Sprechstunde mit Namenforscher Udolph Herr Professor, woher kommt der Name Ronellenfitsch?

Der Leipziger Wissenschaftler Jürgen Udolph, "Herr der Namen", ergründet unermüdlich die familiären Wurzeln von SPIEGEL-ONLINE-Lesern. Seine Sprechstunde ist ziemlich international: Lesermails kamen zum Beispiel aus Kanada und Kalifornien, die Spurensuche führte den Professor für Namenforschung quer durch Osteuropa.


  • E-Mail von Torben Coldewey:
Bei der Recherche: Forscher Udolph
DPA

Bei der Recherche: Forscher Udolph

Mit Begeisterung habe ich den Artikel bei SPIEGEL ONLINE gelesen. Nun würde es mich sehr freuen, wenn Sie mir verraten könnten, woher mein Nachname stammt. Beruht "Coldewey" vielleicht auf "Cold way" oder so ähnlich? Es gibt, so viel ich weiß, im nördlichen Niedersachsen auch einen Ort, der genau wie mein Nachname geschrieben wird. Über meinen Vornamen weiß ich nur, dass er aus Skandinavien stammen soll. Aber was bedeutet mein kompletter Name?

Antwort von Jürgen Udolph:

Der Familienname Coldewey ist in Deutschland (Telefon-CD) 259mal belegt. Seine Verbreitung lässt erkennen, dass er vor allem in Bremen und im Unterwesergebiet vorkommt. Das spricht für einen so genannten Herkunftsnamen, das heißt, der erste Namensträger trägt den Namen eines Ortes, eines Dorfes, einer Flurbezeichnung o.ä. Die Suche nach einem Ortsnamen ist erfolgreich.In Frage kommen aus Niedersachsen Coldewei, Ortsteil von Wilhelmshaven, und Coldewey bei Sulingen und Brake.

Name Coldewey: Die Spur führt ins norddeutsche Flachland

Name Coldewey: Die Spur führt ins norddeutsche Flachland

Diese Namen enthalten im ersten Teil mittelniederdeutsch kold, kolt "kalt" und im zweiten -wey, das wohl wie bei Kaltenweide (Kreis Hannover) zu erklären ist. Dessen alte Belege finden sich bei U. Ohainski, J. Udolph, Die Ortsnamen des Landkreises und der Stadt Hannover, Bielefeld 1998, S. 248, darunter etwa 1400 van der Koldenweye, um 1430 Coldeweyde. Dort wird folgende Erklärung geboten: "Die ältesten Belege ... weisen ... auf mnd. kold/kolt "kalt" und im Grundwort auf mnd. weide "Weide".

Es fragt sich aber, was unter der Verbindung kalt + Weide zu verstehen ist. Als Lösung bietet sich eine Bemerkung bei U. Scheuermann, Flurnamenforschung, Melle 1995, S. 132 an: kolt bedeutet entweder konkret "kaltgründig" (von schwerem, lehmigem Boden) oder aber übertragen "abgelegen, minderwertig, wertlos". Somit darf in Kaltenweide ein Hinweis auf eine abgelegene, wertlose Weide vermutet werden". Diese Erklärung darf wohl für Coldewei, Coldewey übernommen werden.

  • E-Mail von Klaus Matalla:
Trotz aller Bemühungen habe ich noch keinen verwertbaren Hnweis auf den Ursprung meines - nicht allzu häufigen - Namens Matalla erhalten. Vorfahren sind vor rd. 250 Jahren von Böhmen nach Schlesien emigriert. Können Sie mir helfen?

Antwort von Jürgen Udolph:

In Deutschland tragen nach einer Telephon-CD von 1998 102 Personen diesen Namen. Es gibt auch die Variante Matala, 7mal belegt.

Name Matalla: Slavische Wurzeln

Name Matalla: Slavische Wurzeln

Die Streuung des Namens ist typisch für eine Zuwanderung aus dem Osten: lockere Verbreitung mit einigen Häufungen, im vorliegenden Fall in Sachsen-Anhalt und im Ruhrgebiet (Konzentrationen in diesem Gebiet täuschen jedoch oft, weil die hohe Bevölkerungsdichte eine Häufung vortäuscht, die objektiv nicht gegeben ist).

Wenn man sich mit slavischen Sprachen auskennt - und es spricht allein die Lautform für eine Verbindung zum Polnischen, Sorbischen oder Tschechischen - so weiß man, dass diese gern mit unterschiedlichen Endungen (Suffixen) operieren. Daher kann man neben Matala, Matalla auch Matula (140mal in Deutschland belegt) und Matulla (142 Einträge) stellen.

Vor einer Deutung empfiehlt sich der Blick nach Polen. Hier gibt es ein exzellentes Hilfsmittel in Form einer CD: K. Rymut, Slownik nazwisk uzywanych w Polsce na poczatku XXI wieku, Kraków 2003). Sie enthält ca. 38,5 Millionen Familiennamen. Auf ihr findet sich Matalla einmal, Matala 40mal.

Die Deutung des Namens Matala, Matalla steht im Standardwerk der polnischen Familiennamenforschung K. Rymut, Nazwiska Polaków (Familiennamen der Polen), Bd. 2, Kraków 2001, S. 76: Der Name ist eine Ableitung von poln. Maciej, dem christlichen Taufnamen Matthias oder Matthäus, aus hebräisch "Geschenk" (ergänze: Gottes).

Nach meinen Unterlagen stammt der Name aus Polen, nicht aus Tschechien. Eine Telefon-CD der Tschechischen Republik, die ich eingesehen habe, verzeichnet den Namen Matala nur einmal, die Variante Matalla gar nicht.

  • E-Mail von Inge Jordan, geb. Reppahn, aus Ottawa (Kanada):
Sehr geehrter Herr Professor, ich hörte von Ihnen und Ihrer Namensforschung an der Uni Leipzig aus SPIEGEL ONLINE. Wenn ich nicht so weit weg wohnte, würde ich mich bei Ihnen als Gasthörerin einschreiben! Zum Namen Reppahn: Vater bis Ur-Urgroßvater in Polen (Kreis Kalisch) geboren, nach mündlicher Überlieferung kamen die Ahnen davor aus der Gegend von Kiew. Lutherisch, aber vielleicht jüdischen Ursprungs und vor Pogromen zur Zeit der Napoleonischen Kriege nach Westen gewandert/geflohen/vertrieben?



Ein Anzahl jüdischer Reppahns verschiedener Schreibweise, u.a. Rabahn, gibt es in den USA, die intensiv Familienforschung betreiben und ein Buch herausgegeben haben. Auch sie stammen zumeist aus Galizien und der westlichen Ukraine. Ein Repphan ist in Birnbaum in Westpreußen belegt (19. Jh.). Mich interessiert vor allem die oben angedeutete Wanderung aus der Ukraine nach Westen. Ukrainisch/Russisch müsste man können.

Weitere Einzelheiten, die Sie vielleicht noch ausgegraben haben, würden mich sehr interessieren, ebenso meine Verwandten. Alle Reppahns, Repphans, Reppans im deutschen Telefonbuch sind meines Wissens mit mir verwandt, aber wer weiß...

Antwort von Jürgen Udolph:

Unter 40 Millionen Telefonteilnehmern ist der Name Reppahn nur 7mal bezeugt (Siegen, Leipzig, Mainz).

In Polen (K. Rymut, Słownik nazwisk używanych w Polsce na początku XXI wieku, CD-ROM, Kraków 2003) ist heute weder Repahn noch Reppahn nachgewiesen. Auch die umfangreiche Datei der Mormonen in Salt Lake City (familysearch.org) kennt keinen Beleg.

Bei der Vermutung, dass ein jüdischer Name vorliegt, greift man zunächst zu E. u. H. Guggenheimer, Etymologisches Wörterbuch der jüdischen Familiennamen, München usw. 1996. Dort findet sich ein entscheidender Hinweis (S. 372): "Rephan, Rephuhn (US): mhd. rëp-huon 'Rebhuhn'".

Geht man dieser Spur nach, findet man bei M. Gottschald, Deutsche Namenkunde, Berlin-New York 1982, S. 402 unter dem Familiennamen Rebhuhn folgende Varianten: Rebhuhn, Rebhan, Rebhann, Repphuhn, Repphuen, Repphun, Repphahn, Reppan, Rapphohn, Rapphan.

Damit ist der Name klar. Es handelt es sich um einen so genannten Übernamen, der mit dt. Rebhuhn zu verbinden ist. Wahrscheinlich jagte der erste Namenträger dieses Tier, züchtete es oder statt in einer engen Beziehung zu ihm.

Lesen Sie im zweiten Teil:

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.