Spätes Studium Über Umwege an die Uni

Nach dem Abi schnell ins Studium? Es geht auch anders: Anja Klemm und Suse Bruha haben erst Berufserfahrung gesammelt und sind mit einigen Jahren Verspätung an der Uni gelandet. Das Studentenleben gefällt ihnen - aber manchmal kommen sie sich vor wie im falschen Film.

Von Maja Roedenbeck


Anja Klemm arbeitete sechs Jahre lang als Sekretärin. Bei zwei Verlagen und einem Verband hatte sie schon geackert und nebenbei ihr Fachabitur an der Abendschule nachgeholt. Jetzt studiert sie im siebten Semester Sozialpädagogik an der Fachhochschule Merseburg: "Der Wunsch, etwas Neues anzupacken, kam von ganz tief innen."

Es brauchte Zeit, bis Klemm so stark war, es wagte, ihren Wunsch in die Tat umzusetzen. Oft saß sie abends nach der Arbeit zu Hause und grübelte: "Will ich wirklich noch mal jahrelang pauken? Obwohl mir das schon in der Schule nicht leicht gefallen ist? Komme ich damit klar, wieder in die Rolle einer Anfängerin zu schlüpfen?"

Überzeugt haben Anja schließlich gute Freunde, die ihr Mut machten. "Du bist stark genug, du schaffst das!", haben sie gesagt. Außerdem kam ihr eine Erkenntnis, beim Nachrichtenschauen: Es gibt schlimmere Probleme auf dieser Welt als meine Entscheidungsschwierigkeiten. Also los!

Für Johannes Nyc von der Allgemeinen Studienberatung der Freien Universität Berlin klingt das vertraut: Er berät immer wieder Frauen und Männer mit Berufsausbildung oder festem Job, denen die Idee vom Studium im Kopf herumgeistert. Der eine wolle sich weiter qualifizieren, um nicht eines Tages arbeitslos zu sein, sagt er. "Die andere fühlt sich geistig unterfordert. Der eine sagt sich mit 22: Das kann doch noch nicht alles gewesen sein. Die andere hat sich ein Studium gleich nach dem Abitur nicht zugetraut, fühlt sich aber einige Jahre später bereit für die Herausforderung."

Es gebe auch junge Erwachsene, die von ihren Eltern in eine Ausbildung gedrängt wurden und sich jetzt frei strampeln, sagt Nyc. Und manchmal laufe es ganz umgekehrt. Dann kommen die Eltern und sagen: "Meine Kinder sind jetzt größer, jetzt kann und möchte ich endlich studieren."

Der Reiz des freien Studentenlebens

Geplagt vom ewigen Einerlei des Arbeitsalltags mag einen die Lust aufs Studieren auch aus einem Grund überkommen, den man nicht gerade dem Studienberater unter die Nase reibt: Es lockt der Reiz des freien Studentenlebens.

Suse Bruha hatte nach der Schule erstmal richtig Gas gegeben: Zwei Ausbildungen hat sie geschafft, ein Jahr in Ecuador, Peru und Bolivien verbracht, um Sprachen zu lernen. Danach hat sie ein Volontariat bei einer privaten Radio-Station gemacht. Heute ist sie 29 Jahre alt und an der Uni in Halle gelandet, mit der Fächerkombination Slavistik, Politik- und Medienwissenschaften.

"Mehr Zeit und einen entspannten Tagesplan zu haben, schön unregelmäßige Veranstaltungstermine, freiwillig von mir ausgesucht - das war auf jeden Fall für mich ein Grund zu studieren", sagt sie. "Auch die Partys und die vielen neuen Leute waren ein schöner Nebeneffekt, den ich gar nicht vorhergesehen hatte. Ich glaubte, zu alt dafür zu sein."

Für Suse war das Studium eigentlich ein "ganz logischer Schritt" nach vorn: "Mein Volontariat war zu Ende, ich wollte mich von den Zwei-Minuten-Beiträgen beim Privatradio hin zu einer tiefer gehenden Berichterstattung entwickeln und bei einem öffentlich-rechtlichen Sender reinrutschen. Da ist das Studium gleichzeitig Bedingung und eine Art Alibizeit, in der man ein paar finanzielle Vorteile genießt und den Lebenslauf füllt, um den unsicheren Einstieg als Praktikant oder freier Mitarbeiter abzufedern."

Vor falschen Erwartungen warnt allerdings Studienberater Johannes Nyc: "Akademische Freiheit und persönliche Selbstverwirklichung sehen in Zeiten verschulter dreijähriger Bachelor-Studiengänge anders aus als manchmal erträumt. Ältere Studienanfänger müssen häufig ihren schon erreichten Lebensstandard herunterschrauben." Suse Bruha musste das nicht. Ihre Eltern sind derart begeistert, dass ihre Tochter nun doch noch studiert, dass sie ihr finanziell unter die Arme greifen.

Auf der falschen Seite des Dozentenpults?

Durch ihre Berufserfahrung haben die Spätstudenten an der Uni meist eine Sonderstellung: Ihre Referate halten sie zusammen mit 19-jährigen Erstsemestern, die noch nie gearbeitet haben und in einer völlig anderen Lebenssituation stecken als sie selbst.

Kein Problem, findet Anja aus Merseburg: "Ich komme mit den jungen Mädels gut klar, aber ich bin auch dankbar, dass ich mehr Erfahrungen mitbringe, die gerade in der Sozialpädagogik nützlich sind." Suse aus Halle hat beides erlebt: "Einerseits gibt es vier Jahre jüngere Studenten, die fit im Kopf sind und für die ich eine Mischung aus Freundin und Vorbild bin. Aber es gab auch schon Diskussionen in den Seminaren, bei denen mich die pubertären Ansichten echt angekotzt haben und ich mir vorkam, als säße ich auf der falschen Seite des Dozentenpults."

Aber lohnt sich ein spätes Studium überhaupt? Dass Akademiker im Durchschnitt weniger arbeitslos sind als andere Bevölkerungsgruppen, dass einem ein Diplom oder Magister also in jedem Alter einen Vorteil verschafft - das ist schön zu wissen, aber die Frage beantwortet es nicht wirklich.

"Ich habe die richtige Entscheidung getroffen", sagt Anja, denn jetzt könne sie sich in Zukunft nach einem völlig neuen Beruf umsehen. Eine Stelle als Beraterin in einer sozialen Einrichtung soll es werden, vielleicht für Jugendliche; auch als Mediatorin würde sie gerne arbeiten.

Suse muss auch nicht lange überlegen: "Ich bin zwar erst im dritten Semester und werde mit meinem neuen Nebenjob beim Radio auch wieder Stress kriegen - aber studieren, das ist schon extrem cool, und ich habe weiter Bock auf Wissen."



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.