Kürzung an Hochschulen Ost-Unis droht Spardiktat

Politikwissenschaft, Pharmazie, Wirtschaftsgeschichte - gestrichen. Viele Hochschulen in Ostdeutschland müssen massiv sparen. Nach Jahren des Aufschwungs werden in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt Hunderte Stellen abgebaut. Viele Professuren und ganze Studiengänge fallen weg.

Jan-Henrik Wiebe

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Die Sensenfrau kam an einem Dienstagvormittag Mitte November. Sie hatte zwei Begleiter an ihrer Seite, ebenfalls in Schwarz gekleidet und mit Sonnenbrillen. Gemeinsam schnappten sie sich Jörg Nagler, Professor für Nordamerikanische Geschichte, holten ihn aus dem Hörsaal der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. An der Sense ein Schild mit der Aufschrift "KW-Vermerk". Keine Wiederbesetzung.

Nicht Naglers Leben ist in Gefahr, sondern seine Professur. Darauf wollten Studenten mit dieser Aktion hinweisen. "Wir haben rund 20 Professoren aus Seminaren und Veranstaltungen herausgeholt", erzählt Silvana-Simone Günther, die sich als Sensenfrau verkleidet hat. Die 27-Jährige studiert Erziehungswissenschaften und schreibt gerade ihre Bachelor-Arbeit. Seit Oktober engagiert sie sich für die Studentenproteste in Jena, auch aus Angst, dass der Master-Studiengang, den sie machen will, bald nicht mehr angeboten wird.

125 sogenannte Vollzeitäquivalente muss die Uni in Thüringen bis 2015 loswerden. Da viele der rund 6900 Beschäftigten in Jena in Teilzeit arbeiten, werden weitaus mehr als diese 125 Vollzeitstellen wegfallen, darunter Arbeitsplätze in der Verwaltung, im wissenschaftlichen Mittelbau und eben Professuren. Ganze Studiengänge sollen sogar verschwinden oder nur noch in Kooperation mit anderen Hochschulen angeboten werden.

500 Wissenschaftler in Thüringen könnten betroffen sein

Über chronischen Geldmangel und schmerzhafte Sparmaßnahmen klagen bundesweit viele Unis. Circa sieben Millionen Euro muss die Uni Jena nach eigenen Angaben bis 2015 einsparen, das Geld vom Land reiche nicht aus, um die gestiegenen Ausgaben aufzufangen - neue Tarifverträge hätten unter anderem zu höheren Personalkosten geführt. Unter ähnlichen Sparzwängen leiden auch die anderen acht Hochschulen in Thüringen, an der Bauhaus-Universität Weimar werden zum Beispiel um die 60 Stellen gestrichen.

Thüringen müsse Jahr für Jahr mit einem geringeren Landeshaushalt auskommen, klagt der Sprecher des Kultusministeriums, zuletzt waren es 200 Millionen Euro weniger aus den Töpfen der Europäischen Union und des Bundes, unter anderem weil Förderungen für die neuen Länder auslaufen. Daran liege es nicht, der Sparkurs sei politisch gewollt, sagen Kritiker hinter vorgehaltener Hand. Weil nach Jahren des Wachstums nun stagnierende oder gar sinkende Studentenzahlen in Ostdeutschland erwartet werden, wollen die Landesregierungen schon mal am Personal sparen, glauben sie.

In Sachsen werden mehr als tausend Stellen gestrichen

Und das, nachdem jahrelang in die Hochschullandschaft Ost investiert worden war: 5000 Studenten zählte die Uni Jena 1990, heute sind es rund 20.000. Und der Anteil der Studenten, die aus den alten Bundesländern zum Studieren nach Thüringen kommen, ist auf aktuell 40 Prozent gestiegen. Doch jetzt mussten sich die Unis gegenüber dem Kultusministerium in Erfurt verpflichten, einen Struktur- und Entwicklungsplan vorzulegen: Auf welche Schwerpunkte will sich die jeweilige Hochschule konzentrieren, was kann dafür wegfallen? "Für die Unis bedeutet das, dass sie auf einige Studienfächer verzichten müssen", sagt Ministeriumssprecher Gerd Schwinger.

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Ähnlich sieht es an den Unis in Sachsen und Sachsen-Anhalt aus. Mehr als tausend Stellen müssten die Hochschulen in Sachsen bis 2020 abbauen, allein in Leipzig fielen jährlich 24 feste Stellen weg, sagt Carsten Heckmann, Pressesprecher der Uni Leipzig. Die Folge: Studiengänge wie Pharmazie wird es in Zukunft hier wahrscheinlich nicht mehr geben. Und in Sachsen-Anhalt sollen von 2015 bis 2025 jährlich fünf Millionen Euro an den Hochschulen eingespart werden, "Umstrukturierungen" inklusive.

In Jena heißen die neuen Profile "Light, Life, Liberty" - die Uni will sich künftig auf Fächer wie Physik, Altersforschung und Geisteswissenschaften konzentrieren. Doch diese inhaltliche Entscheidung hat nur bedingt Auswirkungen darauf, welche Professuren und welche Lehrstühle den Sparmaßnahmen tatsächlich zum Opfer fallen. Denn: Professoren sind Beamte auf Lebenszeit, ihnen kann nicht gekündigt werden. Stattdessen werde die Uni-Leitung Stellen von bereits betagten Lehrstuhlinhabern nicht neu ausgeschrieben, wenn der Professor emeritiert, stirbt oder an eine andere Uni wechselt.

"Auch Lehrbeauftragte können lehren"

"Top-Wissenschaftler gehen dann eben an andere Unis", befürchtet Simon Stützer. Der 27-Jährige promoviert in Physik und hat eine Dreiviertelstelle an der Uni Jena. Auch die Zukunft seines Chefs, eines Juniorprofessors, ist durch die Kürzungen gefährdet. Stützer will auch deshalb weiter demonstrieren. Unter dem Motto "stepagainst" wächst in diesen Tagen der Protest der Studenten, auf Facebook, auf Twitter und auf dem Campus. Am Freitag wird wieder demonstriert, mehr als 2000 Leute haben sich bereits online angemeldet.

Grund zur Sorge gebe es eigentlich nicht, findet dagegen Axel Burchard, Pressesprecher der Uni Jena. Für eine gute Lehre brauche es nicht zwingend Professoren: "Lehraufgaben können auch durch Lehrbeauftragte erfüllt werden."

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insgesamt 67 Beiträge
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hans-haase 22.11.2013
1. Überversorgung
Im Zuge der Evaluation nach der Wende wurden im Vergleich zum Rest der Welt unverhältnismässig viele Lehrende an Thüringer Hochschulen zu Professoren gemacht, eine Menge Pappnasen darunter (siehe Musikhochschule Weimar). Man kannte und half sich gegenseitig. Welcome to reality....
sista72 22.11.2013
2. lol!
Genau, gute Lehre könnte auch von Lehrbeauftragten gemacht werden! Problem ist nur, dass die entweder kaum (wie in Jena) oder nur für die Stunden der Lehre (also ohne Vorbereitung oder Fahrkosten) bezahlt werden. Das sichert weder Motivation noch Qualität. Nicht zu fassen, dass dieses System von Ausbeutung kultiviert werden soll...
gog-magog 22.11.2013
3. Tja, die Totalüberwachung und die Bankenrettung, das kostet halt.
Zitat von sysopJan-Henrik Wiebe Politikwissenschaft, Pharmazie, Wirtschaftsgeschichte - gestrichen. Viele Hochschulen in Ostdeutschland müssen massiv sparen. Nach Jahren des Aufschwungs werden in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt Hunderte Stellen abgebaut. Viele Professuren und ganze Studiengänge fallen weg. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/sparkurs-an-den-unis-kuerzungen-an-hochschulen-in-ostdeutschland-a-934892.html
Es ist immer wieder das gleiche: Politiker stellen sich hin und versprechen Investitionen in Bildung, weil das die einzige Ressource dieses Landes ist und nach der Wahl wird im Bildungsbereich gestrichen was das Zeugs hält. Das ist nicht nur in Thüringen so, sondern in allen Bundesländern. Wer in diesem Land noch eine wissenschaftliche Karriere anstrebt, der muss gehörig einen an der Waffel haben.
holdensturm 22.11.2013
4.
Ja, wird ja auch zunehmend gemacht und ist grundsätzlich falsch! Die Universität ist keine Schule, sondern ein Ort der Begegnung und konstruktiven Zusammenarbeit von Forschern und Studenten. Diese sollten eine fruchtbare, wechselseitige Beziehung zueinander entwickeln. Stattdessen übernehmen Lehrbeauftragte und junge (unerfahrene) wissenschaftliche Mitarbeiter einen Großteil des Kontakts zu den Studenten, während die Professoren sich zunehmend zurückziehen (sollen). Die (Akademiker-)quotengetriebene Verschulung des Bildungs~ und Wissenschaftsbetriebs einschließlich des damit einhergehenden Leistungsniveaurückgangs ist entmündigend und züchtet eine immer stärker des selbstständigen Denkens unfähige Generation heran, die die heutige "Elite" nach Belieben manipulieren kann. Und das Wahlvolk erhebt sich nicht, sondern schaut nur zu und nickt ab. Es ist nicht zu fassen.
renee gelduin 22.11.2013
5. optional
Unter diesem Aspekt erscheint die Aussage eines WiWi-Profs der FSU Jena umso fragwürdiger: "... da hatten wir noch Geld übrig (gemeint ist hoch vier-, bzw niedrig fünfstellig) und wussten gar nicht wohin damit. Dann haben wir einfach noch einen Beamer gekauft und ...".Mit Ausnahme des ein oder anderen engagierten Profs ist mir die FSU ehrlich gesagt auch nicht sonderlich positiv in Erinnerung geblieben. Wofür, auch an anderen Hochschulen, so Geld ausgegeben wird, da schlägt man als Student, der sich das Geld anderswo absparen und dann auch noch seltendämlich Kommentare anhören muss ("Sie müssen sich entscheiden, studieren und arbeiten geht halt nicht") die Hände vorm Gesicht zusammen. Andere Erlebnisse: Man saß in mehreren Reihen noch aus den Räumen heraus auf dem Flur (!), bei anderen Kursen fanden sich später zwei, drei Leute plus Dozent (was Privatunterricht gleichkommt, mit sämtlichen Vor- und Nachteilen). Sind jetzt natürlich Erfahrungen im kleinen Rahmen, aber die Verwaltung scheint in puncto Effizienz noch ausbaufähig zu sein.
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