nicht......
Havre-Wadinsky 27.06.2017
4. Wie wäre es denn mal mit einer Sozialerhebung über die Lage der Studienabsolventen.
Wie sie in ihren Berufen zurechtkommen. Nach 3 Jahren und nach 10 Jahren. Durch die ewige Bauchbespiegelung der Studenten hat dieser Artikel nun wahrlich keinen Neuheitencharakter (Informationswert). Mich interessiert insbesondere eine Auswertung der Daten der gesetzlichen Rentenversicherungsanstalt über die Rentenhöhe von Akademikern, Versicherten mit Abitur und Realschulabschluss. Und natürlich die vergessene Mehrheit, die Hauptschulabsolventen mit abgeschlossener Lehre. Wobei ich der BfA zutraue, diese Untersuchungen zu manipulieren, um nicht den gewünschten Eindruck: "Wir leben in Schlaffraffia" zu widersprechen. Bereits die Datenerhebung muss also seriöser wissenschaftlicher Kontrolle unterliegen. Merkwürdigerweise verschwinden die Untersuchungen darüber immer im Panzerschrank. Und das mit einer "freien" Publizistik mit den Worten Demokratie und Transparenz auf den Lippen.
hubie 27.06.2017
5. @ #2 tomxxx
Lassen Sie mich raten... Sie haben studiert, sind aber nach eigener Überzeugung auf keinen Fall durch ein durchlässiges Bildungssystem gegangen, sondern Sie haben die Leistung wirklich erbracht... Quacksalber erkennt man meist recht schnell, Bildungssystem hin oder her. Wer wirklich etwas draufhat, der schafft es auch ohne Abschluss... Leute die nur schnacken und wenig tun, die mögen im schlechtesten Fall auf einer gut bezahlten Stelle geparkt werden, mehr aber auch nicht ("mehr"...). Wobei das mit den Abinoten im Vergleich zu vor 10 Jahren schon auffällig ist...
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