Sprachenstreit in Kanada Selbst der Blindenhund muss Englisch können

An der Universität von New Brunswick sollte ein blinder Frankokanadier von einem Englisch-Sprachkurs ausgeschlossen werden, weil sein Hund nur auf französische Befehle hört. Das sei gegen die Lernregeln, befanden strenge Sprachhüter.


Fremdsprachen für Hunde: Do you speak English?
DDP

Fremdsprachen für Hunde: Do you speak English?

Die mangelnden Fremdsprachenkenntnisse seines Blindenhundes hätten einen Studenten in Kanada beinahe die Teilnahme an einem Englisch-Sprachkurs gekostet. Yvan Tessier, 39, blind und Französisch-Muttersprachler, wollte sein dürftiges Englisch in einem fünfwöchigen Crashkurs der University of New Brunswick (UNB) aufpolieren. Teilnehmen sollte auch Tessiers Labrador Pavot, auf dessen Hilfe der Student angewiesen ist.

Nichts da, sagte die Universität: Wer am Kurs teilnimmt, muss die ganze Zeit Englisch sprechen. Zwar versteht Pavot ganz gut Französisch und reagiert immerhin auf 50 verschiedene Befehle, aber mit seinem Englisch hapert es mächtig. Student Tessier wäre deshalb gezwungen, während des Kurses Französisch zu sprechen, und das sei streng verboten, argumentierten die Sprachhüter.

"Stay" statt "reste"

Leider sei es dem Hund unmöglich, kurzfristig auf Englisch umzusatteln, teilte Tessier der Universität mit. Dem Labrador dennoch Befehle auf Englisch zu erteilen, beispielsweise "stay" statt "reste", sei dagegen für ihn selbst, den Halter, gefährlich. Der Hund könnte verwirrt werden und falsch reagieren.

"Ich wusste, dass ich mit den Menschen Englisch sprechen sollte, aber ich dachte, ich dürfte wenigstens mit meinem Hund Französisch sprechen", sagte Tessier. Und ging mit dem bizarren Sprachenstreit an die Öffentlichkeit. Das peinliche Verhalten der Universität verursachte einen großen Aufruhr in den Medien, angeheizt durch die Rivalität zwischen Englisch- und Französisch-Sprechern im zweisprachigen Kanada. Die Universität erhielt Protestbriefe aus aller Welt.

Kein Wort zu viel

Kurz vor der endgültigen Blamage ließen sich die Uni-Vertreter erweichen. Tessier soll nun verspätet in den Kurs einsteigen. "Herr Tessier war daran interessiert, mit uns auf eine für beide Seiten zufriedenstellende Lösung hinzuarbeiten", sagte Susan Mesheau, Sprecherin der Universität.

Der Frankokanadier aus Trois-Rivieres in Quebec musste versprechen, seinem Blindenhund nur unbedingt notwendige Befehle auf Französisch zu erteilen. "Ich freue mich darauf, meine Kurskameraden kennen zu lernen", sagte Tessier in gebrochenem Englisch.

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