Umgang mit Seminarstörern Letzter Ausweg: nonverbales Ansprechen

Rascheln, essen, Steckdose suchen - manche Studenten benehmen sich im Seminar, als stünde vorn kein Mensch an der Tafel. Für dünnhäutige Dozenten gibt es darum ein Seminar: Im Rollenspiel lernen sie, was wirklich gegen Störer hilft.

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Studentenbändiger: Harald Kania und Anne Hochscherf leiten den Workshop zum Umgang mit schwierigen Lehrsituationen
Nike Laurenz

Studentenbändiger: Harald Kania und Anne Hochscherf leiten den Workshop zum Umgang mit schwierigen Lehrsituationen


Es knistert, es zischt, es brummt: Wenn es für Studenten der TU Dortmund an diesem Morgen um 8.30 Uhr um die "Einführung in die elektrische Energietechnik" geht, dann wird in Hörsaal 1 erst mal in Ruhe gefrühstückt. Manche scheinen einzutrudeln, wann es ihnen passt. Einige pellen ihre Brötchen aus der Alufolie, und wieder andere drehen an ihren Mineralwasserflaschen mit extra viel Kohlensäure.

Gut 200 Studenten starten locker in den Unitag, doch bei Dozenten kann die fehlende Aufmerksamkeit gepaart mit niederschwelligen Störgeräuschen Stress auslösen. Denn wie lässt sich mit Geraschel, mit endlosem Getuschel oder penetrantem Tastaturgeklacker umgehen? Was tun bei Störungen in Seminaren?

Die Servicestelle Lehrbeauftragtenpool, eine Kontaktstelle für Lehrbeauftragte von vier nordrhein-westfälischen Hochschulen, will diese Fragen in eintägigen Workshops beantworten. Der Psychologe Harald Kania, 43 und Professor an der Fachhochschule des Bundes, und die Diplompädagogin Anne Hochscherf, 42, sind da, um schwierige Situationen in der Lehre zu analysieren und um gemeinsam mit teilnehmenden Dozenten nach Lösungen zu suchen.

Störfaktor Nummer eins: Steckdose finden und googlen

Essen im Unterricht, Tratschen in der Bank - das klingt nach Problemen, die man normalerweise im Schulbetrieb verorten würde. Stören Studenten anders oder auffälliger als früher? "Sicher ist: Früher haben Studenten genauso gestört wie heute - nur heute tun sie es manchmal mit anderen Mitteln", sagt Psychologe Kania. In der modernen Vorlesung klingeln Smartphones, Studenten kriechen unter Stuhlreihen, um Laptops an Steckdosen anzuschließen. Oder sie stellen das Wissen des Dozenten nebenher per Google-Suche in Frage.

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"Muss ich sowas persönlich nehmen?", fragt Teilnehmerin Sabine Weismann*. Mit ihr sitzen sieben weitere Lehrbeauftragte aus NRW im Workshop der Servicestelle in der Fachhochschule Düsseldorf. Sie sollen lernen, wie Störungen zustande kommen. Nicht weil sie vor lauter Stress zusammenzubrechen würden, wie alle eilig betonen. "Sondern, weil ich auf der Suche nach Erfahrungen bin", sagt Sascha Lehmann*. Teilnehmer Josef Laubers*, 42, fügt hinzu: "Ich komme nicht aus Not, sondern aus Neugier."

Party-Spiel für den Perspektivwechsel

Dann feiern die Seminaristen zuerst einmal eine Party - allerdings tun sie nur so als ob. In der Simulation einer lockeren Gesprächsrunde versuchen sie, ihre eigenen Performance im Seminar zu reflektieren. In dem Rollenspiel mimt Laubers einen Studenten bei der Absolventenparty. Er erklärt, warum er jedes Mal früher als die Kommilitonen zusammenpackt: "Ich habe einen Job und ohne den kann ich mein Studium nicht finanzieren", sagt der Studentensimulant. Später wird Laubers sagen, dass er seine Argumente wirklich gutfand, und künftig mehr Verständnis für frühe Einpacker haben will.

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Verständnisvoll sein ist aber nicht immer die Lösung. In einer anderen Übung tun die Teilnehmer so, als seien sie selbst die Störenfriede, die den Dozenten zur Weißglut bringen. Mit Gequatsche und Gelächter, mit Handy-Dingdong und Stühlerücken. Jemand geht raus, nur um nach ein paar Minuten mit Kaffee und Brötchen wieder hereinzukommen.

Der Teilnehmer, der den Dozenten spielt, ignoriert fast alles. "Vieles hat mich gar nicht abgelenkt. Weil ich es überhaupt nicht bemerkt habe", sagt Sascha Lehmann später. Es muss also einer richtig Krach machen, damit der Dozent eine Störung wahrnimmt? "Das ist individuell verschieden. Jeder entscheidet selbst, was für ihn eine Störung ist", sagt Psychologe Kania.

Probleme einfach mal "nonverbal" ansprechen

Also Nervensägen einfach ignorieren? Nein, sagen beide Workshop-Leiter. Doch ein konkretes Rezept zur Verhinderung von Seminarstörungen gebe es nicht. "Falls der Geräuschpegel im Seminarraum immer weiter ansteigt, kann es hilfreich sein, kurz zu schweigen", rät Anne Hochscherf. "Oder stellen Sie sich direkt hinter denjenigen, der quatscht, und fahren Sie in seiner Nähe fort." Das sei dann "nonverbales Ansprechen des Problems". Auch ungern in Seminaren gesehen: der Dazwischenrufer. Dem sollte man nicht direkt das Wort abschneiden, sondern positiv reagieren, empfiehlt Hochscherf. "Sagen Sie: 'Ja, Sie haben recht, wobei wir uns heute mit etwas anderem beschäftigen möchten.'"

Ob redselig oder schüchtern, streitlustig oder dickfellig: Warum Studenten sind, wie sie sind, findet nur heraus, wer sich in sie hineindenkt. Klare Verhaltensregeln am ersten Seminartag helfen, damit alle wissen, was sie voneinander erwarten. Und: Quelle einer Störung sind auch nicht immer die Studenten selbst. Auch schlechte Raumtechnik oder überfüllte Veranstaltungen machen Zuhörern und Dozenten das Lehren und Lernen schwer.

Und was, wenn trotz aller pädagogischer Mühen nichts mehr geht und die Veranstaltung völlig aus dem Ruder läuft? "Dann hilft manchmal nur eine kurze Unterbrechung", sagt Kania. Etwa eine kleine Kaffeepause - oder erst einmal lecker frühstücken.

* Namen aller Teilnehmer von der Redaktion geändert

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insgesamt 68 Beiträge
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Seite 1
deutscherdussel 18.07.2014
1. Schafft
vernünftige Regeln für diese verwöhnten Kindergartenstudenten und jammert nicht rum, ihr Herren Dozenten. Und für jedes Problemchen einen Workshop? Wer zahlt das ?
ändern 18.07.2014
2. Was gegen störende Studenten hilft...
...einfach mal auf die Anwesenheitspflicht verzichten. Wer unter Zwang in einem Kurs sitzt, obwohl er sich den Stoff lieber selbst erarbeiten möchte, ist natürlich nicht so aufmerksam wie jemand, der freiwillig dem Dozenten zuhört. Und bei einem gefüllten Bachelor-Stundenplan ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass spätestens beim dritten Kurs am Tag die Aufmerksamkeit flöten geht. In der Hinsicht sind Studenten auch nur Menschen, auch wenn sie nach einem höheren Bildungsabschluss streben.
polarwolf14 18.07.2014
3. Workshops wie lustig
Heute brauchen sogar Dozenten rat vorm Flipchart. Studierende mit Abitur aber trotzdem ohne Studierbefähigung werden immer mehr und 'Berater' die eigentlich keiner brauch, erzählen Dozenten was sie tun sollen mit lustigen Bildchen . 2014. Ich schäme mich.
damp2012 18.07.2014
4. Vielleicht etwas weniger ...
... "weichgespült"?!?!! Wo ist das Problem, klare Regeln zu vereinbaren? Das gilt ebenso für Meetings, in denen Handys ausgeschaltet zu sein haben und bitte auch niemand seine SMS und Emails checkt - alles andere ist weder wertschätzend noch respektvoll und das Fehlen dieser Eigenschaften beklagen wir doch alle, oder? Aber schließlich sind wir alle es, die auch etwas dagegen tun können - einfach machen!!!
it--fachmann 18.07.2014
5. Nun es ist schon ein wenig härter geworden an deutschen Hochschulen
Ich besuche manchmal auch noch Vorlesungen an meiner alten Hochschule, einfach um Kontakt zu halten, oder buche auch schon mal ein ganzes Seminar, wenn mich das Thema interessiert. Also ich habe den Eindruck, vor ein paar Jahrzehnten waren wir braver. Das liegt vielleicht mal gar nicht so am veränderten Studententypus, sondern vielmehr an veränderten Umweltbedingungen. Handys und das Geklappere der Laptops ist für alle lästig, nicht nur für die Dozenten (nur gut, dass immer mehr Studenten auf Tabletts umsteigen). Er gab aber damals auch autoritäre Dozenten als heute, vor allem in Anfängervorlesungen habe die teilsweise recht brutal durchgegriffen. Wer bspw. seine Nachbarn fragte, weil er etwas nicht mit bekommen hatte, flog raus, oder wer nach dem Dozenten in den Vorlesungssaal kam, wurde erst gar nicht rein gelassen. Aber solche Typen waren Gott sei Dank in der Minderzahl, nicht beliebt bei ihren Kollegen und bei uns Studenten schon gar nicht. Ich erwähne das auch nur, damit heutige Studenten ihre Situation besser einschätzen können - denn sie objektiv gar nicht so schlecht. Und deshalb könnte man auch den Dozenten ein wenig mehr Empathie entgegen bringen, denn die Meisten von denen versuchen auch ihren Studenten mit Empathie zu begegnen. Wenn jemand in den ersten Minuten des Seminars noch sein Frühstücksbrötchen runterschlingt oder seinen Kaffee zu Ende trinkt, da hat ja auch niemand was dagegen. Penetrante Störungen, die natürlich auch den aneren Kommilitonen auf den Geist gehen, sollten aber vermieden werden. Soviel geistige Reife sollte man jedem voraus setzen, der eine Hochschule besucht.
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