Spring Break 2005 Flüssigbrot und Spiele

In den Bars führt eigens eine Treppe auf den Tresen, wo sich delirierende Kommilitoninnen der Kleider entledigen. Tagsüber heißt es dann am Strand den Sonnenbrand auffrischen. Die deutschen Studenten Alexander und Johannes mischten sich unter die enthemmte Meute und berichten von der großen Sause der US-Studenten in Cancún.


Die Horde fällt ein: Spring-Break-Party in Acapulco
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Die Horde fällt ein: Spring-Break-Party in Acapulco

Aus den Boxen lärmt der Rapper 50 Cent, er sei ein "P-I-M-P", ein Zuhälter. Am Nebentisch ist der erste Student mit dem Kopf auf der Tischplatte zusammengebrochen. Es ist Abend in Cancún, doch so genau weiß das niemand. Einige Besucher der Diskothek blicken ab und zu auf die Armbanduhr, um sich zu orientieren. Seit 12 Uhr mittags gibt es am Strand Freibier. Und Trinkspiele. Bis zur Dunkelheit kommt da ein erheblicher Alkoholpegel zustande.

Anders lassen sich die Szenen auch nicht erklären, die sich auf dem Tresen abspielen. Von der Tanzfläche führt eigens eine Treppe auf die Theke, wo seit Stunden letztlich alles kurz vor dem eigentlichen Geschlechtsverkehr stattfindet - die Werbebroschüre für die "Get Down and Dirty Doggie-Style VIP Party" sprach zu Recht von "wildly wicked voluptious vixens", völlig enthemmten jungen Frauen, vorsichtig übersetzt.

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Spring Break 2005: Der Ballermann der Jungakademiker

In der tanzenden Menge fallen gerade jene Studentinnen besonders auf, die erst vor kurzem den schneebedeckten Campus-Anlagen des Mittleren Westens entflohen sind - durch schreiend bunte Miniröcke und furchterregend enge Oberteile. Das ist das uniforme Outfit der "Cancún Party Slut", wie die partyhungrigen Jungakademikerinnen wenig schmeichelhaft genannt werden. Videokassetten mit solchen Aufnahmen werden auf amerikanischen Kabelkanälen zu später Stunde gern unter Titeln wie "Girls Gone Wild" für 9,99 Dollar angepriesen.

Alle wollen nur das Eine

Der mexikanische Ferienort zählt zu den Spring-Break-Hochburgen. Zu Tausenden fallen feierwütige amerikanische College-Studenten im Frühjahr ein, genau wie in die amerikanischen Ferienorte Panama City, San Diego, Key West oder Corpus Christi. Die Meute eint ein Wunsch: Babewatch, Party, schneller Sex, Trinken bis zum Delirium. Sich einmal im Jahr gründlich daneben benehmen, nachts feiern und tagsüber den Rausch ausschlafen. Anders als in den amerikanischen Ferienzentren ist in Cancún das Trinken schon mit 18 erlaubt. Ein klarer Standortvorteil.

Der mexikanische Ort Cancún hat mit dem ganzen durchtrainierten, brünftigen Fleisch aus Amerika, das sich tagsüber in der Sonne grillt, nicht viel zu tun. Den Ort erreicht man erst durch eine zehnminütige Busfahrt von der Hotelzone aus. Außer den üblichen Neppern, Schleppern und Bauernfängern ("Half price, my friend! Come see my shop!") scheint die Welt des "Spring Break" hier unfassbar weit weg zu sein.

Standortvorteil: Trinken darf man in Cancún schon mit 18
AP

Standortvorteil: Trinken darf man in Cancún schon mit 18

Paralleluniversum Cancún: Ein unterlegener Bürgermeisterkandidat wollte mit Hilfe der lokalen Polizei die Macht an sich reißen. Seine Festnahme durch die Bundespolizei scheitert am Widerstand loyaler Protestler. Die Feuerwehr blockiert öffentliche Gebäude. Im Devotionalien-Geschäft der katholischen Kirche werden Bücher verkauft, die vor einer internationalen jüdisch-freimaurerischen Verschwörung warnen.

Doch das Lokalkolorit interessiert die zugereiste Partymeute kaum: Im Bus rufen betrunkene Springbreaker Fanparolen gegen das Baseball-Team der New York Yankees. Am Straßenrand liegt ein junger Amerikaner in einer Lache aus Erbrochenem.

Bier aus Babyflaschen

Strandparty in der Großkneipe Fat Tuesday. Das Konzept ist schlicht: Flüssigbrot und Spiele. Seit Stunden fließt das Freibier, dazu finden obszöne Gladiatorenkämpfe unter der Leitung eines Animateurs statt, der sich "Mr. Mexican Burrito" nennt. Sein afroamerikanischer Begleiter preist sich als "Oralspezialist" an. Mangel an Freiwilligen besteht keiner, auch wenn bei dem Spiel nur Jungfrauen zugelassen sind (allgemeines Johlen).

Das Spektakel funktioniert so: Vier junge Damen nuckeln Bier aus Babyflaschen, die sich männliche Springbreaker zwischen die Beine geklemmt haben. Das Publikum ist hingerissen. Am schnellsten leert eine Studentin aus Pennsylvania die Flasche, die Verliererinnen werden vom Publikum begeistert beschimpft mit dem immergleichen Schmähruf: "Fuck you, biyatch!", dazu der ausgestreckte Mittelfinger.

Bikini-Wettbewerb: Traditionell ein Burner in Cancún
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Bikini-Wettbewerb: Traditionell ein Burner in Cancún

Die nächsten vier Teilnehmer, diesmal männlich, müssen die Hosen runterlassen. Sie bekommen mit Strandschlappen den Hintern versohlt ("Who's your mamma?"), während sie Bier aus einem Trichter trinken. Wenigstens müssen sie sich keine schwarzen Kapuzen über den Kopf ziehen.

In der amphitheaterähnlichen Arena beweisen Teilnehmerinnen unter dem begeisterten Schreien der Menge, dass ihre Brustwarzen gepierct sind. Dann sollen fünf College-Studentinnen ein rotes Schamhaar nach vorne bringen. Sie schaffen es tatsächlich. Etwas abseits steht eine Touristin, längst aus dem College-Alter heraus. Daneben ihr vierjähriger Sohn. Er hält sich die Ohren zu.

Zuhälter-Olympiade

Die Freak-Show läuft am nächsten Tag in fernsehtauglicher Ausgabe beim Sender MTV. Die tags zuvor gecasteten Kandidaten messen sich bei den Pimp-Olympics, der Zuhälter-Olympiade. Sie müssen dicke silberne Halsketten über einen Spazierstock werfen.

Der Springbreaker ist härtere Spiele gewohnt. "This is fucking lame", tönt es aus der Menge. Eine Kandidatin gesteht, das sie schon einmal eine andere Frau geküsst hat und erntet dafür nur halbherziges Gejohle - sich küssende Frauen gehören auf den Partys zum Standardprogramm.

Der Gewinner des Zuhälter-Wettbewerbs darf sich dann eine "Spring Break Fantasy" erfüllen: Er möchte von einem Baywatch-Babe gerettet werden. Ein Bikini-Model im roten Badeanzug ist auch sofort zur Stelle, muss sich aber Buh-Rufe gefallen lassen, weil sie bei der Mund-zu-Mund-Beatmung den Mund zulässt. Schnitt, noch mal von vorne: "Ihr wollt doch auf MTV zu sehen sein, oder?" beschwört der Regieassistent die Menge. Beim nächsten Mal wird brav geklatscht und gebrüllt.

Eine Mexikanerin bahnt sich ihren Weg durch die schwitzenden Körper, um die leeren Flaschen aufzusammeln, immer gebückt, damit sie nicht aus Versehen gefilmt wird. Die Fantasie der nächsten Gewinnerin: Von einem attraktiven Typen lernen, wie man einen "richtig großen" Golfschläger hält. Das klingt zwar anzüglich, stellt sich dann aber als wörtlich gemeint heraus. Die ersten Zuschauer gehen, im Dady'O gibt es jetzt Gratis-Cocktails. Der echte Spring Break findet woanders statt.

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