Ende des Frankfurter Uni-Turms Die sprengen mir mein halbes Leben weg

Er ist hässlich, baufällig, hinfällig. Am Sonntag wird der Frankfurter Uni-Turm gesprengt. Es ist trotzdem ein Skandal! Denn nirgendwo gab es so viel Freiheit wie in dem Betonkoloss.

DPA

Ein Nachruf von Sebastian Scheerer


Über den Autor
  • Krimpedia
    Sebastian Scheerer, Jahrgang 1950, leitete bis 2013 das Institut für Kriminologische Sozialforschung der Universität Hamburg. Er war Mitbegründer der Kritischen Kriminologie und von 1978 bis 1988 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Schwerpunkt "Soziale Kontrolle/Abweichendes Verhalten" im Frankfurter AfE-Turm.
Hässlich nennen sie den Turm. Baufällig und hinfällig sei er, und darum muss er am Sonntag fallen. Die Goethe-Uni, mein Arbeitsplatz für zehn Jahre, hat ein neues Zuhause. Der leere AfE-Turm an der Senckenberganlage, dieses Monster des Brutalismus jedoch, bedeutete für mich das glatte Gegenteil: Er stand für Freiheit in Geborgenheit, also für pures Glück.

So viel Freiheit wie im Arbeitsschwerpunkt "Soziale Kontrolle/Abweichendes Verhalten" war ich aus der juristischen Fakultät in Münster nicht gewohnt. Keine festen Zeiten, keine Aufträge, kein gar nichts. Man sprach miteinander über dies und jenes, vor allem beim gemeinsamen Essen und Trinken am Abend. Ich, der ich aus dem normalen Leben gekommen war, war verwirrt: So viel Freiheit!

Der Turm und seine Umgebung verschmolzen zu einem friedlichen Dorf ohne Trennung von Arbeit und Leben. Die zentrale Persönlichkeit im Dekanat war ein Wunder an sozialer Kompetenz und Bindungskraft: Sekretärin Renate fungierte als Dreh- und Angelpunkt nicht nur der Fachbereichsdinge, sondern auch eines regelrechten akademischen Salonlebens in ihrer Wohngemeinschaft. Permanent toller Besuch, hand- und herzergreifend darunter auch Rudi Dutschke, der damals in Frankfurt vorbeischaute, um mit den Grünen zu flirten.

Die Liebe ist der Kampf in den Straßen

Einmal traf ich in der Geister-Cafeteria im 38. Stockwerk einen Gastprofessor aus den USA, den Psychologen Joseph Katz. Wir kamen ins Gespräch und sahen uns öfter, und ich lernte später seine Frau kennen, die Folksängerin und "500 Miles"-Autorin Hedy West. Die zwei besuchten mich mit ihrer Tochter auch in meiner Wohnung. Die war zu jener Zeit ansonsten eher bekannt als Meeting-Place einer Heroingebraucher-Interessenvertretung, des "Junkiebundes". Einen Gutteil meiner Frankfurter Freiheit verwandte ich ja darauf, für die Freiheit der Anderen zum selbstbestimmten Konsum psychoaktiver Substanzen zu agitieren. Hier schien mir die Gesellschaft am ungerechtesten zu sein.

Gute Erinnerungen mussten manchmal auch unter Druck produziert werden, so wie meine Habilitation. Meine Zeit als Assistent war bald um, was also schreiben? Über Randgruppenarbeit? Über die Überflüssigkeit des Strafrechts? Nach einigen frustrierten Anläufen entschied ich mich für das Thema bewaffneter Kampf und ein "Erklärungsmodell des sozialrevolutionären Terrorismus".

Nach neun Monaten war der Text fertig. Im Sitzungsraum des Fachbereichsrats in der 22. Etage, wo der mündliche Teil des Habil-Verfahrens stattfand, prangte der passende Spruch an der Wand: "Die Liebe ist kein Sanatorium, die Liebe ist kein Strand am Meer, die Liebe ist der Kampf in den Straßen." Bedenkenswert, sicher. Heute fände ich aber auch das Gegenteil plausibel.

Die Spontis haben gut regiert

Die Studenten waren zumeist Lehramtsanwärter. Für sie hatte man den Turm gebaut. Nicht zuletzt Theodor W. Adorno hatte viel Pathos in die Erziehung der Erzieher investiert. Um sie zur Mündigkeit zu erziehen, sollte die Lehrerausbildung aus der Provinz geholt werden ("Idiotie des Landlebens"). So geschah es mit der "Hochschule für Erziehung", die nach Frankfurt in die Nähe der Uni verlagert und dann als "Abteilung für Erziehung" in sie integriert wurde.

Wenn - wie Adorno meinte - nur die Schule "unmittelbar auf die Entbarbarisierung der Menschheit hinzuarbeiten vermag", dann brauchte die Lehrerbildung einen Ort, an dem "die paar Menschen, die dazu gesonnen sind, mit aller Energie darauf hinwirken, daß die Erziehung eine Erziehung zum Widerspruch und zum Widerstand ist".

Den Turm habe ich dafür immer als perfekten Ort empfunden, für freie Subjektivität und autonome Disziplin. Mir war er licht und leicht, ein Raum freier Reflexion und generalisierter Widerständigkeit gegen alle scheinbaren Sachzwänge. Die Spontis, die sanft, ironisch und hegemonial den 116-Meter-Turm beherrschten, lebten dieses Programm, vom Pathos befreit und in ironisch gebrochener Irregularität.

Mir kommt es vor, als verglühe all das endgültig, wenn der Turm zusammenfällt. Es ist ein Skandal. Es fühlt sich an, als werde mir mein halbes Leben weggesprengt. Da können auch die Spontis nichts mehr machen. Und wenn schon, denn schon. Wenn er schon fallen soll, dann nicht mit dem Geschabe endlos nagender Bagger, sondern besser mit einem großen Knall.

Die Sprengung wird am Sonntag live auf SPIEGEL ONLINE zu sehen sein.

  • Michael Stadnik/UTV
    Der Turm machte zu: Im April 2013 hatte Andreas Hänssig, Leiter des Büros für Schulpraktische Studien, seine letzten Arbeitstag im AfE-Turm - unter sehr erschwerten Bedingungen. Hier erklärt er, warum er hinter Stacheldraht Studenten beraten musste und warum der AfE-Turm so gern von Demonstranten besetzt wurde. mehr...

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insgesamt 78 Beiträge
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oma_kruse 31.01.2014
1. Teure Freiheit
Schön, dass Herr Scheerer wenigstens Spaß gehabt hat. Die nachfolgenden Studenten- und Wissenschaftlergenerationen haben teuer für die Freiheit von Herrn Scheerer bezahlt. Leute wie er haben das Vertrauen in die Institution Universität in wenigen Jahren durch die Nase gezogen. Die Konsequenz ist, dass sich der Nachwuchs heute von Jahresstelle zu Drei-Jahresstelle hangeln muss, und selbst Professoren nur noch Zeitstellen bekommen, aus Angst, sie könnten so versiffen und versacken wie die Generation Scheerer. Schade und schlimm für Deutschland.
tritop 31.01.2014
2. Putzig.
Da schwebte also ein Adorno und seine "Frankfurter Schule". Die schrieben den ersten Akt im Drehbuch des Niedergangs und pflanzten ihn, politisch korrekt, in die Hirne der Absolventen. Es wird Zeit das dieses Ding fällt.
Vito.Andolini 31.01.2014
3. Hallo Steuerzahler...
Das ist mal wieder ein Beitrag, bei dem jedem, der für sein Geld (körperlich oder geistig) arbeiten muß, der Hut hochgeht. Offenbar zehn Jahre lang durfte der Herr Scheerer diese "paradiesischen Zustände" genießen und dafür auch noch Geld "vom Staat" (besser: von den Menschen, denen die Steuern von ihrem Lohn oder Gehalt abgezogen werden) bekommen. Ohne jede Scham und ohne schlechtes Gewissen wagt er es auch noch, öffentlich diesen Zeiten hinterherzutrauern. Ich hoffe inständig, daß mit der Sprengung dieses Gebäudes auch der Ungeist zerstört wird, der darin haust...
Steve Stipes 31.01.2014
4. Man kann auch alles schönreden
ich habe dort mehrere Jahre als Student gearbeitet und studiert. Hunderte Studenten standen JEDEN Tag vor meist kaputten, lahmen und verschmierten Aufzügen. Zudem wurde das Bauwerk durch unsere netten, aufstrebenden Sozial- und Politwissenschaftlern derart verschandelt, wie man es sonst nur von einem Bahnhofsklo kennt.
Krasputin 31.01.2014
5. optional
Viel Eitelkeit und Selbstbespiegelung dabei - von jeher ein Merkmal der Frankfurter (Schule). Aber auf jeden Fall gut zu hoeren dass es Sponti-Hegemonie, Freigeisterei und ironisch gebrochene Irregularitaet gab. Die Welt ist es dankbar!
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